Paul Nolte

Die Ordnung der deutschen Gesellschaft

Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert
C. H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406461910
Gebunden, 520 Seiten, 44,90 EUR

Klappentext

Wie haben die Deutschen im 20. Jahrhundert ihre "Gesellschaft", ihr soziales Zusammenleben verstanden? Welche Kontinuitäten und Brüche lassen sich in ihrer Selbstwahrnehmung vom Kaiserreich und der Weimarer Republik über das "Dritte Reich" bis zur Bundesrepublik beobachten? Dieses Buch bietet einen Blick auf die Sozialgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Es ist zugleich ein politisches Buch, denn die Entwürfe sozialer Ordnung, so zeigt sich, waren stets aufs engste mit den Chancen für Demokratie und individuelle Freiheit verknüpft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.01.2001

Karsten Rudolph spart nicht an Lob für die soziologische Studie, die untersucht, wie sich die Gesellschaft selbst versteht und seit dem 19. Jahrhundert verstanden hat , doch ein bisschen enttäuscht ist er trotzdem. Denn bei dem Rezensenten steigert sich im Laufe der Lektüre die "bange Befürchtung", dass das Buch seine eigenen Versprechen nicht einlöst, weil es sich vor allem auf zeitgenössische soziologische Ansätze bezieht. Dennoch stellt er zunächst einmal beeindruckt fest, dass es sich um eine "intellektuell ungewöhnlich ambitionierte" Untersuchung handelt. Das Kapitel über die Entstehung des Begriffs "Gesellschaft" lobt er als "luzide" und die Kapitel über die Gesellschaftsvorstellung der Weimarer Republik gefallen ihm, weil es zumindest hier gelingt, ein "anschauliches Panoptikum" zeitgenössischer soziologischer Anschauungen darzustellen. Allerdings bedauert es der Rezensent, dass dieses "sozialhistorisch glänzend informierte" Buch stark zielgerichtet argumentiert, indem es nicht zuletzt ein "Plädoyer für die bestehende, demokratisch verfasste, pluralistische Gesellschaft" darstellt, ohne sie je in Frage zu stellen.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.05.2000

Die Sehnsucht nach der gesellschaftlichen Mitte ist Bestandteil aller ideologischen Strömungen seit dem 19. Jahrhundert. Eine keineswegs neue Einsicht, meint Ulrike Herrmann in ihrer Besprechung der Habilitationsschrift des Bielefelder Historikers Paul Nolte, die sich dadurch auszeichne, daß sie auf neue historische Quellen zurückgreife. Eben diese Wahl findet Hermann jedoch bedenklich, insofern sich Nolte auf die Werke deutscher Soziologen beziehe und leider ein Drittel seines ansonsten "gut gelaunten und gut geschriebenen Buches" der Gründung dieser Disziplin widme. Auch inhaltlich findet sie seinen Zugriff nicht überzeugend, da Nolte damit seinem Anspruch, im Sinne der Foucaultschen Diskurstheorie die Erfahrungen und Selbst-Beschreibungen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten zusammenzuführen, nicht gerecht werde, sondern sich letztlich auf die Äußerungen einer kleinen akademischen Schicht stütze.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.04.2000

Mit großer Ausführlichkeit legt Patrick Wagner in seiner Rezension dar, wieso er mit Noltes wesentlichen Thesen keineswegs einverstanden ist. Dies betrifft beispielsweise Noltes Annnahme, dass in den fünfziger Jahren in allen politischen Lagern ein Nachlassen utopisch geprägter Gesellschaftsdeutungen stattgefunden habe, zugunsten einer Akzeptanz der Moderne. An dieser Stelle widerspricht Wagner entschieden und verweist auf andere Analysen, die von einer Loslösung von traditionellen Mustern erst in den sechziger Jahren sprechen. Wagner listet zahlreiche ähnliche Beispiele auf um zu beweisen, dass Nolte "Gesellschaftsdeutungen" zeitlich nicht präzise genug zuordnet. Der Rezensent hat sogar den Eindruck, dass Nolte bisweilen bewusst manche "Denkströmung" ausgeblendet hat, um seinen Überlegungen zu größerer Schlüssigkeit zu verhelfen. Wagner bedauert auch, dass Nolte die Forschungen deutscher Sozialwissenschaftler zwischen 1939 und 1945 hinsichtlich osteuropäischer Völker nicht berücksichtigt habe. Denn dies hätte die Sichtweise bezüglich des "demokratischen Denkens nach 1945" zwangsläufig beeinflusst, so Wagner.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2000

Andreas Anter ist nicht sehr zufrieden mit dieser Habilitationsschrift des Bielefelder Historikers Paul Nolte. Etwa die Hälfte der Arbeit seien "Betrachtungen zur Geschichte der Soziologie zwischen 1918 und 1965", die mit dem eigentlichen Thema der Schrift - welche Vorstellungen von Gesellschaftsordnung sich die Deutschen gemacht - kaum in Zusammenhang stehe. Dieses Thema bleibe in Noltes Darstellung "etwas konturlos". Anter bedauert auch, dass das Buch 1965 endet. Gerade die 68er Rebellion gegen die Nachkriegsordnung wäre ein "elementarer Bestandteil" des Themas gewesen, meint Anter.
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