1939 wurden alle deutschen Juden (mit Ausnahme der in sog. Mischehen lebenden) von den Nationalsozialisten in der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" zusammengefasst. Deren Funktionäre begaben sich auf eine Gratwanderung, die für die meisten von ihnen tödlich endete: Sie hofften, die Auswanderung der Juden fördern, die Auswirkungen der antisemitischen Maßnahmen abmildern und für eine jüdische Restgemeinschaft in Deutschland sorgen zu können. Als der NS-Staat im Herbst 1941 die Auswanderung verbot und zu systematischen Deportationen überging, entschloss sich die Mehrheit der Funktionäre, Zuarbeiten zu leisten, um "Schlimmeres zu verhüten". Doch die Strategie der Kooperation verschaffte ihnen keine größeren Handlungsspielräume, stattdessen gerieten sie immer mehr in Opposition zu ihren Zwangsmitgliedern. Ab Juni 1943, als fast alle "ungeschützten" Juden und auch ihre Funktionäre deportiert worden waren, betreuten jüdische "Vertrauensmänner" einer Rest-Reichsvereinigung die in Mischehe lebenden Juden. Beate Meyer untersucht auch deren Umgang mit Verfolgern wie Mitgliedern und geht, da die meisten dieser letzten Funktionäre überlebten, deren Schicksal nach dem Krieg nach.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2012
Der hier rezensierende Historiker und Leiter der Forschungsstelle für NS-Verbrechen Ludwigsburg, Wolfram Pyta, spendet Beate Meyer für ihr Buch über die "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" höchstes Lob. Der Historikerin gelingt es, in ihrer umfassenden Monografie die prekäre Stellung der Organisation, die zunächst die Massenauswanderung deutscher Juden vorantreiben sollte und später zu Zuarbeitung zum Holocaust gezwungen wurde, in ihren komplexen Zusammenhängen darzustellen, so der Rezensent anerkennend. Die Autorin kommt zu dem Urteil, dass es vor allem "mangelnde Einsicht in die Strukturen des Entscheidungshandeln" der NS-Verwaltung war, was die jüdischen Führungskräfte der "Reichsvereinigung in ihre verzweifelte Position brachte, erklärt Pyta zustimmend. Er attestiert Meyer Verhältnismäßigkeit im Urteil, sensible Quellenauswertung, die die Persönlichkeiten des "Reichsverbandes" hervortreten lässt, und einen fruchtbaren kulturhistorischen Ansatz, der auch die Zwischentöne einer höchst prekären Position verständlich macht.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…