Seit der biblischen Geschichte ist die jüdische Identität an die Erfahrung des Exils gebunden. Vertreibung, Versklavung, Erniedrigung haben ebenso das jüdische Bewusstsein bis in die Moderne hinein geprägt wie das Warten auf Erlösung. Doch gerade in der Moderne ist das Exil als Verlust der geographischen und sprachlichen Heimat von einem kollektiven zu einem individuellen, von einem besonderen jüdischen zu einem allgemeinen menschlichen Charakteristikum geworden. Stefana Sabin verfolgt die Wandlung des Exilbegriffs und die Entstehung eines exilischen Bewusstseins als Symptom der modernen Befindlichkeit. Dabei differenziert sie zwischen den beiden Bedeutungen des Exils als Heimat- und Sprachlosigkeit. Zahlreiche Beispiele von Ovid über Moses Mendelssohn, Adelbert von Chamisso und Karl Wolfskehl bis Vladimir Nabokov, Peter Weiss, Milan Kundera und Kazuo Ishiguro veranschaulichen, dass die Heimatlosigkeit in kosmopolitischer Ungebundenheit überwunden und die Sprachlosigkeit in der Mehrsprachigkeit aufgehoben werden kann.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2008
Rezensent Ulrich Teusch ist im Großen und Ganzen recht angeregt von Stefana Sabins Essay über das Exil-Bewusstsein, das die immer weniger sesshafte Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt habe. Früher sei die Exilerfahrung eine jüdische Erfahrung gewesen, referiert Teusch, in einer globalisierten Welt aber habe sie sich verallgemeinert. Teusch lobt Sabins Text als sehr konzentriert, entwickelt aber einige Reserven gegen ihren Begriff des Exils, den sie mit dem der Entwurzelung allzu deckungsgleich sehe. Ihre Beispiele entnimmt Sabin nach Teusch vor allem der neueren "transkulturellen" Literatur.
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