Nadine Olonetzky wurde hineingeboren in eine gutbürgerliche Familie mit Kunstsinn, in die vom Krieg verschonte Schweiz. Noch heute trägt sie den Schmuck ihrer Vorfahren mütterlicherseits, liegt auf dem von ihnen geerbten Sofa und weiß so, woher sie kommt. Doch was blieb von der Familie ihres Vaters? Wo ist jenes Sofa heute, wo der Schmuck? Nur ein einziges Mal erzählt ihr der Vater von dem, was ihm und seiner Familie während der Shoah widerfahren war - auf einer Parkbank in Zürich, da ist sie 15. Nur eine kleine Fotografie konnte er aus Stuttgart retten. Doch davon, dass er mehr als zwanzig Jahre lang um Entschädigung kämpfte, sagt er nichts. Als sie auf einen Berg von Akten stößt, entsteht ein neues Bild, lernt sie ihren Vater neu kennen. Und Nadine Olonetzky beginnt zu schreiben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.08.2024
Beeindruckt bespricht Rezensentin Petra Pluwatsch Nadine Olonetzkys Buch über ihren Vater, einen Holocaustüberlebender, der jedoch nicht über seine Erfahrungen in den Lagern sprach. Stattdessen wurde er Hobbyfotograf. Die Autorin erkennt laut Pluwatsch, dass das obsessive Fotografieren mit dem Trauma des Vaters zu tun hat, der sich mit Bildern aus seiner Gegenwart gegen die Vergangenheit abschottet. Schon als Kind ahnte Nadine Olonetzky freilich, dass mit dem nach außen hin erfolgreichen Vater etwas nicht stimmt, aber was genau das ist, das findet sie erst viel später heraus. Ein tolles Buch ist das über eine unbewusst weitergegebene Traumatisierung, aber auch über einen Prozess der Heilung, resümiert die Rezensentin.
Als ein wichtiges Buch mit ein paar Schwächen beschreibt Rezensentin Gisa Funck Nadine Olonetzkys Band über ihre Familiengeschichte. Der Vater der Autorin hatte die Shoah überlebt, erfahren wir, seiner Tochter Nadine erzählte er jedoch erst von den Geschehnissen, als diese 15 Jahre alt war. Noch länger dauerte es, bis die Autorin anfing, die Familiengeschichte aufzuarbeiten. Detektivisch wird zum Beispiel laut Funk das Schicksal des Großvaters dargestellt, der in einem besonders sadistisch geführten Lager starb. Auch die beschämende Entschädigungspraxis nach dem Zweiten Weltkrieg und andere Aspekte des Themas, wie etwa Antisemitismus in der Schweiz, kommen zu Sprache, führt Funck aus, die allerdings bemängelt, dass Olonetzky zu geschwätzig schreibt und sie mit Ausführungen zum Beispiel über ihre Garderobe in der Gegenwart behelligt. So etwas hat in einem Buch über die Shoah nichts zu suchen, findet Funck.
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