Daniel Heller-Roazen

Der innere Sinn

Archäologie eines Gefühls
Cover: Der innere Sinn
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012
ISBN 9783100314116
Gebunden, 512 Seiten, 24,99 EUR

Klappentext

Es war vermutlich Aristoteles, der als Erster einen dem Menschen eigentümlichen Sinn entdeckte: den Sinn wahrzunehmen, dass man wahrnimmt. Daniel Heller-Roazen unternimmt in seinem Buch nun dessen Archäologie: In 25 Kapiteln zeichnet er die verschlungen Wege dieses besonderen Sinns bei Denkern vom antiken Griechenland bis zum 20. Jahrhundert und in Disziplinen von der Philosophie über Psychologie und Literatur bis zu medizinischen Abhandlungen nach. "Der innere Sinn" ist eine weitreichende philosophische Untersuchung der Frage, was es bedeutet, dass man sich lebendig fühlt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.10.2012

Den Autor bezeichnet Markus Wild als klugen Stilisten und belesenen philosophischen Kopf. Gute Voraussetzungen, um dem inneren Sinn, dem Gefühl des Daseins nachzuspüren, findet Wild. Daniel Heller-Roazen macht das, den Leser fordernd, ausgehend von Aristoteles und in Form eines Streifzugs durch die Ideengeschichte, durch Stoa, Tausendundeine Nacht, Leibniz, Rousseau. So weit, so gut, meint der Rezensent. Was ihm am Ende jedoch fehlt, ist die Auseinandersetzung mit dem Bewusstseinsbegriff, diese Chance, erklärt Wild, lasse sich der Autor entgehen und damit die Möglichkeit, dem Leser ein wirklich weites Feld zu eröffnen, eines, das über anticartesianische Muster hinausgeht. In seinen Grenzen hält Wild das Buch aber dennoch für anregend und angenehm an unseren Daseinssinn rührend.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2012

Zeit für die Besinnung auf den inneren Sinn, findet Ralf Konersmann. Dass sich mit Daniel Heller-Roazen ein gelehrter Ideenhistoriker der Genese einer Vorstellung annimmt, die wie kaum eine zweite unsere Welt ist, macht ihn hoffungsfroh. Und Konersmann wird nicht enttäuscht, wenn der Autor bis zu Aristoteles zurückgeht, um die schrittweise Trennung von Mensch und Tier durch den Begriff des Bewusstseins und den Weg der Wissenschaften von hier aus nachzuzeichnen. Aber ebenso, wie die christliche Deutung die ursprüngliche Ordnung hierarchisierte und Denker wie Montaigne und Rousseau sich dem Problem stellten. Der Autor lässt Konersmann wissen, was für uns verloren ging auf dem Weg in die Neuzeit, und er macht das geduldig und umsichtig, wie er schreibt, ganz im Sinne einer dringend notwendigen Aufklärung über die Ökumene der Lebewesen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2012

Autsch, das ist hart. Rezensent Jürgen Kaube spart nicht mit Spott, wenn er dem Literaturwissenschaftler Daniel Heller-Roazen einen Mangel an kognitivem Marschgepäck und verstandesmäßigen Absichten unterstellt. Wollte Heller-Roazen etwa nicht herausfinden, was unsere Sinneswahrnehmung eint? Schon, doch seine Mittel sind leider sehr begrenzt, klagt Kaube, der überhaupt nicht verstehen kann, warum der Autor seine Studie zwar um Aristotelische Begriffe anordnet, aber nicht mal versucht herauszufinden, was Antike und Gegenwart in Sachen Wahrnehmung bzw. Wahrnehmungswahrnehmung unterscheidet. Ferner kritisiert Kaube des Autors strikt literaturwissenschaftlichen Zugang zu philosophischen Motiven, das völlige Ausblenden der fachfremden Forschung und einen fatalen Mangel an Ambition, wenn es darum geht, wissenschaftliche Leerstellen mit Argumenten zu füllen. Heraus kommt dabei, meint Kaube sehr enttäuscht von diesem Buch, leider größtenteils philosophischer Kitsch.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.09.2012

Die Messlatte liegt hoch, gibt Gisela von Wysocki zu, die sich als Fan von Daniel Heller-Roazens Essayband "Echolalien" outet, und so ganz kann seine Abhandlung über die Philosophie des inneren Sinns diese Marke nicht erreichen. In der Folge von Aristoteles' Entdeckung des inneren Sinns, mit dem der Mensch wahrnimmt, dass er wahrnimmt, kommen zwar durchaus interessante und einschlägige Stimmen zu Wort - Philosophen wie Aristoteles, Thomas von Aquin und Rousseau, aber auch fiktionale Figuren wie der erwachende Schläfer aus Prousts "Verlorener Zeit" und E.T.A. Hoffmanns Kater Murr -, doch sucht die Rezensentin lange nach der Absicht hinter dieser "brillanten Zitaten-Show". Diese offenbart sich erst am Schluss, aber bis dahin hat die Lektüre doch etwas gelitten unter der Schwäche des Autors, "auf nichts verzichten zu können", meint die Rezensentin. Ein Lob geht an Horst Brühmann, der "das dennoch eindrucksvolle Werk" kundig und präzise ins Deutsche übertragen habe.