Aus dem Englischen von Petra Post und Andrea von Struve. Der 2007 verstorbene Doyen der Holocaust-Forschung hat einen reichhaltigen Fundus an wichtigen Texten hinterlassen, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Im Band "Anatomie des Holocaust" liegt nun erstmals eine Auswahl dieser Texte auf Deutsch vor. Es geht darin um bis heute kontroverse Fragen zur Geschichte des Holocaust, etwa die Rolle der Judenräte, die Motive der Deutschen für die Verfolgung und Ermordung der Juden und die Frage der moralischen Verantwortung. Zugleich runden sehr persönliche Texte das Bild ab: So beschreibt Raul Hilberg seine bewegende Reise nach Auschwitz als Mitglied der Holocaust-Kommission 1979 und erzählt, wie er seine Arbeit als Holocaust-Forscher empfunden hat.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 25.10.2016
Matthias Arning liest Sätze wie Seziermesser in Raul Hilbergs bisher unveröffentlichten Essays und Erinnerungen. Dass der Historiker ein Pionier der Täterforschung war, steht für den Rezensenten nicht erst seit der Lektüre dieser Aufsätze aus den Jahren 1965 bis 2004 fest. Die Texte zur Reichsbahn, zur Ordnungspolizei oder zur Rolle der Judenräte scheinen Arning Teil einer großangelegten Strukturgeschichte zu sein, in der der Autor unter anderem Ansätze zu Klärung der Frage nach den Gründen für den Holocaust durchspielt. Dass er dabei nichts Banales im Bösen entdecken kann, setzt ihm der Autor in knapper, nüchterner und klarer Sprache auseinander.
Rezensent Rudolf Walther schätzt Raul Hilberg sehr, deswegen begrüßt er auch diesen Band mit Essays und Aufsätzen des Holocaust-Historikers, der immer dem "methodischen Minimalismus" verpflichtet gewesen sei: "Mit möglichst wenig Worten viel sagen." Auch dass Hilberg weniger an Ideologie interessiert war, schätzt Walther. Der Blick auf die Strukturen brachte Hilberg zu der ungeheuren Erkenntnis, dass es kein einziges Element in der deutschen Gesellschaft gab, das nicht in die Vernichtung der europäischen Juden eingebunden war. In weiteren Texten reflektiert Hilberg seine eigene Forschungsleistung und verschiedene Kontroversen (etwa um die Judenräte), erählt Walther. Die titelgebende "Anatomie des Holocaust" war eine Hommage auf Hilbergs Lehrmeister Franz Neumann von 1980, die Hilberg selbst später seinen "harmlosesten Vortrag" überhaupt nannte, wie Walther weiß, es war der erste vor deutschem Publikum. Es hatte lange gedauert, fügt Walther hinzu, bis Hilberg beim Fischer Verlag seinen würdigen Platz fand.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.08.2016
Michael Wildt findet in der Sammlung mit Essays und Erinnerungen von Raul Hilberg aus den Jahren 1965 bis 2007 viel Lesenswertes über den Holocaust selbst und das Bemühen des Autors um das Verständnis seiner Strukturen und Prozesse. Was Hilberg hier an kontroversem Material zur Ermordung der europäischen Juden auffährt, zeigt laut Wildt die produktive Neugier und Innovation des Historikers, sein analytisches Geschick und seine Beharrlichkeit. Besonders berührend findet Wildt die im Band enthaltenen Erinnerungstexte, da sie nicht nur Hilsbergs unbeirrbare Seite offenbaren, sondern auch die verletzliche des lange Zeit unbeachteten Wissenschaftlers.
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