Yuri Slezkine

Paradoxe Moderne

Jüdische Alternativen zum Fin de Siecle
Cover: Paradoxe Moderne
Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 2005
ISBN 9783525350911
Kartoniert, 127 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Michael Adrian und Bettina Engels. Yuri Slezkine steht mit diesem Essay in einer Reihe von Interpretationen, die den Zusammenhang von gesellschaftlicher Minderheit und sozialem Erfolg im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zum Gegenstand ihrer Analyse gemacht haben. Die Faszination, die von seinem Essay ausgeht, liegt darin, dass er die vornehmlich "ethnisch" eingeschliffene Argumentation durch Universalisierungen auflöst und aufzeigt, wie als "jüdisch" erachtete Sekundärtugenden der Moderne sich verallgemeinern und so auf ihren historischen Begriff gebracht werden. Mit seiner These von der "merkurischen" Moderne, einer Welt, in der schließlich alle "jüdisch" geworden sind, zeigt Slezkine, wie sich im europäischen Fin de Siecle sozialer Habitus in ethnische Differenz rationalisierte. An literarischen Beispielen - Kafka, Proust, Joyce - zeichnet er die jüdischen und nichtjüdischen Varianten einer Tendenz nach, die sich im Falle der Juden in drei Richtungen entwickelte: In Richtung des Kommunismus, des Zionismus und des pluralistischen, multiethnischen Liberalismus Amerikas. Slezkines Essay ist ein kontroverser Beitrag zum noch unausgeschöpften Potential jüdischer Geschichtserfahrung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.12.2005

Etwas beklommen zeigt sich Micha Brumlik angesichts der Art und Weise, wie Yuri Slezkine in diesem Buch die alte Frage nach der "jüdischen Moderne" angeht. Schließlich greift der in Berkeley lehrende russische Historiker in dem vorliegenden Essay, einem vorab übersetzten Kapitel aus seinem in den USA für Furore sorgenden Buch "The Jewish Century", wiederholt antisemitische Elemente auf - wenn auch in paradoxer Absicht. Einen Antisemiten will ihn Brumlik allerdings nicht nennen, hieße das doch, der bewusst einen Skandal in Kauf nehmenden Publikationsstrategie auf dem Leim zu gehen. Wie Brumlik darlegt, geht es Slezkine darum, die bisher vor allem von Antisemiten betriebene Gleichsetzung von Judentum und Moderne plausibel zu machen - wobei er diese Gleichsetzung freilich aus ihrer fatalen Wirkungsgeschichte zu lösen versucht. Brumlik erkennt die gute Absicht des Autors an, seine Formulierungen haben bei ihm trotzdem Unbehagen ausgelöst.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2005

Friedrich Niewöhner weiß nicht recht, was das soll: Da wird ein einzelnes Kapitel einer Studie (das zweite von Yuri Slezkines "The Jewish Century") herausgerissen und übersetzt, als müsse man den Leser nicht so ernst nehmen. Und dann auch noch eine solche, "in ihrer Abgeschmacktheit erstaunliche" These, nämlich, so Niewöhners Zuspitzung: Die Juden sind an allem Schuld. Sie haben die Moderne in allen ihren Aspekten geprägt, ja sie "waren" die Moderne. Dasselbe, so der Rezensent, haben auch die Antisemiten geglaubt, wenn sie gegen den jüdischen Einfluss hetzten, und jetzt belegt es Slezkine mit Statistiken ("die natürlich wie alle Statistiken lügen"). Leider erläutert der entrüstete Rezensent nicht, wie er von der Feststellung des jüdischen Einflusses auf die Moderne zur Schuldthese gelangt (die der Autor, wenn man Niewöhner richtig versteht, keineswegs formuliert). Soll man den kulturellen, gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Einfluss von Juden in der europäischen Moderne leugnen, weil die Nazis ihn verdammten?
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