Otto Kirchheimer, Herbert Marcuse, Franz Neumann

Im Kampf gegen Nazideutschland

Die Berichte der Frankfurter Schule für den amerikanischen Geheimdienst 1943-1949
Cover: Im Kampf gegen Nazideutschland
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016
ISBN 9783593503455
Gebunden, 812 Seiten, 39,95 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Raffaele Laudani. Mit einem Vorwort von Axel Honneth. Aus dem Englischen von Christine Pries. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten Franz Neumann, Herbert Marcuse und Otto Kirchheimer, die in den 1930er Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung ins Exil in die USA geflohen waren, für das Office of Strategic Services, den Vorläufer der CIA. Zwischen 1943 und 1949 versorgten sie die Amerikaner mit umfangreichen Dossiers über das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in der NS-Diktatur, über Hitlers Kriegsstrategien und die Rolle des Antisemitismus. Darüber hinaus entwarfen sie Pläne für den Wiederaufbau einer demokratischen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des 'Dritten Reichs'. So spielten sie bei der Entwicklung der alliierten Nachkriegspolitik, den Entnazifizierungsprogrammen und der Vorbereitung der Nürnberger Prozesse eine maßgebliche Rolle.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.07.2016

Rezensent Nicolas Freund begrüßt die deutsche Ausgabe der von Raffalele Laudini herausgegebenen 31 Berichte, die Franz Neumann, Herbert Marcuse und Otto Kirchheimer zwischen 1943 und 1949 für den amerikanischen Geheimdienst verfassten. Der Kritiker entnimmt den präzisen, bisweilen "komplizierten" Analysen der drei Mitglieder der Frankfurter Schule nicht nur Berichte zur gesellschaftlichen und politischen Lage in Nazi-Deutschland, sondern neben Richtlinien für die Aufhebung von NS-Gesetzen nach dem Krieg auch Gedanken zum Umgang mit Kriegsverbrechern. Auch für die Hinweise, die jedem Text durch den Herausgeber vorangestellt sind und die Originaltitel und Dokumente wie Besprechungsprotokolle benennen, um auf den jeweiligen anonymen Autor schließen zu können, ist der Rezensent dankbar. Ein großartiges Beispiel für "Wissenschaft aus der Distanz", das die politische Aktivität der Frankfurter Schule deutlich macht, lobt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2016

Ein Monument der Hoffnung auf ein besseres Deuschland erkennt Klaus-Dietmar Henke in diesen Berichten, die Franz Neumann, Herbert Marcuse und Otto Kirchheimer zwischen 1943 und 1949 für das "Office of Strategic Services" der USA verfassten. Obgleich die Texte seit 40 Jahren zugänglich sind, wurden ihre Verfasser erst jetzt identifiziert, erläutert Henke. Die sieben verhandelten Themenfelder, Feindanalyse, Entnazifizierung u.a., laut Henke für die Edition aus dem Englischen rückübertragen worden, scheinen dem Rezensenten an jeder Stelle spannend. Die analytische Schärfe, die Sachkenntnis und die gedankliche Klarheit der Texte frappieren ihn, auch wenn heute einiges in den Texten kontrovers erscheint. Die Funktionsweise des NS-"Raubstaates" sehen die Autoren deutlich. Auf die Weise gaben sie laut Henke entscheidende Impulse für die NS- Kriegsverbrecherprozesse.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.03.2016

Detlev Claussen dankt dem Herausgeber Raffaele Laudani für diese hervorragende Quellenzusammenstellung von Reports, die aus dem Umfeld der Exilanten des Instituts für Sozialforschung an den amerikanischen Geheimdienst zur Analyse und Feindeinschätzung Nazi-Deutschlands eingegangen sind. Natürlich müsse man die versammelten Dokumente aus historischer Perspektive begreifen: Eine umfassende Analyse des Nationalsozialismus ist dem Buch nicht zu entnehmen, auch steht die Theorie zugunsten handlungsorientierter Bedarfsinformationen im Hintergrund. Doch die Versuche, ohne großen Forschungsanlauf anhand von Reflexion einen plausiblen, ersten Erklärungsansatz des Nationalsozialismus zu bündeln und den USA die Dimensionen des bis dahin wenig beachteten Antisemitismus begreiflich zu machen, lesen sich in den Augen des Rezensenten mit Gewinn: Sie verschaffen Einblick "in eine historisch einmalige Konstellation".