Mit einem Vorwort von Hans Höller. Ingeborg Bachmann stand mit zentralen Protagonistinnen der deutschsprachigen Literatur in Kontakt. Ihre Briefwechsel mit Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin und Nelly Sachs, die hier erstmals zugänglich gemacht werden, geben einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensbedingungen, das literarische Schaffen, die Poetik und das politische Engagement schreibender Frauen nach 1945. Über Generationen und Grenzen hinweg entstehen zwischen den Briefpartnerinnen unterschiedliche Beziehungen: die in Rom beginnende Freundschaft Bachmanns mit Marie Luise Kaschnitz, die pragmatische Zusammenarbeit mit Hilde Domin und das lyrische Gespräch mit Nelly Sachs. Gemeinsam ist den Briefwechseln vor allem die Frage, wie nach der Shoah weitergelebt und weitergeschrieben werden kann. Der Kommentar erläutert die Briefe vor dem Hintergrund von Zeitgeschichte und Literaturbetrieb und versucht, von heute aus, die Werke dieser Autorinnen miteinander ins Gespräch zu bringen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 26.08.2023
Von Ingeborg Bachmanns Korrespondenzen mit und ihren ganz verschiedenen Beziehungen zu Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin und Nelly Sachs kann die durchaus angetane Rezensentin Elke Schlinsog in diesem neuen Band der Bachmann-Gesamtausgabe lesen. Am besten gefallen ihr die Briefe zwischen Sachs und der Klagenfurterin, die von "tiefer Verbundenheit" und "unserer Schwesternschaft" zeugen, wie sie zitiert. Mit Domin hingegen verbindet die früh Verstorbene eher eine kurze Arbeitsbeziehung, eine lange, enge Freundschaft dagegen mit Kaschnitz, deren Briefe von Alltag und Privatem handeln. Den Titel findet Schlinsog nicht nur deshalb passend, weil über Ländergrenzen hinweg kommuniziert wird, sondern auch, weil die Briefe selbst immer wieder von Grenzen und Mauern handeln, die weibliches Schreiben der Nachkriegszeit überwinden muss, wie die zufriedene Rezensentin abschließend klarmacht.
Nur einer der drei im Band versammelten Briefwechsel findet das Interesse des Rezensenten Helmut Böttiger, nämlich der zwischen Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz. Die beiden Lyrikerinnen waren, lernen wir, enge Freundinnen und auch wenn Böttiger vermutet, dass die eigentliche Substanz dieser Freundschaft in den persönlichen Begegnungen der beiden zu verorten sein dürfte, zeugt die manchmal ziemlich lustige Korrespondenz von Zugewandtheit und geteilten Interessen. Die Briefwechsel Bachmanns mit Hilde Domin und Nelly Sachs hingegen erweisen sich laut Rezensent als nicht allzu ergiebig. Domin hält mit ihrer tatsächlichen - wenig schmeichelhaften - Meinung über Bachmann hinter dem Berg, so Böttiger; Sachs wiederum verehre die Österreicherin zwar offensichtlich, Bachmann Antworten hingegen seien kurz gehalten.
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