Jörg Baberowski

Der rote Terror

Die Geschichte des Stalinismus
Cover: Der rote Terror
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2003
ISBN 9783421054869
Gebunden, 290 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Neben dem Holocaust zählt der stalinistische Terror zu den größten Grausamkeiten des letzten Jahrhunderts. 20 Millionen Menschen verlieren durch Stalin ihr Leben. Jörg Baberowski gibt einen Überblick über dieses finstere Kapitel, das, anders als die NS-Verbrechen, bis heute kaum aufgeklärt ist. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dringen Einzelheiten über das Ausmaß der Gewalt und des Schreckens von Stalins dreißigjähriger Herrschaft an die Öffentlichkeit. Allmählich werden Archive geöffnet und das Bild der sowjetischen Geschichte wird wesentlich verändert. Stalins Rolle erscheint in einem neuen Licht. Es ist nunmehr unbestritten, dass er selbst den Massenterror vorantrieb. Noch vor dem Beginn des Krieges ließ das Regime Völkergruppen deportieren, Hunderttausende kamen dabei um, und auch während des Zweiten Weltkrieges und nach 1945 hörten die terroristischen Übergriffe des Regime gegen Zivilisten und Soldaten nicht auf.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.05.2004

Elke Schubert spricht dieser "fundierten und spannend zu lesenden Untersuchung" von Jörg Baberowski das Verdienst zu, "die permanente Gewalt als Element der russischen Gesellschaft" in den Mittelpunkt gestellt zu haben. Für den Autor, so erfährt man, ist der Begriff des Stalinismus eng mit der Person Stalins und seiner dreißigjährigen Herrschaft verbunden, und lässt sich also auch nicht ohne weiteres auf die anderen kommunistischen Systeme der ehemaligen Ostblockstaaten übertragen. Entsprechend verfolgt der Autor in dieser Untersuchung zum Stalinismus, wie Schubert berichtet, dann auch den Weg Stalins von den Anfängen der Oktoberrevolution bis zu seinem Tod im Jahre 1953. Hinsichtlich der Erklärung des Stalinismus reichen für den Autor dabei, wie die Rezensentin berichtet, weder intentionale (Planung millionenfachen Mords durch eine "Clique") noch funktionale Erklärungsmodelle (Terror als Reaktion auf konkrete Probleme) aus - weshalb Baberowski das Studium des Aufstiegs Stalins mit einer differenzierenden Untersuchungen verschiedener Milieus im Probleme des Sowjetreichs verbindet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.04.2004

Obwohl der "Kern der stalinistischen Herrschaft" "in der unablässigen Ausweitung exzessiver Gewalt" bestand - referiert unser Rezensent Joachim Foeller die These Jörg Baberowskis - habe "das Regime keine totale Kontrolle über die verschiedenen Gesellschaften und Lebensweisen seines Imperiums ausgeübt. Den Stalinismus betrachtet der Autor dabei als ein Phänomen, das wesentlich mit zwei Dingen verbunden ist: mit der Person Stalin selbst und mit Mordlust. Dagegen erhebt unser Rezensent Einwände: "Denn wesentliche Elemente des totalitären Systems hatte bereits Lenin geschaffen. An diktatorischen Persönlichkeiten mit ausgewiesener Mordlust herrschte in der Sowjetunion zur fraglichen Zeit kein Mangel, wie der Autor selbst eindrucksvoll belegt." Zweifelhaft findet Foeller auch die Behauptung Baberowskis, dass nach dem Tod Stalins "die Furcht aus den Köpfen und Seelen der Menschen gewichen sei". Dennoch würdigt unser Rezensent die Detailliertheit der Studie, denn sie erlaube es, ein "angemessenes Verständnis der Wirklichkeit des Stalinismus als Epoche" zu gewinnen; mehr noch: sie zeige, "wie Stalins Sowjetunion funktioniert hat".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2004

Jörg Baberowski sei ein "engagiertes Buch" über die Geschichte des Stalinismus gelungen, freut sich Helmut Altrichter. Der Autor verortet den Ursprung stalinistischen Terrors, auf dessen Höhepunkt 1937/38 innerhalb von fünfzehn Monaten eineinhalb Millionen Menschen verhaftet und knapp die Hälfte davon ermordet worden seien, wie der Rezensent berichtet, in der Revolutions- und Bürgerkriegszeit. Gestützt auf die erst in den Neunziger Jahren geöffneten Archive, bestimmt der Autor drei wesentliche Momente des Stalinismus: Zum einen die Fortsetzung der seit Anfang des 18. Jahrhunderts betriebenen Versuche zur Verwestlichung Russlands; zum anderen ein "Gewaltkult", der aus einer Verbindung der Fronterfahrungen der Soldaten mit "der Gewaltkultur des Dorfes" entstanden sei, und zuletzt die "Ausbildung eines umfassenden stalinistischen Klientelsystems", wie der Rezensent schreibt. Der Autor liebe die "dicken Striche, die kräftigen Akzente" und sei "im Streit der Schulen und Deutungsversuche" nicht eindeutig zu verorten, bemerkt Altrichter, der vermutet, dass sich Baberowski nicht auf einen Zugang festlegen und bei Bedarf die Perspektive wechseln wolle. Dabei scheue sich Baberowski nicht, Stellung zu beziehen und Urteile zu fällen, lobt der Rezensent das Buch, das die Erträge der Forschung "sachkundig zusammenfasst und um eigene Recherchen, Beobachtungen, Überlegungen bereichert."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.10.2003

Edward Kanterian bricht nicht in Jubel aus, ist aber durchaus zufrieden mit Jörg Baberowskis Überblick zum Stalinismus. Der Autor verstehe es, das stalinistische Terrorsystem historisch und soziologisch schlüssig herzuleiten und dabei ein integratives Erklärungsmodell zu entwerfen, das verschiedene, für sich genommen zu kurz greifende Erklärungen sinnvoll vereinige: Stalin und seine Clique standen hinter den Verbrechen, die aber zugleich auch ein Auswuchs der strukturellen Organisation des Sowjetstaates waren. Die Wurzeln des Stalinismus sucht Baberowski zum einen in der wahnsinnigen Vision des "neuen Menschen", einer radikal übersteigerten Variante des Menschenbildes der Moderne, zum anderen in den "archaischen Traditionen der Gewalt und der Gefolgschaft, aus denen Stalin selbst und seine Gefolgsleute stammten". Als dann die hochfliegende ideologische Vision mit der Realität in Konflikt geriet, brach die Gewalt aus. Diese Zusammenhänge belegt der Autor Kanterian zufolge recht "eindrucksvoll", so dass dem Rezensenten nur bleibt, die fehlende Auseinandersetzung mit der keinesfalls einstimmigen Forschungsliteratur zum Thema zu bemängeln und darauf hinzuweisen, dass es den Stalinismus auch ohne die Person Stalins gegeben hätte - ob Baberowski Gegenteiliges behauptet, wird allerdings nicht deutlich.