Dietmar Neutatz

Träume und Alpträume

Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert
Cover: Träume und Alpträume
C. H. Beck Verlag, München 2013
ISBN 9783406647147
Gebunden, 688 Seiten, 29,95 EUR

Klappentext

Dreimal wurde Russland im 20. Jahrhundert neu erfunden: im Zuge der Modernisierung des späten Zarenreiches, unter den Kommunisten und nach dem Ende der Sowjetunion. Die Träume, die mit diesen Aufbrüchen verbunden waren, konfrontiert dieses Buch mit ihrer Umsetzung in die Praxis, die sich oft genug als Alptraum entpuppte. "Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer." Dieser Satz Viktor Tschernomyrdins ist in Russland zum geflügelten Wort geworden, weil er als gemeinsamer Nenner aller Anfänge gelten kann, die in Russland im langen 20. Jahrhundert unternommen wurden. Die Reformer des späten Zarenreiches, die Bolschewiki, deren Traum von einer besseren Gesellschaft Millionen Menschen das Leben kostete, aber auch die Marktwirtschaftler der neuen Ära nach dem Ende der Sowjetunion: Sie alle mussten hilflos zusehen, wie sehr sich das, was herauskam, von dem unterschied, was sie sich ausgemalt hatten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2014

Kerstin S. Jobst möchte angesichts der imposanten Gesamtleistung, die der in Ulrich Herberts Reihe "Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert" erscheinende Band von Dietmar Neutatz für sie darstellt, nicht kleinlich sein. Kritik stellt sie daher an den Schluss ihrer Rezension: Mehr Bilder, ein umfangreicherer Index, eine klarere Struktur, meint sie, wären schön gewesen. Außerdem hält sie das Kapitel zu Tschernobyl für unangemessen kurz. Zuvor aber lobt Jobst die anregende wie plausible Herausarbeitung der für Russland im 20. Jahrhundert entscheidenden Brüche und der wachsenden weltpolitischen Bedeutung Russlands durch den Autor. Sie erkennt die dichte Faktengeschichte an und dass Neutatz Alltagskultur und Realitätswahrnehmungen der russischen Stadt- und Landbevölkerung in den Blick nimmt, die kollektive Selbstbespiegelung und die "ontologische Rückständigkeit", zum Beispiel anhand von Gesundheitswesen, Alkoholismus und Demografie untersucht. Bei der Betrachtung des Vielvölkercharakters geht ihr der Autor allerdings zu knausrig vor.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2014

Titel, Form, Inhalt und Umfang des vom Osteuropa-Historiker Dietmar Neutatz verfassten Buches haben Kerstin Holm überzeugt. Der politisch und sozialgeschichtlich fokussierte Band erscheint ihr als neues Standardwerk zur Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert. Den Materialreichtum der Arbeit nennt sie enzyklopädisch, der Autor, schreibt sie, schildere sowohl die Machtkämpfe im Kreml als auch die der Lokalmatadore in den Provinzen. Atmosphärisch scheint der Autor der Rezensentin einiges vermitteln zu können. Dass Neutatz dabei stets sachlich bleibt, sogar, wenn er die Gewalt im Staate darstellt, findet Holm bewundernswert. Die Moral der Geschichte findet Neutatz im Bonmot des langjährigen Regierungschefs Viktor Tschernomyrdin: "Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.12.2013

Diese Arbeit des Freiburger Historikers Dietmar Neutatz geht dem Rezensenten Jörg Mettke gewaltig gegen den Strich, das wird sofort klar, man versteht jedoch nicht immer, warum. Über das Buch selbst verliert Mettke nicht viele Worte: Wir erfahren, dass Neutatz die russische Geschichte im 20. Jahrhundert in drei Epochen einteilt -  Zarenzeit, kommunistische Zeit und die Zeit nach der Wende -, aber letztendlich referiert Mettke mehr zur Transsibirischen Eisenbahn als zur Russischen Revolution. Vielleicht ist es die politische Stoßrichtung, die Mettke stört, er wirft dem Buch an einer Stelle vor, "Siegergeschichte" zu schreiben, an anderer Stelle eine "Defizitgeschichte von Rückständigkeit und Unzulänglichkeit". Zum Beispiel sieht er die gewaltsame Industrialisierung unter Stalin nicht hinreichend gewürdigt als Voraussetzung für den Sieg im Zweiten Weltkrieg, und Vorwürfe gegen Gorbatschow planlos Handeln findet er auch haltlos. Obendrein findet er das Buch schlecht geschrieben.
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