Thomas Lehr

Schlafende Sonne

Roman
Cover: Schlafende Sonne
Carl Hanser Verlag, München 2017
ISBN 9783446256477
Gebunden, 640 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Rudolf Zacharias reist nach Berlin. Dort will der Dokumentarfilmer die Vernissage seiner früheren Studentin Milena Sonntag besuchen. Thomas Lehrs Roman spielt an einem Sommertag des Jahres 2011 - und zugleich in einem ganzen Jahrhundert. Denn in ihrer Ausstellung zieht Milena nicht nur eine künstlerische Lebensbilanz, sondern die ihrer Zeit. Mit sprachlicher Kraft werden historische Katastrophen neben die privaten Verwicklungen dreier Menschen gestellt, führen die Spuren von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bis ins heutige Berlin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.2017

Rezensent Friedmar Apel liest Thomas Lehrs neuen Roman "Schlafende Sonne" als "zeitgemäße Fortsetzung der Progressiven Universalpoesie der Romantiker". Denn Lehr hat mit seiner Geschichte um den Physiker Jonas nicht weniger im Sinn, als die Trennung zwischen Kunst und Wissenschaft aufzuheben, informiert der Kritiker, der allerdings ein wenig müde wird, alle gelehrten Einzelheiten nachzuschlagen. Und so nimmt er seine Unkenntnis über das Higgs-Feld oder Olbers Paradox des Himmels bereitwillig hin, stolpert dennoch, wenn Lehr selbst die vielen Sexszenen "kosmisch aufdonnert", und ist froh, sich gelegentlich an den Lebensgeschichten von Lehrs drei Protagonisten orientieren zu können. Wie der Autor Husserls Phänomenologie anwendet, um das menschliche Monaden-Dasein zu veranschaulichen, dabei bildreich erzählt und einfallsreiche Analogien bildet, hat den Kritiker beeindruckt. Mit ein paar Regenerationspausen während der Lektüre kann Apel den erkenntnisgesättigten und durchaus unterhaltsamen Roman empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2017

Thomas Lehr hat sich mit seinem "Universalroman" viel vorgenommen, sehr viel, und mit den ersten 640 Seiten ist es noch lange nicht getan - einige Tausend mehr sind noch in Planung, weiß Rezensent Paul Jandl. Dass er seinem Anspruch gerecht wird, lässt sich nur zwischen den Zeilen der Rezension lesen, vielleicht will sich Jandl ein abschließendes Urteil noch nicht und erst nach Abschluss des Großprojekts erlauben. Dass dieses jedoch in seinem hohen Anspruch beeindruckt und reizt und, abgesehen vom etwas befremdlichen "Adjektiv- und Metapherngerammel" in den zahlreichen Beschreibungen erotischer Szenen, von hoher erzählerischer Qualität ist, lässt sich scheinbar bereits feststellen. Es ist ein Zeitpanorama der DDR, ein Porträt, eine Sozialstudie, ein physikalischer Roman, ein "krachendes und knatterndes Ding", so der faszinierte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.08.2017

Helmut Böttiger zehrt lange von Thomas Lehrs großem Romanprojekt. Wie der Autor darin verschiedene Figurenkonstellationen aus unterschiedlichen Zeiten entwirft und sie assoziativ miteinander verbindet, findet Böttiger erstaunlich. Ebenso, wie Lehr Fiktives, Wissenschaftliches und Historisches im Text montiert, A.R. Penck, Astrophysik und Karl Marx gegeneinander schneidet und jede Menge Anspielungen verbaut. So entstehende "erratische" Bilder lassen das Buch auf Böttiger eher wie ein Poem wirken. Ein zeitgemäß unzeitgemäßer Autor, findet Böttiger.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 19.08.2017

Mit "Schafende Sonne" liegt nun der erste Teil von Thomas Lehrs Trilogie vor, freut sich Rezensent Richard Kämmerlings und kürt den Autor zu einem deutschen Thomas Pynchon. Denn Literatur dient Lehr als "Erkenntnisinstrument", erklärt der Kritiker und staunt, wie viel (Geistes-) Geschichte der Autor an nur einem einzigen Tag zu erzählen vermag. In die am 19. August 2011 spielende Geschichte um die in der DDR aufgewachsene Künstlerin Milena Sonntag packt Lehr nicht weniger als das gesamte 20. Jahrhundert, begonnen beim Kriegsausbruch 1914 über die Judenverfolgung, den Mauerfall und den Postkommunismus bis hin zur israelischen Gegenwart, informiert der Rezensent, der hier in geschickt eingeflochtenen Erzählsträngen auch vom Geistesleben in Göttingen und Freiburg, von Husserls Phänomenologie und der Solarphysik unter den Nazis liest. Dass er in dem Buch, das nicht zuletzt auch ein gelungener Wenderoman über eine große Liebe ist, gelegentlich die Orientierung verliert, geht für den Kritiker angesichts der ebenso "poetischen" wie präzisen und fesselnden Sprache in Ordnung.
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