Carl Schmitt

Carl Schmitt: Tagebuch Oktober 1912 bis Februar 1915

Cover: Carl Schmitt: Tagebuch Oktober 1912 bis Februar 1915
Akademie Verlag, Berlin 2003
ISBN 9783050037318
Gebunden, 431 Seiten, 44,80 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Ernst Hüsmert. Im Nachlass des berühmten Juristen und politischen Denkers Carl Schmitt befinden sich verschiedene Abteilungen unterschiedlich gestalteter Tagebuchaufzeichnungen. Sie sind mit wenigen Ausnahmen in der heute fast vergessenen Gabelsberger Stenographie unter Verwendung eigener Kürzel geschrieben. Der im Bereich des Oberlandesgerichtes Düsseldorf als Referendar unentgeltlich angestellte und in seiner Freizeit in zwei Anwaltskanzleien seinen Lebensunterhalt verdienende 23jährige Carl Schmitt setzt sich neben Eintragungen zum Alltag, zur Zeitanalyse und zu Gedanken über den Staat und die Bedeutung des Einzelnen u. a. mit dem Sprachphilosophen Fritz Mauthner in einem fiktiven Brief auseinander, in einer kritischen Studie mit dem Neukantianer Rudolf Stammler und dessen "Theorie der Rechtswissenschaft" und immer wieder mit seinem Dichterfreund Theodor Däubler, der bei ihm im Sommer 1912 und 1913 wochenlang wohnt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.05.2004

Als "unangenehm" empfindet Rezensent Raphael Gross diese Tagebücher des Staatsrechtslehrers und politischen Theoretikers Carl Schmitt aus den Jahren 1912 - 1915. Weil sie sehr aufschlussreich sind in Bezug auf Schmitts Antisemitismus, empfiehlt er sie dennoch zur Lektüre. Hier nämlich sprechen die Tagebücher eine "deutliche Sprache": neben Einträgen zu Schmitts großer Liebe, der Tänzerin Carita von Dorotic, und seinen drückenden Geldsorgen sind hochemotionale, mitunter paranoide antisemitische Äußerungen allgegenwärtig. Für Gross ist damit klar, dass Schmitt - entgegen einer oft geäußerten Auffassung - nicht erst 1933 mit der Judenfrage beschäftigt war, sondern dass ihn dieses Thema sein ganzes Leben lang begleitete. Insofern werfen diese frühen Tagebücher, die von Schmitts "irrationale Radikalität" zeugen, für Gross auch ein neues Licht auf dessen spätere Begeisterung für die Nürnberger Gesetzte. Ob diese Tagebücher Schmitts Anhängern helfen werden, ihn zum Klassiker zu nobilitieren, resümiert der Rezensent, "ist zu bezweifeln".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.04.2004

Thomas Assheuer stellt die Möglichkeit in Aussicht, dass die "hervorragend editierten" Tagebücher Carl Schmitts darüber Aufschluss geben könnten, inwieweit es eine Wechselwirkung gibt zwischen den Lebenserfahrungen und der Rechtsphilosophie Carl Schmitts. Aus welchen Motiven Schmitt einen "bis heute unfassbaren apologetischen Eifer an den Tag" gelegt hat, wenn es darum ging, "dem Nationalsozialismus in die Hände" zu arbeiten - dass könnten die Tagebücher erhellen. Der Rechtsgelehrte Schmitt, referiert Assheuer, gelangte zu einer gnostischen Weltanschauung, die dem Staat als Institution die Aufgabe zuwies, den Beitrag des Teufels an der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht in Schach zu halten. Dieses gnostische Daseinsgefühl und die damit in Beziehung stehende Sympathie für Hitler könnten sich nun mithilfe der Tagebücher auf den "täglichen Überlebenskampf" des vom Schicksal gebeutelten Schmitt zurückführen lassen, so unser Rezensent. Denn die Eintragungen von Oktober 1912 bis Februar 1915 enthalten detaillierte Aufzeichnungen seines Leidens an Demütigungen, Liebesverlust, Geldnot und Selbstmordgedanken wie auch seines Ehrgeizes, im "Kampf des Erdendaseins" zu obsiegen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.02.2004

Einen Carl Schmitt im "privaten Ausnahmezustand" entdeckt Rezensent Stephan Schalk in diesen Tagebüchern, in denen sich der angehende Staatsrechtler als "großer unpolitischer Liebender" zeigt. Die Liebesgeschichte zwischen Schmitt und seiner angebeteten Cari, einer Tingel-Tangel-Tänzerin, die vorgab, aus einem altadeligem Geschlecht zu stammen, nimmt denn auch breiten Raum in Schalks Besprechung ein. Auf sie habe Schmitt, der in seinen jungen Jahren ideologisch noch kaum festgelegt war, seine "romantischen Energien" kanalisiert. Etwas bedauerlich findet es Schalk da nur, dass sich der Herausgeber in dieser Sache große Zurückhaltung auferlegt und man etwa ein Foto der Geliebten im Band vergeblich sucht. Des weiteren stellt Schalk eine gewisse Ähnlichkeit zu den Tagebucheinträgen des "Intimfeinds" Thomas Mann fest, wenn er Schmitt zum Beispiel notiert: "lange geschlafen; gesund auf, großartige Verdauung". In solchen Aufzeichnungen, die Schmitts Alltag dokumentieren, sieht Schalk auch den "besonderen Wert" dieser Tagebücher. Bestens belegen sie Schmitts "wahnwitzige Gier nach Geld und Macht und Genuss" (Schmitt), während der erste Weltkrieg nur als "weit entferntes Grollen" vorkommt, hält Schalk fest. Mit Schmitts Einberufung, mit der die Tagebücher schließen, endet auch dessen "apolitische zivile Idylle".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.01.2004

Als "kulturgeschichtliches Dokument ersten Ranges" würdigt Rezensent H. D. Kittsteiner die Tagebücher Carl Schmitts aus den Jahren 1912-1915. Als Eckpunkte des Buchs nennt er Schmitts religiöse Besinnung in Angst, Not und Krieg, seine Kritik am Bürgertum, seine Auseinandersetzung mit Nietzsche, Weininger und Däubler. Die Tagebücher geben Kittsteiner zufolge Einblick in die Seelenlage nicht nur eines Einzelnen, sondern einer Generation. Er hält fest, dass Schmitt schon in diesen Jahren sehr produktiv war. So erschienen unter anderem "Gesetz und Urteil", eine Studie über das Verhältnis von Gesetzgebung und Justiz, sowie "Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen", eine Erörterung über die Beziehung von juristischer Norm und Macht, berichtet. Kittsteiner hebt hervor, dass der Herausgeber Ernst Hüsmert neben einer literarische Arbeit über Theodor Däublers "Nordlicht" diese Schriften in ihren Rezensionen präsentiert. Ein Lob zollt er auch den Kurzbiografien, die Hüsmert vom wichtigsten Personal des Tagebuchs erstellt hat. Kittsteiner kommt bei seiner Lektüre zu dem Schluss: "Was immer man im Streit der polarisierenden Deutungen Carl Schmitt anheften mag, die 'katholische Verschärfung', den 'Karrieristen' oder den 'Kronjuristen des Dritten Reiches' - alle diese Schlagworte scheitern an einer widersprüchlichen Persönlichkeit." Bleibt ihm nur noch, auch eine Fortsetzung der Edition der Tagebücher zu hoffen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2003

Ein "flackerndes Licht", schreibt Henning Ritter in einer ausführlichen Besprechung, würden die hier publizierten Tagebücher des frühen Carl Schmitt auf die "ersten wissenschaftlichen" und die "damals noch gleichrangig daneben sich behauptenden literarischen" Ambitionen des später so einflussreichen Staatsrechtlers werfen. So würde dann vor allem die "Person" Schmitts hier nun "an Facetten und abgründigen Zügen" gewinnen. Der Autor balanciert in diesen Notizen, erfährt man vom Rezensenten, "auf einem schmalen Grad" zwischen "gegensätzlichen Affekten", vor allem zwischen "Niedergeschlagenheit im Weitermachen" und "dem Selbstmord" - der, wie Ritter berichtet, hier zu den "meistbeschworenen Auswegen" aus Schmitts "in vielerlei Hinsicht ausweglosen Lage" gehört, die zu jener Zeit, wie der Rezensent präzisiert, unter anderem bestimmt war von Armut und Schulden auf der einen und von "Ruhmesfantasien eines grenzenlos Ehrgeizigen" auf der anderen Seite; sowie von einer großen Enttäuschung in einer Liebesaffäre. Dabei, erklärt Ritter weiter, verwirre den Leser vor allem der Stil dieser Aufzeichnungen, eine "zum Äußersten getriebene Sachlichkeit" selbst noch in der Beschreibung psychischer Sachverhalte, die beim Rezensenten gar Assoziationen zu der "Lakonie" von Kafkas Tagebüchern geweckt haben. Schmitt selbst hat sich, erfährt man schließlich noch, später immer wieder diese Aufzeichnungen vorgenommen, um sich, wie Ritter schreibt, in "das Rätsel seiner jungen Jahre" zu vertiefen.