Leon Werth

Als die Zeit stillstand

Tagebuch 1940-1944
Cover: Als die Zeit stillstand
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017
ISBN 9783103972498
Gebunden, 944 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Tobias Scheffel. Mit einem Vorwort von Georges-Arthur Goldschmidt. Im Sommer 1940 besetzen die Deutschen Paris. Der französische Publizist und Kritiker Léon Werth, jüdischer Herkunft, Pazifist und Antikolonialist, flieht und versteckt sich in einem Dorf im Jura. Flüchtlinge und Dorfbewohner leben hier zusammen, begierig auf Nachrichten, abgekapselt und doch ganz nah am Geschehen. Frankreich ist im Innersten gespalten, Republik und Demokratie sind bedroht, Nationalisten begrüßen den deutschen Sieg. Léon Werth schildert diesen Kosmos in seinem einzigartigen Tagebuch. Eine Welt zwischen Angst und Hoffnung, in der die Menschen ihren Weg suchen, sich aufgeben, kollaborieren oder an einer Zivilisation festhalten, die zutiefst bedroht ist. Werths zeitlose Einsichten in menschliches Denken und Handeln in einer verstörenden Zeit sind ein Meisterwerk der Literatur und ein visionäres Vermächtnis.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.12.2017

Ganz und gar nicht selbstgerecht findet Claudia Mäder Leon Werths Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1940-1944, in denen der Autor den Niedergang des Vichy-Regimes betrachtet. Die täglichen Notate von Gedanken und Gefühlen und Gesprächen mit den Bewohnern des Dorfes im Jura, wo sich Werth aufhält, werden für Mäder (der Autor kehrt schließlich nach Paris zurück) zum Live-Ticker der Befreiung. Interessant zu sehen, meint die Rezensentin, wie sich die Haltung der vom Autor beschriebenen Bauern und Arbeiter im Verlauf verändert, vom Lobpreisen des Vichy-Chefs Petain zum Aufbegehren, als die Deutschen Boden verlieren. Werth erweist sich für Mäder bei alldem als luzider Beobachter und gewiefter Erzähler.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.11.2017

Nein, ein "merkwürdiger Pudding", wie Leon Werth seine Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1940 bis 1944 nannte, ist dieses Dokument gewiss nicht, versichert Rezensent Peter Schöttler, eher ein "Boeuf bourguignon der feinsten Art", so der Kritiker. Der französische Schriftsteller und Kunstkritiker lässt ihn hier an seinen Erfahrungen während des Vichy-Regimes, Gedanken, Erlebnissen und Lektüren, etwa von Pascal, Spinoza oder Goethe teilhaben. Schöttler erlebt den Autor gerade in den Jahren, in denen er sich allein um seinen Sohn kümmern muss, bisweilen ängstlich, oft einsam, aber stets neugierig. Ein ebenso "scharfsinniges" wie bewegendes Dokument, schließt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017

Joseph Hanimann hat parallel zu Léon Werths Tagebücher den Bericht des Österreichers Moritz Scheyer gelesen und weiß deshalb, dass es für französische Juden einfacher war, mit der deutschen Besatzung klarzukommen als für die jüdischen Emigranten aus anderen Ländern. Dennoch beeindruckt ihn die Größe, mit der Werth auf die Zeit unter der deutschen Besatzung blickt. Der Schriftsteller hatte sich in das Landhaus seiner Frau im französischen Jura zurückgezogen. Weder Klagen noch pauschale Anklagen kommen in diesen Schriften vor, stattdessen liest Hanimann hier ganz unsentimental und ohne Bitterkeit, wie die Bauern die Besatzung hinnehmen wie einen Unwetterschaden, Vichy verteidigen, aber trotzdem an seiner Propaganda vorbeileben.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2017

Rezensent Helmut Mayer staunt über die Unbestechlichkeit, die aus Leon Werths Tagebüchern aus der Zeit der deutschen Besatzung spricht. Der nüchterne Blick auf den Alltag der Jahre 1940-1944 erschüttert ihn. Bauern, Händler, Höfe, Tiere, Landschaft, das Radio, die Zeitung beschreibt ihm der Autor mit geschultem Blick und ohne emphatische Beschwörungen, sondern bescheiden und nur gelegentlich unterbrochen von "Grübeleien". Ein Buch, das Mayer eindringlich zeigt, wie Frankreich damals (über-)lebte.