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Essay

Die Linke hat die Fatwa verinnerlicht

Von Kenan Malik
02.01.2009. Vor bald zwanzig Jahren hat Ayatollah Khomeini zum Mord an Salman Rushdie aufgerufen. Seitdem betreibt die westliche Linke eine Politik der Beschwichtigung, durch die sie die Ungeheuer, die sie fürchtet, erst schafft.
Als die "Satanischen Verse" 1988 erschienen, sollten sie die Welt in Erregung versetzen, allerdings nicht ganz so, wie sie es dann taten. Salman Rushdie war zu dieser Zeit der vielleicht gefeiertste junge Romancier Großbritanniens. Die "Mitternachtskinder", sein geist- und witzsprühender Schelmenroman über das Indien nach der Kolonialzeit, hatten seinen Ruhm begründet. 1981 gewann er dafür den Booker Prize und später den Booker of Bookers als bester aller mit dem Booker Prize ausgezeichneten Romane. Zwei Jahre nach den "Mitternachtskindern" kam "Schande", ein satirisches Märchen über Pakistan. Und dann die "Satanischen Verse", nach fünf Jahren Arbeit, getragen von einem bis dahin unerhörten Vorschuss von 850.000 Pfund des Penguin Verlags. Es gab schon Legenden über diesen Roman, bevor er überhaupt veröffentlicht war. Nach der Veröffentlichung haben sich die Legenden noch vervielfacht.

Innerhalb eines Monats waren die "Satanischen Verse" in Rushdies Geburtsland Indien verboten. Am Ende des Jahres hatten Demonstranten ein Exemplar des Buchs in den Straßen von Bolton, England, verbrannt. Und dann, am 14. Februar 1989, kam das Ereignis, das die Affäre auf eine neue Ebene hob - die Fatwa des Ayatollah Khomeini. Die Fatwa verwandelte die bisher auf Großbritannien und den Subkontinent begrenzte Rushdie-Affäre in einen globalen Konflikt mit welthistorischen Auswirkungen. Aus einem Streit über Gotteslästerung und Meinungsfreiheit wurde eine Sache des Terrors und der Geopolitik.

Für viele schien der Streit aus dem Nichts zu kommen. Andere, gerade im Westen, sahen im Bild des brennenden Buchs und in der Fatwa ein Omen für eine neue Art von Konflikt. Gewiss, von den Notting Hill-Unruhen in den fünfziger Jahren bis zu den Straßenschlachten in den Achtzigern waren Schwarze und Asiaten immer wieder in bittere Konflikte mit den britischen Autoritäten verstrickt. Aber das waren meist politische Konflikte - Streitigkeiten um Gewerkschaftszugehörigkeit, Rassendiskriminierung, Polizeiausschreitungen gab es schon vor der Zeit der Massenimmigration.

Die Rushdie-Affäre war anders. Sie war der erste große kulturelle Konflikt. Die Wut der Muslime wurde nicht durch Polizeigewalt, Diskriminierung oder Armut ausgelöst, sondern - so schien es - aus dem Gefühl heraus, dass Rushdie durch seine Worte tiefste Glaubensüberzeugungen verletzt hatte.

Aus zwanzig Jahren Entfernung betrachtet, erscheint die Rushdie-Affäre wiederum als ein Konflikt aus einer versunkenen Zeit, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Denn die Fragen, die hier aufgeworfen wurden - das Wesen des Islams, seine Beziehung zum Westen, die Bedeutung des Multikulturalismus, die Grenzen der Toleranz in einer freien Gesellschaft, die Grenzen der Meinungsfreiheit in einer vielfältigen Welt - zählen inzwischen zu den Grundproblemen unseres Zeitalters. Und es ist die Politik der Zeit vor der Rushdie-Affäre, die uns heute anormal vorkommt.

Es ist heute weithin akzeptiert, dass wir in einer multikulturellen Welt leben und dass es in einer solchen Welt wichtig ist, andere Völker und Kulturen nicht zu beleidigen. Wie der Soziologe Tariq Modood sagt: "Wenn die Leute im gleichen öffentlichen Raum ohne Konflikt zusammen leben sollen, dann müssen sie das Ausmaß, in dem sie die Grundüberzeugungen der anderen kritisieren, begrenzen." Kurz vor der Veröffentlichung der "Satanischen Verse" sagte Rushdie in einem Interview: "Es wäre absurd zu denken, dass ein Buch Krawalle auslösen kann."

Heute haben wir längst akzeptiert, dass ein Buch in der Tat Krawalle auslösen kann und dass wir genau überlegen müssen, was für Bücher wir schreiben und was für Karikaturen wir zeichnen, welche Witze wir erzählen, welche Kunst wir schaffen.

Wie weit sich das Terrain, auf dem wir stehen, verschoben hat, zeigt sich, wenn man die Reaktion auf die "Satanischen Verse" mit der auf "Das Juwel von Medina" vergleicht. Dieser Roman der amerikanischen Journalistin Sherry Jones ist eine flott erzählte, fast liebesromanzenhafte Erzählung über Aischa, die jüngste Frau des Propheten Mohammed. Der amerikanische Verlag Random House hatte ursprünglich einen Vorschuss von 100.000 Dollar für das Buch bezahlt. Dann verurteilte die amerikanische Islamwissenschaftlerin Denise Spellberg, eine Dozentin für islamischen Geschichte an der University of Texas, an die man das Buch in der Hoffnung auf ein positives Zitat gesandt hatte, den Roman als anstößig. Random House ließ es sofort fallen. Kein anderer größerer Verlag in Amerika traute sich danach an das Buch heran.

1989 hatte selbst das Todesurteil des Ayatollah die Veröffentlichung der "Satanischen Verse" nicht stoppen können. Rushdie musste sich fast ein Jahrzehnt lang verstecken. Übersetzer und Verleger wurden umgebracht, Buchläden angegriffen, und die Penguin-Angestellten waren mit schusssicheren Westen unterwegs. Aber Penguin schwankte nie in seinem Willen, das Buch zu veröffentlichen. Heute reicht der Brief einer aufgeregten Akademikerin, um einen Verleger in die Deckung zu treiben. 20 Jahre nach den "Satanischen Versen" zeigt der Rückzug des "Juwels von Medina", dass die Fatwa verinnerlicht wurde.

Der Mentalitätswandel in der politischen und kulturellen Landschaft hat seine eigenen Legenden um die Rushdie-Affäre, ihre Ursachen und die daraus zu ziehenden Lehren hervorgebracht. Da diese Legenden heute unsere Haltung zu Meinungsfreiheit, Multikulturalismus und den radikalen Islam prägen, lohnt es sich, einen neuen Blick auf die Affäre zu werfen.

Die erste Legende besagt, dass der Streit um Rushdies Roman religiös motiviert gewesen sei. Das war er nicht. Es war ein politischer Konflikt. Die "Satanischen Verse" wurden in Indien zum Thema gemacht, weil im November 1988, zwei Monate nach der Veröffentlichung des Romans, Wahlen bevorstanden. Islamistische Hardliner nutzten Rushdies Buch, um Zugeständnisse zu erhalten. In der Folge wurde es auch in Großbritannien zum Thema und zu einer Waffe im Fraktionsstreit unterschiedlicher islamischer Gruppen.

Noch bedeutender war das Ringen zwischen Saudiarabien und dem Iran um die Vorherrschaft in der islamischen Welt. Seit den siebziger Jahren nutzte Saudiarabien seine Öleinnahmen, um salafistische Organisationen und Moscheen in der ganzen Welt zu unterstützen und so seine Position als Repräsentant der Umma zu festigen. Dann kam die Islamische Revolution des Jahres 1979, die den Schah niederwarf, eine Islamische Republik errichtete und eine direkte Kampfansage an Riad darstellte.

Die Rushdie-Affäre wurde zu einem Faustpfand in dieser Auseinandersetzung zwischen Saudiarabien und dem Iran. Die Saudis gründeten das "UK Action Committee on Islamic Affairs", die wichtigste Anti-Rushdie-Gruppe in Großbritannien. Saudiarabien finanziert die Gruppe und setzte einen Diplomaten als einen der Vorsitzenden ein. (Der andere Vorsitzende war übrigens der spätere Generalsekretär des 1997 gegründeten "Muslim Council of Britain" Iqbal Sacranie, der auf dem Höhepunkt der Rushdie-Affäre sagte, dass "der Tod noch zu gut für ihn ist".) Die Fatwa war der iranische Versuch, die Initiative wieder an sich zu reißen, in einer Zeit, als der Iran nach seinem Rückzug aus dem Krieg mit dem Irak sein Gesicht verloren hatte und als politische Reformer in Teheran wieder Gewicht gewannen.

Die zweite Legende besagt, dass sich die Muslime durch die "Satanischen Verse" beleidigt fühlten. Die meisten Muslime kümmerte das Buch so gut wie gar nicht. Vor der Fatwa war die Kampagne gegen die "Satanischen Verse" auf den indischen Subkontinent und Großbritannien begrenzt. Jenseits der saudiarabischen Aktivitäten gab es etwa in der Türkei, in anderen arabischen Ländern oder in den muslimischen Gemeinden Frankreichs oder Deutschlands wenig Begeisterung für eine Kampagne gegen den Roman. Als Saudiarabien Ende 1988 versuchte, ein Verbot des Buchs in muslimischen Ländern durchzusetzen, reagierte, mit Ausnahme von Ländern, die wie Südafrika oder Malysia eine starke indopakistanische Bevölkerung hatten, kaum eine Regierung. Selbst im Iran war das Buch frei erhältlich und wurde in vielen Ländern besprochen.

Heute bezeichnet man im islamischen Zusammenhang mit dem Wort "radikal" einen religiösen Fundamentalisten. Vor zwanzig Jahren meinte man damit das Gegenteil - einen radikalen Säkularisten. In Großbritannien hatten Organisationen wie die "Asian Youth Movements", die sowohl den Rassismus als auch die Macht der Moscheen bekämpften, starken Zulauf. Für viele solcher weltlich gesinnten Muslime war Rushdie ein Held, denn er wurde als der schärfste Gegner von Rassismus und Klerikalismus verehrt.

Die dritte Legende liegt in der Wahrnehmung der Rushdie-Gegner als männlich, mittelalt, schlecht ausgebildet, schlecht integriert und fromm bis zur Blindheit - das gleiche Bild wird ja bis heute über islamische Terroristen verbreitet. Manche entsprachen diesem Bild tatsächlich. Aber viele waren jung, links, redegewandt, gebildet, integriert. Die wenigsten von ihnen dachten religiös oder gar fundamentalistisch. Viele waren auch Mitglied des "Asian Youth Movement" oder engagierten sich in linken Organisationen, und viele sahen Rushdie als eine wichtige Figur in ihrem Kampf.

Warum wurden sie also in die Anti-Rushdie-Kampagne hineingezogen? Zu einem großen Teil aus Enttäuschung über die säkulare Linke einerseits und die Institutionalisierung multikultureller Politik andererseits. Die Auflösung der Linken in den achtziger Jahren, die Lossage vom Universalismus und Hinwendung zu ethnischen Partikularismen, die Verschiebung von einer ideologischen hin zu einer identitären Politikauffassung drängte viele junge, ursprünglich weltlich denkende Asiaten zum Islamismus als einer alternativen Weltsicht. Und dieser Prozess wurde durch eine immer ausgesprochenere Politik des Multikulturalismus verstärkt.

Jede Gruppe einer "multirassischen, multikulturellen Stadt", so besagte es ein offizielles Dokument der Stadt Bradford, hat "ein gleiches Recht auf Aufrechterhaltung ihrer Identität, Kultur, Sprache, Religion und Sitten". Solch eine multikulturelle Politik ermutigte ein immer fokussierteres Identitätsgefühl. Zugleich wandten sich Politiker auf Gemeinde- und auf nationaler Ebene angesichts der Gewalt auf den Straßen immer stärker religiösen Führern als konservativen Bollwerken zu. So war der Bradford Council of Mosques, der im Januar 1989 die berühmte Demonstration organisierte, bei der ein Exemplar der "Satanischen Verse" verbrannt wurde, vom Stadtrat der Stadt Bradford selbst geschaffen worden, um der muslimischen Gemeinde eine Stimme zu geben. Der neue Konnex zwischen Stadtrat und Moscheen gab der konservativen Führung dieser Gemeinden eine größere Autorität und drückte die eher weltlichen Gruppierungen an den Rand. Säkulare Muslime galten nun als Verräter ihrer Kultur und wurden der "weißen Linken" zugerechnet, während der radikale Islam vielen zwar nicht unbedingt akzeptabler, aber doch authentischer erschien.

Der Multikulturalismus hat den radikalen Islam nicht geschaffen, aber er trug dazu bei, ihm einen Platz in den muslimischen Gemeinden Großbritanniens freizuräumen, der vor den späten achtziger Jahren nicht existiert hatte. Antirassistischer Protest entzündete sich seit den achtziger Jahren immer weniger an Fragen der Politik und Immigration und immer mehr an religiösen und kulturellen Themen: Muslimische Schulen, getrennte Erziehung für Mädchen, Halal-Fleisch in Schulkantinen und - am explosivsten - der Streit um Rushdies "Satanische Verse".

Der Protest gegen Rushdie kam also ganz und gar nicht aus dem Nichts. Er spiegelte die veränderte soziale und politische Landschaft in den westlichen Gesellschaften der achtziger Jahre wider. Er veränderte diese Landschaft. Er konnte sie verändern, weil Linke und Liberale ihre Prinzipien aufgaben.

Vor zwanzig Jahren verteidigten die meisten Linken Rushdies Recht auf Veröffentlichung der "Satanischen Verse", trotz der Provokation für viele Muslime. Heute argumentieren viele gegen ein Festhalten an Prinzipien und für eine Rücksichtnahme auf die so tief gefühlten religiösen und kulturellen Empfindlichkeiten. Die Vermeidung "kulturellen Schmerzes" zählt mehr als das bloße abstrakte Recht auf freie Meinungsäußerung.

Aber eine solche Politik schafft die Probleme erst, die sie lösen will. Das "Juwel von Medina" ist das beste Beispiel. Nicht ein einziger Muslim hatte etwas gegen das Buch eingewandt, bevor Random House es zurückzog. Es ist gut möglich, dass sich auch nach der Veröffentlichung keine Einwand erhoben hätte. Aber nachdem Random House die angebliche Anstößigkeit des Buchs zum Thema gemacht hatte, war es unvermeidlich, das sich einige Muslime auch beleidigt fühlten. Nach dem Rückzug von Random House wurde das Buch in Großbritannien von dem kleinen unabhängigen Haus Gibson Square herausgebracht, dessen Verleger Martin Rynja ein entschiedener Verteidiger der freien Meinungsäußerung ist. Am 26. September - genau zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung der "Satanischen Verse" - wurden seine Büros durch eine Bombe in Brand gesetzt. Rynja lebt immer noch im Versteck.

Schwer zu sagen, ob die Bombe gelegt worden wäre, wenn Random House das "Das Juwel von Medina" ohne Aufhebens veröffentlicht hätte. Es wird immer Extremisten geben, gegen sie kann man wenig ausrichten. Das eigentliche Problem ist, dass ihren Aktionen von jenen Linken, die Beleidigungen als moralisch unannehmbar ablehnen, eine falsche Legitimität verliehen wird.

Die nie gelernte Lektion aus der Rushdie-Affäre ist, dass sich die Linke ihre eigenen Ungeheuer geschaffen hat. Die linke Angst davor, andere zu beleidigen, hat eine Kultur der schnell Beleidigten entstehen lassen. In einer Szene der "Satanischen Verse" findet sich eine der Hauptfiguren, Saladin Chamcha, in einem Abschiebegefängnis für Immigranten wieder. Alle Insassen haben sich in Ungeheuer verwandelt und sehen aus wie Fabelwesen und Wasserbüffel. "Wie konnten sie euch das antun?", will Saladin wissen. "Sie beschreiben uns, das ist alles. Sie haben die Macht der Beschreibung und wir erliegen den Bildern, die sie von uns konstruieren."

Rushdie hat hier über Rassismus geschrieben. Aber die Szene könnte ebenso gut von der Reaktion auf die Rushdie-Affäre handeln. Durch die Legenden, dass die Ablehnung der "Satanischen Verse" religiös begründet sei, dass die Muslime sich beleidigt fühlten und dass Redefreiheit in einer pluralen Gesellschaft notwendigerweise engere Grenzen habe, haben Linke und Liberale eine Kultur des Beleidigtseins gezüchtet, in der die Behauptung von Verletztheit zum Identitätsbeweis wird. Die Legenden der Rushdie-Affäre haben die Post-Rushdie-Ungeheuer erst geschaffen. Wir werden die Monster nicht loswerden, ohne uns von diesen Legenden zu verabschieden.

Kenan Malik

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Der auf einer Rede basierende Essay erschien auf Englisch zunächst in Spiked Online. Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung. Kenan Maliks Buch "From Fatwa to Jihad: The Rushdie Affair and its Legacy" wird bei Atlantic Books im April 2009 veröffentlicht.


Übersetzung: Thierrry Chervel

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