Rekonstruiert von Bettina Stangneth. Wie übersteht man 275 Stunden allein mit Adolf Eichmann? Wie schafft man es, so lange die Lügen und Entschuldigungen vom dem zu ertragen, der Millionen Menschen in den Tod deportiert hatte, darunter auch den eigenen Vater? Avner Werner Less hat genau das erlebt. Nun hat Bettina Stangneth jenes Buch rekonstruiert, das der Eichmann-Verhörer selber nicht beenden konnte. Als man ihn 1960 bat, Eichmann zu verhören, wäre Less am liebsten davongelaufen. Zu viele hatte er im Holocaust verloren. Dann aber übernahm er die Aufgabe gerade deshalb: Er wollte verstehen. Er begann zu schreiben, über Eichmann, über sich, er notierte das, was keinen Platz im 3564-seitigen offiziellen Verhörprotokoll fand Fragen, seine Gedanken, aber auch seinen Ekel. All das mit scharfer Beobachtungsgabe, beeindruckender Urteilskraft, feinem Sarkasmus, vor allem aber mit dem Wunsch, der Welt zu erklären, was er aus dem Phänomen Eichmann gelernt hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.11.2012
Die von der Historikerin Bettina Stangneth rekonstruierten privaten Aufzeichnungen, die Avner Werner Less während seines 275 Stunden-Verhörs von Adolf Eichmann angefertigt hat, eröffnen Jonathan Pärli einen neuen Blick auf den Massenmörder Eichmann. Laut Pärli entsteht zudem die Lebensgeschichte Avner Werner Lessens selbst. Besonders fasziniert Pärli die von Less festgehaltene Verteidigungsstrategie Eichmannns und der Umstand, dass Less sie sehr früh durchschaut. Entsprechend ablehnend auch dessen Reaktion auf Hannah Arendts Prozessbericht. Schockierend für Pärli, dass Less in Deutschland zu Lebzeiten keinen Verleger fand. Umso erfreulicher, wenn seine Aufzeichnungen nun erscheinen.
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