Ulrike Almut Sandig

Monster wie wir

Roman
Cover: Monster wie wir
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2020
ISBN 9783895611834
Gebunden, 240 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Ruth spielt Geige und hat Angst vor Vampiren. Sie wächst in einem Pfarrhaus in der ostdeutschen Pampa auf. Aber Gott ist kein Parteisekretär, um dessen Schutz man buhlen könnte. Ihr bester Freund Viktor hat einen Mondglobus und Falten im Gesicht. Er fürchtet sich nur vor seinem Scheißschwager. Aber dann findet er diesen Schalter in seinem Kopf, um rein gar nichts zu empfinden. Und wird selbst zum Fürchten. Was Gewalt bedeutet, wissen sie beide. Hier, wo der Braunkohleabbau ganze Dörfer und Wälder verschlingt, hilft man sich am besten selbst. Viktor macht jeden Tag Sit-ups und rasiert sich eine Glatze. Dass einer wie er als Au-Pair nach Frankreich geht, versteht niemand. Doch für Viktor ist es überall besser als zu Hause. Und Ruth? Die flüchtet sich ins Geigenspiel. Wohin es die beiden auch verschlägt, überall werden sie von Gewalt eingeholt. Wann also schaut Ruth von ihrer Geige auf? Und vor allem: Wie rettet man einander?

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.08.2020

Karl Ove Knausgård, Annie Ernaux, Édouard Louis, Christian Baron, Isabelle Lehn und nun auch Ulrike Almut Sandig - sie alle zielen, wenngleich nicht immer in erster Linie, auf die "Entbanalisierung einer oftmals bloß banal gestellten Frage", so Rezensent Samuel Hamen - der Frage nach dem Anteil des Biografischen in der eigenen Literatur. In "Monster wie wir" erzählt die Autorin von sexuellem Missbrauch innerhalb der Familie und kommt dabei in der Beschreibung einer der Figuren recht nah an die Biografie des eigenen Vaters heran, glaubt der Rezensent, der parallel zum Buch einen Wikipedia-Artikel über Sandigs Vater Heiner gelesen hat - inzwischen gängige Praxis bei Literaturkritikern. Doch das Verhältnis von Literatur und Realität bleibt im Text uneindeutig. Und gerade das, so der Rezensent, macht den Reiz dieses bemerkenswerten Debütromans aus: Er macht die Uneindeutigkeit zum Programm und fordert damit den Leser heraus.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.07.2020

Ulrike Almuts Roman ist kein Generationenporträt, wie im Klappentext behauptet wird, sondern ein Gesellschaftsroman über wiederkehrende, vor allem familiäre Gewalt, betont Rezensent Carsten Otte. Dabei werden die Gewalterfahrungen der Eltern hier nicht etwa als Rechtfertigung für den Kindesmissbrauch herangezogen, lesen wir. Vielmehr geht es darum, ihre Allgegenwärtigkeit und ihre Wiederkehr in verschiedenen Formen sichtbar zu machen, und damit auch gegen das Schweigen anzugehen, das diesem Zyklus Vorschub leistet. Und das gelingt, findet Otte. Häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt, faschistische Gewalt, staatliche Gewalt und Gewalt gegen die Natur erscheinen ihm hier auch als Effekte der Tabuisierung. Der mit literarischer Feinfühligkeit verfasste Debütroman der Dichterin hat den Rezensenten schockiert, aufgerüttelt und nachhaltig beeindruckt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.07.2020

Rezensentin Kristina Maidt-Zinke hat das Gefühl, dass Ulrike Almut Sandig durch die Konzentration auf ihr Sujet des Missrauchs und des Schweigens den Blick verengt und sich selbst literarischer Möglichkeiten beraubt. Die aber leuchten im Text immer wieder auf, findet die Rezensentin, etwa, wenn Sandig sehr anschaulich von einem Neonazi erzählt, der in Südfrankreich als Au-pair arbeitet. Von Sprachschöpfungen und Experimenten aber bei der als Lyrikerin bekannten Sandig diesmal keine Spur, stellt Maidt-Zinke fest. Weitgehend sachliche Prosa und zwei schmerzhaft realistische Geschichten, so die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2020

Rezensent Andreas Platthaus kann auf ein Happy End verzichten, wenn der Roman von Ulrike Almut Sandig ist. Was in diesem Fall zählt, meint der Rezensent, ist eine schöne Mischung aus Poesie und Prosa und eine soghafte Abgründigkeit, die den Text grundiert. Die Geschichte um Missbrauch und Misshandlung von Schutzbefohlenen erzählt Sandig laut Platthaus so subtil, wortgewaltig und andeutungsreich, dass es schockierend genug wirkt, auch wenn oberflächlich wenig geschieht. Der so entstehende "Wirbel" zieht den Rezensenten rein, auf ein Verständnis zu, "das immer unbegreiflicher" wird.
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