Klappentext
Idealisierung und Leidenschaft mischen sich gleichermaßen in die sexuelle Sozialisation von Schülern und Studenten im Biedermeier. Warum entwickeln die jugendlichen Akademiker dieser Zeit eine schwärmerische Liebe, die Jahre anhalten konnte, neben kurzen Liebschaften? Weshalb gehen sie schließlich eine Verbindung mit einer kindlichen Verlobten ein, die ihnen allein schon wegen des Altersunterschiedes unterlegen sein mußte? Die Autorin liefert mit ihrer Arbeit einen Beitrag zur Sozialisations- und Geschlechtergeschichte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999
"Sex war immer ein gewaltiges Problem", stöhnt Dirk Schümer. Aber man muss sagen, dass er gründlich recherchiert hat, um zu dieser Einsicht zu kommen, denn er bespricht das Buch zusammen mit 9 anderen zum selben Thema.
1) Volker Haas: "Babylonischer Liebesgarten" (Verlag C.H. Beck)
Auch im alten Mesopotamien, so versichert Schümer, hatte man bereits Probleme mit Sex und zitiert einen von den Autoren angeführten Spruch aus Babylon: "Wenn ein Mann ständig die Vagina seiner Frau anstarrt, so wird sein Wohlbefinden gut sein; und er wird seine Hand auf Dinge legen, die nicht die Seinigen sind." Schümer gibt zu, dass er das rätselhaft findet. Auch über den Brauch der Tempelprostitution findet er in dem Band keinen rechten Aufschluss.
2) Aljoscha Schwarz u.a.: "Aphrodisiaka" (Hüthig Verlag)
Dieses Buch macht Schümer nicht glücklicher. Hunderte von Mitteln der Luststeigerung würden hier aufgeführt, so "dass Ratsuchende jahrelang mit der Aufarbeitung beschäftigt sein werden". Manche der hier genannten Drogen seien nicht mal legal. Seltsamerweise werde auch Quittengelee empfohlen.
3) Jo Foxworth: "Kulinarische Verführung" (Ehrenwirth Verlag)
Hier gewinnt Schümer immerhin einige kulturgeschichtliche Informationen. Wie gepflegt die Bordelle in den USA im 19. Jahrhundert waren, und dass sie stets Spitzenköche hielten, die die geeigneten Speisen zubereiteten. Der Band biete Rezepte für "sinnliche Menüs".
4) Renate Müller: "Ideal und Leidenschaft" (Dietrich Reimer Verlag)
Auch hier gewinnt Schümer Einsichten , aber traurige. Der Band beschäftigt sich mit der Sexualität im Biedermeier, "eine freudlos derbe Welt". Wenn sie jung waren, kamen die Männer nicht an die erträumten Frauen heran. Und später waren sie halt alt. So gesehen, so resümiert Schümer den Band, lasse sich der deutsche Idealismus mühelos aus den "tristen Erotikverhältnissen" der Zeit ableiten.
5) Mario Perniola: "Der Sex-Appeal des Anorganischen" (Verlag Turia + Kant)
Schümer rät ab. Der Band sei in unverständlicher poststrukturalistischer Prosa geschrieben und preise eine Sexualität ohne Orgasmus. "Techno-Mystik".
6) Karl Pongracz: "Die Masken der Potenz" (Edition Va Bene)
Hier werde nun "Kuschelsex" empfohlen. Schümer wirft dem Autor vor, er wolle die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nivellieren. Das Blöde ist nur - so Schümer - dass Sex vom Unterschied lebt.
7) Jean-Claude Guillebaud: "Die Tyrannei der Lust" (Luchterhand Verlag)
Auch dieser Band bringt Schümer in seiner Recherche nicht weiter. Statt ihn über die "gewaltigen Probleme" aufzuklären, schwatze Guillebaud nur über die alt bekannten Intellektuellen, und es sei wohl deren Tyrannei, und nicht die des Sex, die ihm auf die Nerven gehe. "Ein einschläferndes Buch".
8) Steve und Sharon Biddulph: "Wie die Liebe bleibt" (Beust Verlag)
Hier findet Schümer einen der kuriosesten Ratschläge. Das Problem ist bekannt: Wie bleiben Partner füreinander attraktiv, wenn sie seit Jahren verheiratet sind und die Kinder auch noch die Zeit für Sex rauben? Nach Schümer empfiehlt der vorliegende Band, das Petting bis kurz vor dem Orgasmus zu treiben, und dann eine Stunde zu warten. Ob man inzwischen abwaschen soll, fragt Schümer.
9) Samuel Shem und Janet Surrey: "Alphabete der Liebe" (Verlag Klett-Cotta)
Tja: Männer wollen Sex, um die Beziehung zu erleben, und Frauen wollen erst "die Beziehung erleben, um sich auf Sex überhaupt einzulassen". Die Autorin des Bandes schlägt nach Schümer zur Lösung dieses weiteren Problems mit dem Sex ein "sexuelles Wir" vor. Das bringt allenfalls einen Boom für die Partnertherapie, prophezeit Schümer.
10) Georg Felser: "Bin ich so, wie du mich siehst" (Verlag C.H. Beck)
"Rätsel über Rätsel". Warum verlieben sich Leute in Leute, die gar nicht zu ihnen passen? Georg Felsers Verhaltungsforschung gibt Schümer keine rechte Antwort auf diese Frage, denn Felser scheint nach Schümers Zitaten genau vom Gegenteil auszugehen: "Überdurchschnittlich schöne Frauen haben auch überdurchschnittlich große Männer." Damit ist Schümer nicht zufrieden. Die eigentliche Frage sei doch, wie man "als durchschnittlich großer Mann an eine überdurchschnittlich schöne Frau herankommt". Keine Antwort in den diesjährigen Liebesratgebern.
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