Colson Whitehead

Underground Railroad

Roman
Cover: Underground Railroad
Carl Hanser Verlag, München 2017
ISBN 9783446256552
Gebunden, 352 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem dem Englischen von Ni­ko­laus Stingl. Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht - doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit? Colson Whiteheads Roman ist eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, schwarz zu sein in Amerika.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.08.2017

Colson Whitehead kümmert sich nicht so sehr um historische Wahrheiten, ihm geht es mehr um Wahrhaftigkeit, stellt Rezensent Christoph Bartmann fest, deshalb werde bei ihm alles zur "Allegorie". Wann die Geschichte der schwarzen Sklavin Cora, die von der Plantage ihres brutalen Halters flieht, spielt, bleibt unklar, lesen wir. Ihr beschwerde- und gefahrvoller Weg in die Freiheit führt sie durch verschiedene Bundesstaaten der USA, in denen auf sehr unterschiedliche Weise mit Sklaven, Sklavenhändler und -haltern und der eigenen Geschichte umgegangen wird, weiß Bartmann und staunt, wie "tarantino-haft" die Plantagensklaverei schildert. In South Carolina fährt Cora Fahrstuhl, es gibt Hochhäuser und die "Underground Railroad" ist keine Metapher, sondern ein tatsächlicher unterirdischer Zug, doch gerade dieser allegorische Charakter der Welt, durch die sich Cora bewegt, ist das Interessante an diesem Roman, dessen Schwächen seine "moralische Wucht" nur steigern, so der angetane Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.08.2017

Colson Whitehead ist mit seinem Roman über die Geschichte der Sklaverei im Amerika des 19. Jahrhunderts auf dem Gipfel seines Schaffens angekommen, schwärmt Rezensent Christoph Schröder. Wuchtig und fesselnd findet der Kritiker den Roman, der ihn mit Sogkraft, Rasanz und Eleganz in ein "Universum aus Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit und Gewalt" zieht. Wut und Empörung sind Whiteheads Sache nicht, fährt der Rezensent fort, der hier allerdings durchaus Töne "sarkastisch angehauchter Bitterkeit" vernimmt. Dass der Autor bisweilen den realistischen Erzählpfad verlässt und surreale Momente einflicht, gefällt Schröder gut: Gerade dadurch entstehe psychologische Präzision, lobt er. Brillante Figurenzeichnung, Erkenntnisgewinn und Bezüge zur Gegenwart machen diesen Roman für Schröder zu einem Meisterwerk.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.08.2017

Julian Weber staunt über die nüchterne Präzision, Faktizität und Aktualität, mit der Colson Whitehead die gewaltreiche Geschichte einer jungen Sklavin im Georgia des 19. Jahrhunderts erzählt. Erinnerung und Mahnung an die Sklaverei in den USA ist das Buch für Weber. Dass der Autor von der Emazipation seiner Figur berichtet, täuscht den Rezensenten nicht darüber hinweg, dass dem erlittenen Unrecht nie ganz zu entkommen ist. Wie der Autor Handlungsstränge dirigiert und ungeschminkt und gänzlich frei von Paternalismus schreibt, findet Weber beeindruckend. Nikolaus Stingls Übersetzung scheint ihm angenehm frei von Eindeutschungen von Slang. Das Buch ist für den Rezensenten ein Meisterwerk, möglicherweise der totgesagte "Great American Novel".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.08.2017

Rezensent Burkhard Müller will sich von den Auszeichnungen und den hymnischen Besprechungen seiner US-Kollegen nicht blenden lassen. Ohne Frage, Colson Whiteheads historische Erzählung um den Kampf der Sklaven in den Südstaaten überzeugt durch Spannung, Gefühl, eingehende Recherche und differenzierte und authentische Figuren, versichert der Kritiker, der das Buch zudem allen "alten weißen Männern" in die Hand geben möchte, damit sie amerikanische Geschichte büffeln. Leider geht der Autor aber bald ein wenig zu willkürlich mit der Historie um und nimmt dem Roman damit nicht nur seine realistische Grundlage, sondern auch seine Intensität, klagt Müller: Aus der titelgebenden "Underground Railroad", einem von weißen Abolitionisten errichteten Netzwerk, das Sklaven die Flucht in den Norden ermöglichen sollte, macht Whitehead etwa eine wirkliche Eisenbahn, durch die sich alle historisch verbürgten Hindernisse geradezu märchenhaft in Luft auflösen, informiert der Rezensent. Nikolaus Stingl meistert die Übersetzung souverän, auch wenn die meisterhafte Verknappung und der sprachliche Rhythmus des Originals ein wenig verloren gehen, urteilt Müller.