Orhan Pamuk

Die rothaarige Frau

Roman
Cover: Die rothaarige Frau
Carl Hanser Verlag, München 2017
ISBN 9783446256484
Gebunden, 272 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Als er die Schauspielerin zum ersten Mal im Theaterzelt sieht, ist Cem nur der einfache Lehrling des Brunnenbauers Murat. Sie ist schön, ihr rotes Haar leuchtet wie Feuer. Je mehr der Lehrling sich zu der Rothaarigen hingezogen fühlt, desto mehr entfremdet er sich von Meister Murat, der für ihn wie ein Vater geworden war. Als ein schrecklicher Unfall passiert, flieht Cem nach Istanbul. Jahrzehnte später kehrt er an jenen Brunnen zurück, wo er etwas Ungeheures entdeckt. - Orhan Pamuk erzählt eine Geschichte von Vätern und Söhnen, von Liebe und Verrat, von Schuld und Sühne in der Türkei, einem Land, das noch immer zwischen Tradition und Moderne zerrissen ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.11.2017

Mit gemischten Gefühlen bespricht Rezensent Burkhard Müller Orhan Parmuks neuen Roman "Die rothaarige Frau", der ihm anhand von drei Generationen türkische Geschichte erzählt. Der Kritiker folgt dem Ich-Erzähler Cem, der als Jugendlicher in den achtziger Jahren dem Brunnenbauer Mahmut aushilft, bis ihn die erste Begegnung und die Liebesnacht mit einer mysteriösen rothaarigen Frau derart aus der Bahn wirft, dass er bei einem Unfall seinen Meister im Brunnen zurücklässt, panisch flieht, ein neues Leben mit Ehefrau als erfolgreicher Immobilienmakler beginnt, bis er erfährt, dass er in jener Nacht einen Sohn zeugte, der heute dem islamischen Fundamentalismus zuneigt. Während dem Rezensenten der erste Teil wie eine emotional wuchtige Novelle erscheint und auch der zweite Teil des Romans die sich modernisierende türkische Gesellschaft jener Jahre seiner Meinung nach gut widerspiegeln kann, scheint sich Parmuk im letzten Teil, der sich der türkischen Gegenwart widmet, aus "Angst vor der unberechenbaren Staatsmacht" vor einer präzisen Diagnose zu drücken, ahnt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2017

Martin Oehlen möchte uns nicht zu viel von der Handlung verraten. Orhan Pamuks neuen Romam stellt er daher als spannungsreiche Erzählung aus 1001 Nacht vor, die gemächlich in Gang kommt und dann eine Metaphern- und Entwicklungsvielfalt an den Tag legt, die nur ein talentierter Meistererzähler wie Pamuk zu bändigen weiß, wie Oehlen meint. Die entfaltete Tragödie von Liebe und Tod, Hoffnung und Verrat, Vater und Sohn und ihre Bezüge zu antiken Sagenstoffen lässt Oehlen nicht mehr los. Und auch wenn der Text und sein Autor nicht tagespolitisch unterwegs sind, so Oehlen, wie es in einem autoritären Staat zugeht, vermittelt der Roman dennoch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2017

Rezensentin Rose-Maria Gropp lässt sich von Orhan Pamuk parabelhaft von der Verschränkung der Conditio humana mit der Kultur, respektive archaischen Mustern erzählen. Wie der Autor den Mythos von Ödipus bis in die türkische Gegenwart führt, findet sie beeindruckend. Dicht gewebt erscheint ihr der Text, jeder Satz, jedes Wort darin an seinem Platz und dazu angetan, den unabwendbaren Lauf der Geschicke in Gang zu setzen, hin zur Katastrophe. Diese Erzählung gelingt dem Autor meisterhaft, findet Gropp.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.09.2017

Angela Schader hat Mühe, zum Kern des neuen Romans von Orhan Pamuk vorzustoßen, zu viel "mythisch-metaphorisches" Beiwerk umrankt das Erzählen. Dass Pamuk es anders kann, weiß Schader ja, hier aber macht ihr der Weg zu der mythologisch grundierten Vater-Sohn-Geschichte im Zentrum des Buches mitunter gar keine Freude, auch wenn die ein oder andere Figur ihr gut im Gedächtnis bleibt. Das eigentliche Verhängnis des Textes aber erkennt Schader in der "Fanfaren"-Rolle der Figuren, die dauernd Themen und Motive des "Ödipus" rausposaunen müssen, wie sie meint. Zur durchaus vorhandenen politischen Tiefendimension des Romans wäre die Rezensentin so beinahe nicht gelangt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.09.2017

Gar nicht wenig, was Rezensent Stefan Weidner aus Orhan Pamuks neuem Roman mitnimmt. Dass es sich um einen politischen Roman handelt, der parabolisch Grundfragen der Existenz und die gegenwärtigen politischen Ereignisse in der Türkei behandelt, ist ihm rasch klar. Die Grundthese des Buches, wonach letzteren archetypische Verhaltensmuster zugrundeliegen, verhandelt der Autor laut Rezensent erzählerisch "hochkontrolliert" anhand der Antagonismen von Tradition und Moderne und Ost und West, gefasst in einen Vater-Sohn-Konflikt. Statt angesichts der scheinbar unausweichlichen Wiederholung zu verzweifeln, erkennt Weidner den kathartischen Effekt des Romans: Der Leser rebelliert, fühlt sich frei und nimmt sein Schicksal in die eigene Hand.
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