Es ist ein weisser Fleck auf der Landkarte der Kafkaforschung: des Prager Schriftstellers Beziehung zu der Hauptstadt des Kaiserreiches, dessen Untertan er war. Schon als Knabe wurde er Zeuge der Besuche Franz Josefs in seiner Heimatstadt, später sah er sich den musikalischen und literarischen Einflüssen ausgesetzt, die von der lebensfrohen, ihm jedoch verhassten Habsburger-Residenz ausgingen. So kann es nicht verwundern, dass er nicht als Tourist nach Wien kam, sondern als Durchreisender, als Kongressteilnehmer, als Liebender, als Schwerkrenker und schließlich als Sterbender, der in einem Zinnsarg der Wiener Städtischen Bestattungsanstalt an die Moldau zurückkehren sollte. Dieser üppig mit Bildern ausgestattete Band führt an die Stätten, die der Schriftsteller mit seiner Anwesenheit nobilitiert, benennt die von ihm geschätzten und abgelehnten Wiener Schriftsteller und Bühnenkünstler und zeigt die Ursachen seiner Wien-Aversion auf.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2015
Was die positivistische Kafka-Forschung betrifft, kennt Roland Reuss nichts, was sich mit Hartmut Binder und seinen detektivischen, von sagenhaftem Bildmaterial gestützten Spurensuchen vergleichen ließe. Wenn Binder nun Kafka nach Wien folgt, wird der Rezensent nicht enttäuscht, sondern erhält ein Glanzstück genauer Beobachtung in bibliophiler Aufmachung. Auch wenn Kafka und Wien eher die Geschichte einer Durchreise heißen könnte, wie Reuss wissen lässt, der Auror weiß sich zu helfen und vermittelt die geistige und politische Präsenz Wiens in Prag und den Einfluss der Wiener Dichter auf Kafka. Was Kafka und Karl Kraus verband bzw. trennte, liest Reuss hier in nie gesehner Ausführlichkeit. Und was Kafka 1913 auf dem II. Internationalen Kongress für Unfallversicherung und Rettungswesen erlebte, weiß er nun auch.
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