Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Aus dem Archiv
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Das Jerusalem-Syndrom

Über die Reaktionen des Westens auf den Libanonkrieg. Von Andre Glucksmann
09.08.2006. Ein surreales Drehbuch geistert durch die Hirne des 21. Jahrhunderts. Es behauptet, dass alles sich an den Ufern des Jordan entscheidet.
Die Empörung so vieler Empörter empört mich. Für die Weltöffentlichkeit wiegen die einen muslimischen Toten so leicht wie eine Feder, die anderen Tonnen. Zwei Maße, zwei Gewichte. Die tagtäglichen terroristischen Attentate gegen Zivilisten in Bagdad mit 50 Toten und mehr werden als Meldung im Ressort Verschiedenes abgehakt, während die Bombe von Kana mit 28 Toten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeprangert wird - nur wenige Intellektuelle wie Bernard-Henri Levy oder wie Magdi Allam, der Chefredakteur des Corriere della Sera, wundern sich darüber.

Warum erregen die 200.000 abgeschlachteten Muslime von Darfur nicht wenigstens die Hälfte eines Viertels des Entsetzens, das zweihundert mal weniger Tote im Libanon auslösten? Muss man also annehmen, dass Muslime, die von Muslimen getötet werden, nicht zählen - weder für die Hüter des Korans noch für das schlechte Gewissen des Westens? Die Erklärung hinkt, denn wenn die russische - christliche und von ihren Popen gesegnete - Armee die Hauptstadt der tschetschenischen Muslime schleift (Grosny, 400.000 Einwohner) und dabei Zehntausende von Kindern tötet, zählt das ja auch nicht. Der Sicherheitsrat hält in diesem Fall nicht Sitzung auf Sitzung ab, und die Organisation der islamischen Staaten wendet fromm die Augen ab. Daraus ist zu schließen, dass nur der von Israelis getötete Muslim des Weltentsetzens würdig ist.

Sollen wir annehmen, dass die Weltöffentlichkeit die von Ahmadinedschad lauthals geäußerten Ideen stillschweigend teilt? Und doch zeigen sich so viele von den Bomben im Libanon bestürzte Bedenkenträger empört, wenn man sie des Antisemitismus verdächtigt. Ich möchte ihnen glauben. Wir mögen uns nicht vorstellen, dass der ganze Planet in antijüdischer Paranoia versinkt! Aber dann wird die Sache noch rätselhafter. Woher diese halbseitige Lähmung? Warum schreckt die Welt nur bei israelischen Bomben auf?

Womöglich schockieren die Toten des Libanon so unvergleichlich viel mehr als die Verhungernden in Darfur und die Ruinen in Tschetschenien, weil sie als Fanale einer surrealistischen Geopolitk wahrgenommen werden. Wer die Aktualität in Gaza oder Kana verfolgt, zählt die Toten nicht einfach als Tote schlechter Tage - die Särge dieser Opfer umgibt der Nimbus einer fatalen Verheißung, an den hunderttausende Kadaver aus Afrika und dem Kaukasus einfach nicht heranreichen. Identifizieren nicht Legionen von Experten seit Jahrzehnten den Nahostkonflikt als Zentrum des Weltchaos und Schlüssel zu seiner Befriedung? Welcher Diplomat wiederholt nicht bis zum Überdruss die Formel von den Höllenpforten zu künftigen Kriegen und den Eingangstoren zur Weltharmonie, die sämtlich in Jerusalem stehen? Ein immer gleiches Drehbuch geistert durch die Hirne des 21. Jahrhunderts. Es behauptet, dass alles sich an den Ufern des Jordan entscheidet. In seiner harten Version liest es sich so: Solange sich vier Millionen Israelis und genauso viele Palästinenser gegenüberstehen, sind 300 Millionen Araber und anderthalb Milliarden Muslime dazu verdammt, in Hass, Blut und Verzweiflung zu leben. Und die rosige Fassung: Wir brauchen nur einen Frieden in Jerusalem, schon erlöschen die Feuer in Teheran, Karachi, Khartoum und Badgad und weichen universeller Eintracht.

Sind unsere Weisen verrückt geworden? Glauben sie ernstlich, dass ohne den israelisch-palästinensischen Konflikt nichts Schlimmes passiert wäre, weder die tödliche Khomeini-Revolution, noch die blutigen Diktaturen der Baath-Parteien in Syrien und im Irak, noch das Jahrzehnt des islamischen Terrorismus in Algerien, noch die Taliban in Afghanistan und die Gotteswütigen in der ganzen Welt? Die traurige umgekehrte Hypothese wird selten aufgestellt, aber sie ist wahrscheinlicher: Jeder Waffenstillstand am Jordan bleibt flüchtig, solange die Paläste und die Straße, ein großer Teil der Intelligentsia und die Generalstäbe der muslimischen Welt an ihrer antiwestlichen Passion festhalten. Die Globalisierung (das heißt die Sprengung der wirtschaftlichen, aber vor allem auch der sozialen und mentalen Grenzen) führt notwendigerweise zu manchmal harten und grausamen Abwehrreaktionen. Man brauchte nicht erst den 1947 gegründeten zionistischen Staat, um die antiwestlichen Ideologien in Deutschland von Fichte bis Hitler zu entwickeln. Und in Russland entsteht der antiwestliche Affekt von den Zaren über Stalin bis zu Putin immer wieder neu. Und die Annahme, dass der iranische Wille zur Macht auf der Suche nach seiner khomeiniistischen Force de frappe in der "Judenfrage" mehr sieht als einen Vorwand für einen universalen Dschihad, wäre naiv. Wer glaubt, dass die grüne Subversion, nachdem sie Israel von der Landkarte radiert hat, ihren Erfolg feiert, indem sie die Waffen niederlegt?

Eine heuchlerische Geopolitik, die den Nahen Osten zum Grundpfeiler der Weltordnung weiht, ist zur Religion der Europäischen Union, zum Glauben der Ungläubigen und kaum Gläubigen des Westens geworden. Postmoderne Denker haben zu Unrecht das Ende der Ideologien verkündet. Tatsächlich baden wir in einer ideologischen Illusion und haben heimlich die trügerische Hoffnung auf das letzte Gefecht gegen die angstvolle Beschwörung einer ebenso absoluten und alles beendenden Katastrophe getauscht. Während unser Kopf surrealistische Gespenster sieht, erblickt unser Herz in jedem Foto aus dem Libanon den Tod des Menschengeschlechts. Jerusalem ist nur deshalb das Zentrum der Welt, weil es für das Zentrum des Endes der Welt gehalten wird. Unsere Trugbilder nähren sich aus apokalyptischen Ahnungen.

So gilt uns jeder Nahostkonflik als Generalprobe für den jüngsten Tag. Man muss den nebelhaften Krieg der Kulturen nur beschwören, um daran zu glauben. Und wer sich darauf einrichtet, findet sich damit ab, eine self fulfilling prophecy. Die jahrelange Bombardierung israelischer Städte durch die Raketen der Partei Gottes wird zum Vorgeschmack für die Vernichtungsversprechen des iranischen Paten. Und doch ist es, wie schon Clausewitz ironisch bemerkt, nicht der Angreifer, der einen Krieg auslöst. Sondern derjenige, der antritt, den Angriff zu stoppen. Folglich ist Israel schuld. Schuld an einem kollektiv herbeifantasierten Weltenende. Von der surrealistischen Geopolitik bis zum Wahn ist es nur ein Schritt.

*

Aus dem Französischen von Thierry Chervel

Der Artikel erschien zuerst im Figaro.

Archiv: Essay

201612345678910111220151234567891011122014123456789101112201312345678910111220121234567891011122011123456789101112201012345678910111220091234567891011122008123456789101112200712345678910111220061234567891011122005123456789101112200412345678910111220031234567891011122002123456789101112

Archiv: Essay

Charlotte Krafft: Das Postpost oder Wege aus dem Ich

19.07.2016. Dem deutschen literarischen Nachwuchs wird immer wieder vorgeworfen, er beschäftigte sich nur mit sich selbst, habe nichts zu sagen und wage nichts. Woher kommen diese Vorwürfe, sind sie berechtigt und wenn ja, warum ist das so? Mehr lesen

Wolfgang Brauneis, Hans-Jürgen Hafner: Das Richtersche Rakel-Treatment

07.07.2016. Ein abstrakter Werkzyklus des großen Malers Gerhard Richter, der jüngst in Baden-Baden ausgestellt wurde, heißt "Birkenau". In der Ausstellung hingen auch Reprografien von vier Bildern, die von Häftlingen des Lagers unter Lebensgefahr aufgenommen und der Anlass von Richters Zyklus waren. Über Strategien, die aus einem "Bild", ein "Mahnmal" und dann ein "Hauptwerk" machen. Und über eine Öffentlichkeit, die diese Strategien flankiert und verstärkt. Mehr lesen

Martin Vogel: Anmerkung zu einem richtigen Urteil

01.07.2016. Der Streit um den Verlegeranteil an den Ausschüttungen der VG Wort ging durch alle Instanzen zum Bundesgerichtshof, der das Verfahren wegen einer vorgreiflichen Entscheidung des EuGH ausgesetzt hatte. Alle vier Gerichte haben gegen die bisherige Praxis entschieden: Die Gelder standen allein den Autoren zu. Die Verleger reagierten empört. Gegenpositionen waren in der Presse kaum zu lesen. Darum scheint mir als dem Kläger in dieser Sache eine Antwort erforderlich. Mehr lesen

Rüdiger Wischenbart: Jener tiefe Riss

27.06.2016. Ein Blick auf die jüngsten Abstimmungen in Österreich und in Britannien zeigt: Nichts ist internationaler als die neuen nationalistischen Konvulsionen. Die Tendenzen gleichen sich zum Teil bis ins Detail. Dass es nur die Abgehängten sind, die gegen die Globalisierung stimmen, ist allerdings unrichtig, denn den Rentnern geht es heute besser denn je. Es hat mehr damit zu tun, was man sich von der Zukunft erhofft. Mehr lesen

Thierry Chervel: Pauken, Zimbeln und Tschingderassassa

24.06.2016. Wie und warum in Lyon die "Entführung aus dem Serail" inszeniert wurde. Und wie es kommt, dass der Perlentaucher drüber schreibt.
Mehr lesen

Wolfgang Ullrich: Kunst und Flüchtlinge: Ausbeutung statt Einfühlung

20.06.2016. Berühmte Künstler wie Olafur Eliasson, Ai Weiwei oder das "Zentrum für Politische Schönheit" machen den Zuschauern verschiedene, nach Intensität gestaffelte Angebote, auf dem Rücken der Flüchtlinge ihre Seelen zu bereichern und ihre "Großgesinntheit" unter Beweis zu stellen. Einwand gegen eine Ästhetik des guten Gewissens. Mehr lesen

Rüdiger Wischenbart: Plötzlich die Stille

24.05.2016. Die Flüchtlingskrise war nur der Auslöser: Die messerscharfe Polarisierung zwischen "den Eliten" und "dem Rest" reicht in Österreich viel weiter zurück. Gerade durch diese Besonderheit, die das Land in zwei gleiche starke Lager spaltet, wird es zum Menetekel für den Rest Europas. Mehr lesen

Aleida Assmann: Zwei Tage im Mai

13.05.2016. Die Gründung der Montanunion am 9. Mai 1950 hat sich nicht als europäischer Gedenktag durchsetzen können. Denn das fundierende Schlüsselereignis für Europa ist der 8. Mai 1945: die Kapitulation Deutschlands und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ob und wie dieser Tag in den verschiedenen Ländern begangen wird, hängt jedoch von den geltenden Geschichtsnarrativen ab - und die sind noch immer umkämpft. Mehr lesen

Wolfgang Kraushaar: Die Ethnozentriker, ihre Vordenker und die Deutschen

22.04.2016. Die Auseinandersetzung mit der AfD vor dem Hintergrund der Flüchtlingsfrage wird der Lackmustest für die deutsche Demokratie. Bislang hat die deutsche Politik den Rechtsextremismus schmählich verdrängt - das Versagen im NSU-Skandal reichte bis in die Spitzen des Apparats. Auf die Fünfprozenthürde für die AfD bei den Bundestagwahlen darf keiner mehr hoffen. Wie also umgehen mit der AfD und den von ihr instrumentalisierten Themen? Mehr lesen

Wolfram Schütte: Jokoser Totschlag

11.04.2016. Weil Jan Böhmermann davon ausging, mit seinen ekligen Sottisen auf primitivster Art über den türkischen Autokraten herziehen zu können, ohne dass er juristisch dafür belangt werden könnte, hat Angela Merkel nun den Salat. Sein Schmähgedicht ist nicht Satire. Mehr lesen

Pascal Bruckner: Neokoloniale Verachtung

26.02.2016. Eine Gruppe von "Experten" nimmt ihren ganzen Mut zusammen, um kollektiv gegen die Meinungsäußerung eines für sich sprechenden Autors zu protestieren. Kamel Daoud wird durch ihre Petition zum Apostaten gestempelt. Er hat sich die Freiheit genommen, die eigene Sphäre zu kritisieren, ein Recht das ihrer Meinung nach nur westlichen Intellektuellen zusteht. Eine Antwort an die Adresse der Wachhunde der Fatwa. Mehr lesen

Daniele Giglioli: Die Willkür unseres Wohlwollens

27.01.2016. Ist es statthaft, Flüchtlinge nicht als Opfer zu sehen, ihnen nicht mit Mitgefühl zu begegnen? Absolut, meint der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli. Denn die Adressierung als Opfer, so gut sie auch gemeint sein mag, verhindert die Auseinandersetzung auf Augenhöhe, gerade auch über unterschiedliche Kultur- und Gesellschaftsvorstellungen. Mehr lesen

Eva Quistorp: In zig Alltagssituationen

18.01.2016. Die einen missbrauchen das Ereignis. Die anderen polemisieren gegen diesen Missbrauch. Keiner kümmert sich um die, um die es wirklich geht: die Frauen zuerst. Und dann die ungeheure Integrationsarbeit. Mehr lesen

Diedrich Diederichsen, Simon Rothöhler: Der Stoff für alle

18.12.2015. Ist der Höhepunkt moderner Serienerzählung bereits überschritten? Oder treten wir in die Lelouch-Phase der Serie ein? Sind Serien immer noch der einzige Stoff, über den sich alle unterhalten können? Und was ist mit ihrem Anspruch auf Gegenwartsdeutung? Ein Gespräch über Serien. Mehr lesen

Gustav Seibt: Zur Klärung der Begriffe

25.11.2015. Wer die Menschenrechte ganz aufklärerisch für universal hält, braucht sich bei Kulturtypologien und Wertlehren oder Religionskritik nicht lange aufzuhalten. Es geht darum, diese universellen Rechte vernünftig zu vermitteln. Eine Antwort auf Thierry Chervel. Mehr lesen