Michel Serres

Was genau war früher besser?

Ein optimistischer Wutanfall
Cover: Was genau war früher besser?
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783518074978
Kartoniert, 80 Seiten, 12,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Früher war alles besser, so hören wir fast täglich von unseren Eltern und Großeltern oder von Mitreisenden in der U-Bahn. Früher, da haben sich die Menschen noch miteinander unterhalten, statt auf ihre Handys zu starren. Sie engagierten sich für die Gemeinschaft, statt vereinzelt vor sich hin zu vegetieren, und nebenbei hatte der Sommer noch die perfekte Temperatur. Michel Serres wuchs vor über achtzig Jahren im ländlichen Südwestfrankreich auf, und er kann uns erzählen, wie es wirklich war: Ja, die Hühner mögen alle frei herumgelaufen sein, und die Schweine wurden noch nicht mit Antibiotika behandelt. Aber Seuchen und Krankheiten waren an der Tagesordnung, bei Tieren wie bei Menschen. Zwar gab es keine Internetpornos, doch manch junges Paar glaubte, die Liebe werde durch den Bauchnabel gemacht. Die Nostalgie für das Vergangene, so ermahnt uns Serres, lässt uns vergessen, was unsere Gegenwart so wertvoll macht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.03.2019

Vergnügt und erstaunt hat Rezensentin Meredith Haaf das Lob des Heute gelesen, das Michel Serres als Nachfolgebändchen zu seinem Lob der Vernetzung 2013 vorgelegt hat. Sie spricht von seinen "farbenfrohen Schilderungen" unerträglicher Zustände im 20. Jahrhundert, Hotels ohne Duschen zum Beispiel oder "Rückenschmerzen einer Bauernkindheit ohne Maschinen", ganz zu schweigen vom Grauen seiner Kriege. Ihr gefällt die beherzte Art, mit der Serres seiner Generation der "Meckergreise" ihre politischen Sentimentalitäten austreibt. Allerdings zeigt sie sich auch verwundert über seine Unterschätzung des "harten Machtwillens" der neu-reaktionären Kräfte. Im Grunde meckern die Alten, so Haaf, vor allem darüber, dass sie nicht mehr an den Hebeln sitzen, und das werden sie sich vermutlich auch von einem so klug wie amüsant vortragenden Denker wie Serres nicht nehmen lassen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.03.2019

Für eine Attacke auf die Nostalgie kann sich Rezensent Harald Staun kaum einen besseren Autor vorstellen als den 88-jährigen Michel Serres. Kann gut sein, dass Serres in den dreißig Jahren, die er mittlerweile in Stanford lebt, etwas zu viel Fortschrittsglauben inhaliert hat, räumt der Kritiker ein, kann sich aber "optimistischen Wutanfall" des französischen Wissenschaftsphilosophen nicht entziehen. Denn Serres zieht mit Lebendigkeit und Witz gegen das Gestern zu Felde, frohlockt Staun: Krieg und Faschismus, Pocken und Syphilis, Zahnoperationen ohne Betäubung und chronische Rückenschmerzen nach der Feldarbeit. Nur eins war früher tatsächlich besser, glaubt Staun: der Glaube an eine bessere Zukunft war stärker, heute dagegen sei Zukunft das Rechenergebnis von Maschinen, die unsere Vergangenheit ausgewertet haben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.03.2019

Heute ist nicht alles gut, resümiert die beschwingte Rezensentin Maja Beckers den rasanten Ideenflug des Philosophen, aber es ist besser. Denn früher war es nicht besser, was nicht heißt, dass es künftig nicht schlimmer werden könnte. Darum habe Serres dieses anekdotenreiche Buch geschrieben, mit Witz und "mit französischer colère". Es erinnert sie ein bisschen an Steven Pinkers Aufklärungsoptimismus. Nur dass Serres wesentlich persönlicher schreibe. Ja, früher wusste man, woher die Nahrung kam, und also auch der Kautabak-Klumpen, den man im Brot fand: vom Bäcker um die Ecke. Wirklich: diese Buch scheint sich als Therapie gegen alle Nostalgie zu lesen und zwar sowohl gegen die Nostalgie der heutigen Nationalisten, als auch die der Nachhaltigkeitsapostel. Mit 80 Seiten ist es auch geeignet für eine Zeit, wo die Züge nicht mehr so verdammt langsam sind, versichert die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 09.03.2019

Rezensent Peter Praschl lobt sich den neuen Essay des Philosophen Michel Serres. Dass der bald 90-jährige Autor anhebt, die Gegenwart gegen ihre Kritiker zu verteidigen, indem er nicht etwa Zahlen und Fakten sprechen lässt, sondern aus seinem eigenen Leben erzählt, findet Praschl bemerkenswert. Dem wohlfeilen apokalyptischen Gerede in Talkshows stellt der aus armseligen Verhältnissen stammende Autor laut Rezensent seine Erfahrungen einer Vergangenheit gegenüber, in der es zwar keine Handys, aber auch kein heißes Wasser gab, dafür Knochenarbeit und stinkende Internatsschlafsäle. Beschämt darüber, dass er der gegenwärtigen Welt und ihren Verbesserungspotenzialen immer wieder zu wenig zutraut, legt Praschl das Buch beiseite.