Bernd Braun, Joachim Eichler (Hg.)

Arbeiterführer, Parlamentarierer, Parteiveteran

Die Tagebücher des Sozialdemokraten Hermann Molkenbuhr 1905 bis 1927
Oldenbourg Verlag, München 2000
ISBN 9783486564242
Gebunden, 405 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Die Tagebücher von Hermann Molkenbuhr (1851-1927) geben Einblick in die Denk- und Handlungsweise einer der prägenden Persönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung und des deutschen Parlamentarismus. Sein Engagement in der sozialistischen Internationale machte Molkenbuhr auch auf der europäischen Ebene zu einem der bekanntesten Repräsentanten der deutschen Sozialdemokratie.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.12.2000

Freya Eisner findet, dass Molkenbuhr in seinen Tagebüchern oft "erstaunlich abgeklärt" von politischen Geschehnissen berichtet. Zumindest betrifft dies wohl die früheren Tagebücher, in denen die Rezensentin bei dem Politiker ein starkes "Selbstwertgefühl" diagnostiziert, was sie auf Molkenbuhrs großes, autodidaktisch erworbenes Wissen zurückführt. Eisner widerspricht hier der Vermutung der Herausgeber, Molkenbuhr habe vor 1912 lange kein Tagebuch geführt, weil er vom radikalen Parteiflügel `gekränkt` worden sei. In Wirklichkeit - so Eisner - habe er "Rosa Luxemburg und ihre Mitstreiter" nicht besonders ernst genommen und als "weltfremde Leute" betrachtet. Was die späteren Jahre betrifft, so zitiert die Rezensentin einige Eintragungen, die allerdings durchaus eine Verletzung erkennen lassen, etwa als ihm seine Partei einflussreiche Ämter verweigerte und Molkenbuhr von "erbärmlicher Ideenarmut" in seiner Partei spricht und sich wie ein "räudiger Hund" behandelt fühlt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2000

In einer Doppelrezension bespricht Wolfganz Elz ein Biografie über den Politiker und Mitbegründer der SPD sowie die Herausgabe seiner Tagebücher.
1) Bernd Braun: "Hermann Molkenbuhr (1851-1927)" (Droste Verlag)
Elz begrüßt das Erscheinen dieser Biografie ausdrücklich, zumal er festgestellt hat, dass dieser bedeutende Politiker heute fast in Vergessenheit geraten ist. Und so nutzt der Rezensent die Gelegenheit, in kurzer Form die wichtigsten Stationen in Molkenbuhrs politischem Leben nachzuzeichnen. Dabei macht er darauf aufmerksam, dass Braun in seiner Biografie deutlich aufzeigt, dass es Molkenbuhr letztlich an zwei wichtigen, ja unerlässlichen Eigenschaften für einen Politiker gefehlt habe: "Machthunger und die Bereitschaft, die Vermischung von sachlichen und persönlichen Auseinandersetzungen zu akzeptieren". Dennoch ist Brauns Biografie von "gelegentlich übergroßer Sympathie" geprägt, wie Elz feststellt. Allerdings scheint das seiner Ansicht nach der Qualität dieser "sehr gut lesbaren" Biografie keinen Abbruch zu tun.
2) Bernd Braun, Joachim Eichler (Hrsg.): "Arbeiterführer, Parlamentarie, Parteiveteran. Die Tagebücher des Sozialdemokraten Hermann Molkenbuhr 1905 bis 1927" (R. Oldenbourg Verlag)
Elz weist zunächst darauf hin, dass Molkenbuhr seine Aufzeichnungen - besonders in den letzten Jahren - nur sehr sporadisch geführt hat und sein Tagebuch daher nur wenig an neuen Informationen bietet. Kritisch äußert er sich über die Arbeit der Herausgeber. So gibt die Einleitung, wie er feststellt, keinen Hinweis darauf, "welchem Zweck dieses Tagebuch dienen sollte". Hat Molkenbuhr es wirklich nur für private Zweck geführt oder war es möglicherweise eher als Grundlage für später zu schreibende Memoiren gedacht? Diese Frage findet Elz insofern bedeutsam, als man nun nicht sicher sein könne, ob er im Tagebuch nun seine wirklichen Gedanken aufgezeichnet hat oder nur dass, was er "nach außen preisgeben" wollte. Auch wird nach Ansicht des Rezensenten nicht deutlich genug gekennzeichnet, wo die Herausgeber in den Text eingegriffen haben. Als Beispiel nennt Elz "unkommentierte Ereignisse in den Tageseinträgen, die sich erst später begeben haben".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.05.2000

In einer Sammelrezension bespricht Volker Ullrich die folgenden zwei Bücher zu Hermann Molkenbuhr:
1.) Bernd Braun,/Joachim Eichler (Hrsg,): "Arbeiterführer, Parlamentarier, Parteiveteran" (Oldenbourg Verlag)
Die "sorgfältige Tagebuch-Edition" zu Hermann Molkenbuhr ist zeitgleich mit der Biografie erschienen, schreibt Volker Ullrich. Sie führt den Mann in seinen eigenen Aufzeichnungen vor, aus denen in der Besprechung zitiert wird. Ullrich hebt besonders zwei Einträge zum Kriegsanfang 1914 hervor, als Molkenbuhr zwar einerseits die damals unter Sozialdemokraten typische Furcht vor dem zaristischen Russland erkennen lässt, jede Kriegseuphorie jedoch ablehnt: "Nach jedem Rausch folgt der Katzenjammer." Die Novemberrevolution von 1918 findet ihn ähnlich skeptisch: "Die politische Grundlage der sozialistischen Gesellschaft kann nur die Demokratie sein." Als er im selben Jahr den Parteiauftrag erhält, Kaiserin Auguste Viktoria ins holländische Exil zu begleiten, begreift er gekränkt, dass auch in der Partei der Macher Haltungen wie seine für entbehrlich gehalten werden. Leider lässt Ullrich den Leser im Unklaren darüber, ob neben den politischen Notizen auch persönliche oder die Lebenswelt dieses Politikers illustrierende Aufzeichnungen im Tagebuch enthalten sind.
2.) Bernd Braun: "Hermann Molkenbuhr (1851-1927)" (Droste Verlag)
Als Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg hat der Autor nach gründlichem Archivstudium hier eine "mustergültige Biografie" vorgelegt, schreibt Ullrich. Damit wird ein SPD-Gründervater der Vergessenheit entrissen, der durch Person und Karriere die Anfänge der Partei beispielhaft belegt. Als Zigarrendreher und seit 1872 Mitglied des Ottensener Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren für den Hamburger die Auswirkungen der Sozialistengesetze politisch prägend. Sie führen ihn - wenn auch nur für drei Jahre - in die amerikanische Emigration, wo er Englisch lernte, weshalb er später häufig als Delegierter auf internationalen Kongressen auftrat. 1890 wird er erstmals in den Reichstag gewählt, gehört später zu denen, die 1914 die Kriegskredite bewilligen. Das "mit viel Sympathie" vom Autor nachgezeichnete Leben ist den "kleinen Schritten" und dem Konkreten gewidmet; die Spekulation Brauns, ob die Spaltung der Partei 1916 hätte verhindert werden können, findet Ullrich irrig, da sie die Schuld zu sehr der radikalen Minderheit zuschustert.