Catherine Merridale

Steinerne Nächte

Leiden und Sterben in Russland
Cover: Steinerne Nächte
Karl Blessing Verlag, München 2001
ISBN 9783896670816
Gebunden, 543 Seiten, 25,05 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Enrico Heinemann, Karin Schuler und Karin Miedler. Die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert ist geprägt von Staatsterror, Krieg, Massenmorden und Naturkatastrophen von erschreckendem Ausmaß. Mehr Menschen starben hier eines gewaltsamen Todes als in irgendeinem anderen Land. Wie gingen die Russen mit dem Leiden, mit dem Tod um? Wie konnten die Menschen, geknechtet von einem unerbittlichen Regime, das ihnen die Tröstungen der Kirche verwehrte, die persönlichen Verluste verarbeiten? In einer groß angelegten Studie beleuchtet die englische Historikerin diesen Aspekt der Geschichte Russlands von den letzten Tagen des Zaren bis in die Zeiten von Glasnost.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.09.2001

Obgleich der Rezensent Andrei Denejkine die Interviews mit Überlebenden diverser russischer Katastrophen durchaus interessant findet, ist ihm bei diesem Buch deutlich unbehaglich zumute. Die Absicht der Autorin, statt bloßer Lamentos nach "konkreten sozio-historischen Ursachen" für das Leid zu fragen, findet er natürlich begrüßenswert. Leider ist ihr das seiner Meinung nach aber nicht so recht gelungen. Bedenklich dünn kommen ihm die reflexiven und theoretischen Fundamente vor, auf denen Merridale nach Gründen und Erklärungen sucht: hier sieht er den "spektakulärsten Nachteil" des Bandes. Die Form "rhapsodischer" Geschichtsschreibung, die dabei herauskommt, war in sowjetischen Zeitschriften vor zehn Jahren populär, meint Denejkine - heute, fordert er, sollte man konzeptuell über diese schlichte Opferperspektive hinausgelangen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.09.2001

Rezensent "U. Sm" stellt fest, dass den Russen im 20. Jahrhundert nichts erspart geblieben ist. Den zahlenmäßigen Beleg dessen, die "abstrakte Arithmetik" des Todes, allerdings hält er für ungeeignet, beim Leser ein individuelles Bild von diesem Unglück zu erzeugen. Dem vorliegenden Buch traut er es zu. Es sei das Verdienst der Autorin, erklärt er, nicht nur das Leiden der Opfer, sondern auch die Bewältigung des allgegenwärtigen Sterbens durch die Hinterbliebenen an konkreten Beispielen dargestellt zu haben. Gemeint sind die "Patchwork-Riten", die insbesondre Sowjetrussen infolge einer staatlich verordneten Tabuisierung des Todes entwickelten. An einem Ort, wie "U. Sm" schreibt, an dem nach wie vor "das Sterben leicht, das Totsein hingegen schwierig ist."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2001

Das besprochene Buch zieht einen Querstrich durch die russische Geschichte unter dem Leitthema "Leiden und Sterben". Rezensent Helmut Altrichter fühlt sich dabei an die negative Bilanz Gorkis erinnert, der sich die Frage nach einer Neubegründung der Kultur durch das Proletariat stellte und sie durch einen "Sieg unserer Vertierung und vertieft weiter durch unsere Primitivität" als misslungen ansah. Auch wenn es sich um andere Geschichten als bei Gorki handelt, sieht der Rezensent Parallelen des Blickwinkels dieses Buches, das den Opfern des Stalinismus gewidmet ist, mit den Geschichten von Gorki. Zu einer wirklichen Bewertung kommt Altrichter nicht, doch betont er den skizzenhaften Charakter des Buches, das nichts unbedingt "beweisen" will, noch eine "zentrale These" präsentiere.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2001

Ein Schwarzbuch der Erinnerung an die erdabgewandte Seite der Sowjetunion und eine Chronik der Verdrängung nennt Alex Rühle diesen Band. Was hier an Einzelerinnerungen und Lebenslügen von Sowjetbürgern zusammengetragen werden konnte, hat ihn sichtlich erschüttert. Um so mehr, als die alten Mythen, Klischees und Erklärungsmuster der sowjetischen Geschichtsschreibung auch heute noch lebendig scheinen. Dass Rühle bei der Lektüre "streckenweise" mit einer "hermeneutischen Naivität" der Autorin konfrontiert wurde, "die ans Groteske reicht" (Merridale hält es offenbar für möglich, sich in die Lage eines Sowjetbürgers der 30er Jahre zu versetzen), schmälert nicht seine Achtung vor einem "beeindruckenden Stück Erinnerungsarbeit."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.05.2001

Hoffentlich geht die Studie der in Bristol lehrenden Historikerin Catherine Merridale nicht in der Flut der Neuerscheinungen über die Katastrophen und das millionenfache Leid im Russland des letzten Jahrhunderts unter, sorgt sich Dietrich Geyer. Der Autorin schenkt der Rezensent seine volle Sympathie. Denn Merridales Untersuchung fußt weniger auf Aktenbeständen denn auf teilnehmender Beobachtung und persönlichen Gesprächen mit Experten, Opfern und deren Angehörigen, die sie in den Jahren 1997 und 1998 während eines ausgedehnten Russland-Aufenthalts interviewt hat, informiert Geyer. Und zwar nach Meinung des Rezensenten mit einem ungewöhnlichen und anrührenden Maß an Professionalität, Empathie und "beachtlichen" literarischen Qualitäten. Und ohne dass Merridale auf sozialpsychologische oder psychoanalytische Deutungsangebote unkritisch zurückgreife, denkt Geyer. Bei so viel Lob stört es den Rezensenten auch nur wenig, dass es der Studie an einer kohärenten Systematik mangelt. Was er aber leidlich vermisst, ist ein Sachregister. Den roten Faden muss sich der Leser streckenweise selbst erdenken, bedauert der Rezensent.
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