Roland Barthes

Tagebuch der Trauer

Cover: Tagebuch der Trauer
Carl Hanser Verlag, München 2010
ISBN 9783446234987
Gebunden, 271 Seiten, 21,50 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Wem ein geliebter Mensch stirbt, dem fehlen die Worte. Roland Barthes, einer der anregendsten Denker aus dem Frankreich des 20. Jahrhunderts, suchte nach dem Tod seiner Mutter Trost in der Sprache. Auf etwa 250 Karteikarten hielt der Philosoph der Zeichen kurze Notizen fest, die um die Tote, die Trauer und um seine Einsamkeit kreisen. Im Juni 1978 brechen die Aufzeichnungen ab, die jetzt aus seinem Nachlass ediert wurden. Entstanden ist ein ungewöhnliches und bewegendes autobiografisches Zeugnis, das eindrucksvoll die Grenze zwischen der Trauer und der Sprache abtastet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2010

Roland Barthes' Mutter war die Liebe seines Lebens, daraus macht er nach ihrem Tod kein Geheimnis. Vielmehr notiert er auf fliegenden Zetteln, was ihm fehlt, was er vermisst, wie tief ihn ein bloßes, ohne weitere Bedeutung in einem Geschäft hingesprochenes "Voila" treffen kann, weil es ihn an die Mutter erinnert. Das Buch über die Trauer hat er niemals veröffentlicht, an seine Stelle trat "Die helle Kammer", der Essay über die Fotografie, in dessen Zentrum ein Foto der Mutter als Mädchen steht, das aber nicht abgedruckt wird. Rezensent Stefan Zweifel stellt den nunmehr veröffentlichten Band, der die Zettel wieder einsammelt, sehr kenntnisreich in den Zusammenhang von Leben und Werk Roland Barthes'. Besonders interessant scheinen ihm manche nun ebenfalls öffentlich werdende bisher unbekannte Addenda zu existierenden Werken, etwa Weggelassenes aus der Quasi-Autobiografie "Roland Barthes par Roland Barthes". Dieser Band ist, das macht die Rezension deutlich, zumindest für jeden Barthes-Fan ein wahrer Glücksfund.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.04.2010

Biografie oder Roman? Analyse oder Literatur? Peter Geimer möchte das lieber nicht entscheiden und liest Roland Barthes' aus dem Nachlass veröffentlichtes Trauer-Tagebuch als weiteren Entwurf eines Schreibens, das all das vereint. Dafür, dass Barthes nicht peinlich wird bei dieser Gratwanderung zwischen Ich und Welt, dass der Leser mit der unpersönlichen Introspektion des Aufschreibenden etwas beginnen kann, sorgt laut Geimer die Kunst des Autors. Distanz noch im Moment des Zusammenbruchs angesichts des Muttertods - für Geimer so staunenswert, weil sich Barthes selbst betreffend eine Sprache der Trauer gegen Konventionen stemmt und nach dem eigenen Ausdruck sucht. Bezogen auf Barthes Werk (hier vor allem: "Die helle Kammer") stellt der Rezensent fest, dass der Tod (der Mutter), die Fotografie und Barthes' Proust-Lektüren ein System bilden, deren Elemente sich gegenseitig stützen.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.03.2010

Arno Widmann ist sehr gerührt von der Lektüre dieser Notizen. Wie dem Autor selbst in Bezug auf das Erinnerte scheint es ihm schwerzufallen, zu dem, was er hier liest, zu Roland Barthes' von großer Empfindlichkeit begleiteten Erinnerungen an seine Mutter, einen Abstand zu wahren. Leicht überwältigt den Rezensenten die Empfindung des Verlusts und verschleiert ihm den Blick für Barthes' hellsichtige Momente, da ihm bewusst wird, dass diese Trauer ihn umbringen wird (Barthes starb zwei Jahre nach seiner Mutter). So schwierig das den Text für Widmann macht, so schön macht es ihn auch. Und den Essay "Die helle Kammer", das nostalgische wie verzweifelte Festhalten am Augenblick darin, versteht Widmann jetzt auch viel besser.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.03.2010

Als "spröde Notizen" und "fragmentarisches Protokoll einer überwältigenden Verlassenheit" empfand Iris Radisch Roland Barthes' nach dem Tod seiner Mutter entstandene Aufzeichnungen, in denen sie aber wohl auch eine aufschlussreiche Ergänzung zu Barthes' Buch über Fotografie "Helle Kammer" sieht, das beinahe zur gleichen Zeit entstand und dessen verborgenes Zentrum ebenfalls die tote Mutter sei. Gleichzeitig handelt es sich bei diesen Aufzeichnungen aus Sicht der Kritikerin aber auch um eine Erlösungs- und Verklärungsarbeit des Philosophen, für den die "Mutter als Heilige" mit dem "Heiligen" im Werk des Sohnes korrespondiert. Zu den Erlebnissen mit diesem Text gehört für die Kritikerin die Erfahrung enormer Direktheit, da die "Unmittelbarkeit des Affekts" nahezu jeden Metatext unmöglich mache. Immer wieder porträtiere sich der Trauernde als "in weltverlorener Einsamkeit erstarrte Figur", zuweilen allerdings mit einer "Restdosis professoraler Parfümierung" wie die Kritikerin süffisant vermerkt.