Reinhard Mehring

Carl Schmitt. Aufstieg und Fall

Eine Biografie
Cover: Carl Schmitt. Aufstieg und Fall
C. H. Beck Verlag, München 2009
ISBN 9783406592249
Gebunden, 750 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Mit 43 Abbildungen. Ein "weißer Rabe" - so hat Carl Schmitt sich selbst gern wahrgenommen. Der neidbeladene junge Mann aus einfachen Verhältnissen bahnt sich dank seiner brillanten Fähigkeiten den Weg bis an die Spitze der deutschen Rechtswissenschaft - und wird doch nie heimisch im Establishment der Gelehrten und Geachteten. Während er in seinen Schriften den liberalen Rechtsstaat als Verfassungsfassade demontiert und die Legitimität der Diktatur auslotet, jagen ihn Dämonen: sein wilder Antisemitismus, eine selbstzerstörerische Sucht nach Sexualität, das tiefsitzende Ressentiment gegen die Selbstgefälligkeit jeder bürgerlichen Existenz. So ist er disponiert, als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen. Er bricht mit seinen jüdischen Freunden, hält Adolf Hitler juristisch den Steigbügel und "verstrickt" sich tief. Doch schon 1936 kommt er durch Intrigen zu Fall. Nach dem Krieg lebt er zurückgezogen in seiner sauerländischen Heimat und wird zu einer diskreten Schlüsselfigur der intellektuellen Szene. Seine radikalen Theorien über Freund und Feind, Legalität und Legitimität, den Begriff des Politischen werden in alle wichtigen Weltsprachen übersetzt und von erzkatholischen Konservativen gleichermaßen intensiv gelesen wie von den kommunistischen Revolutionären der Dritten Welt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2009

In der Materialdichte kaum zu überbieten findet Rezensent Micha Brumlik diese monumentale Carl-Schmitt-Biografie von Reinhard Mehring. Auch wenn sie seiner Einschätzung zufolge in der Sache nichts Neues zu bieten habe, hat er mit Interesse verfolgt, wie Mehring den für Brumlik "bedeutendsten faschistischen Denker des 20. Jahrhunderts" deutet. Brumliks Informationen erklärt sich Mehring Schmitts politische Ideen vor allem psychoanalytisch, nämlich mit dessen Triebhaftigkeit. Schmitt trete hier als erbärmlicher Mensch zutage, als "sexsüchtiger, karrierelüsterner Opportunist", der in einem permanenten "erotischen Ausnahmezustand" lebte. Diese eigenen Sexbesessenheit habe Schmitt theoretisch zähmen wollen. Sehr aufschlussreich scheint ihm in dieser Hinsicht auch die Episode, dass sich Schmitt ausgerechnet mit einer Prostituierten in Rom einen Stummfilm über die Heilige Johanna, Galionsfigur der katholischen und royalistischen Reaktion. Auch wenn der Rezensent durchaus wissen lässt, dass psychologisierende Deutungen begrenzte Macht besessen, meldet er hier keine größeren Vorbehalte hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2009

Reinhard Mehrings Biografie des Philosophen und Staatsrechtlers Carl Schmitt hat Rezensent Patrick Bahners tief beeindruckt. In einer langen Besprechung geht er zunächst auf die Faszination dieses umstrittenen Denkers ein, der bis heute die Wissenschaft polarisiert. Eine der Stärken von Mehrings Arbeit sieht er darin, dass sie aktuelle Interventionen im Fall Schmitt verlässlich einzuordnen hilft. Ausdrücklich nimmt Bahners den Autor gegen den Vorwurf in Schutz, seine Biografie biete eine "Chronik ohne Deutung". Das Gegenteil scheint ihm der Fall: Die Arbeit zeichnet sich für ihn gerade durch die eingehende Interpretation von Schmitts Werken sowie die Untersuchung der Wechselwirkungen von Werk und Leben aus. Beispielhaft klar zeige Mehring etwa, dass der Zweifel am Gesetzgebungsstaat ein Leitmotiv Schmitts ist. Ausführlich befasst sich Bahners mit den Kategorien Legalität und Legitimität bei Schmitt sowie mit Schmitts Idealisierung seiner Unterstützung des Nationalsozialismus und der Selbststilisierung als unschuldig Angeklagter nach 1945. Mehrings Verfahren, Schmitts öffentliche und private Person zusammenzusehen, hält er "auch von Schmitt her" gerechtfertigt. Sein Fazit: eine "fast übermenschlich gerechte Biografie".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2009

Aufschluss über die schillernde Figur Carl Schmitt hat Rezensent Alf Christophersen bei der Lektüre von Reinhard Mehrings Biografie erhalten. Mehring schildert mittels einer Collagetechnik Carl Schmitts wissenschaftlichen Aufstieg, sein wechselhaftes Privatleben, sein Sich-Andienen an den Nationalsozialismus und seine Verweigerung, sich den eigenen Verfehlungen aus dieser Zeit in den Nachkriegsjahren zu stellen, beobachtet der Rezensent. Diese Technik entfaltet durchaus einen "Sog", findet er, und fühlt sich dank der "umfassenden Quellenkenntnis" des Biografen auch präzise informiert. Gestört hat ihn jedoch, dass selbst wichtige Personen aus Schmitts Umfeld blass bleiben. Carl Schmitt selbst wird "als ein getriebener Charakter voller Affekte" dagegen durchaus lebendig. Und wenn sich Reinhard Mehring mit Urteilen auch zurückhalte, wird seine Analyse von Schmitts Werk und Charakter doch "umso schonungsloser" - selbst wenn die Darstellung nach Ansicht des Rezensenten bisweilen monoton und "extrem dicht" gerät.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.10.2009

Gescheitert, lautet das Verdikt von Rezensent Thomas Meyer. Und er bedauert das. Denn Reinhard Mehring habe die Carl-Schmitt-Forschung in zwanzig Jahren mit seinen Aufsätzen unendlich bereichert, was ihm aber kaum je gedankt wurde, so Meyer. Aber diese Biografie hat ihm nichts erhellt und ihn ermüdet. Zwei Hauptgründe führt er an: Mehring habe keine Sprache gefunden für sein Buch. Mal zähle er trocken seitenlang Namen, dann verfalle er in die Sprache des Boulevard, um über Schmitts Alkoholkonsum und seine Liebesaffären zu berichten. Zwar stelle Mehring in "soliden Referaten" die wichtigsten Schriften vor und deute deren jeweilige Rezeptionsgeschichte an. Doch die Zusammenschau von Schmitt, dem Politiker und Schmitt, dem Juristen und Schmitt, dem Theoretiker und Schmitt dem Privatmann, die gelinge nicht. Für Meyer liegt das am fehlenden Mut des Autors, der dem Leser die "ganze Wucht" von Schmitts Werk nicht zumuten wollte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.09.2009

Mit hohem Lob bedenkt Rezensent Stephan Schlak diese voluminöse Biografie des Juristen Carl Schmitt, die Reinhard Mehring vorgelegt hat. Das Werk scheint ihm in jeder Hinsicht imponierend. Nicht nur attestiert er dem Autor, das Gespräch über Schmitt auf eine "ganz neue Materialbasis" zu stellen, indem er auf den gesamten Bestand der Tagebücher zurückgreift, sondern auch seinem Protagonisten immer auf der Spur zu bleiben und erhellende Einblick in die "Hinterbühne" von dessen berühmten Schriften zu geben. Das große Verdienst dieser Biografie besteht für ihn darin, dass der Autor sich nicht mit einem "öffentlichen Porträt" begnügt, sondern das von Schmitt verachtete Private als dessen eigentlichen "Intensitätsgrad" freilegt. Mehrings Bemühen, Schmitt gerecht zu werden, ihn nicht vorschnell moralisch zu verdammen, schätzt er ebenso wie die deutlichen Worte über dessen NS-Engagement und Antisemitismus, die in vielen erschreckend "abstoßenden Zitaten" belegt werden. Zudem hebt er das harte Urteil des Autors über den "allgemeinen Niveauverlust" von Schmitts Arbeiten nach 1945 hervor, der nichtsdestoweniger eine Schar von Jüngern um sich versammeln konnte. Schlaks Fazit: eine "gewaltige, Maßstäbe setzende" Biografie, die die Dinge beim Namen nenne.
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