Anna Haag

"Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode"

Tagebuch 1940-1945
Cover: "Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode"
Reclam Verlag, Stuttgart 2021
ISBN 9783150113134
Gebunden, 448 Seiten, 35,00 EUR

Klappentext

Im Mai 1940 beginnt Anna Haag, 52 Jahre alt und Journalistin, ein schonungslos offenes und regimekritisches Tagebuch zu führen, das sie über Jahre im Kohlenkeller versteckt. Sie hört ihren Mitmenschen genau zu - in der Straßenbahn, bei Behördengängen oder in Geschäften. In pointierten Skizzen hält sie fest, was ganz gewöhnliche Deutsche schon während des Zweiten Weltkriegs über die Judenvernichtung und die Verbrechen des NS-Regimes wussten. Sie erzählt mit Ironie und Klarheit von Hamsterfahrten im Stuttgarter Umland, von verbotenen Treffen zum BBC-Hören oder von Wortgefechten mit ihrem Lieblingsgegner, dem regimetreuen Apotheker. Die Aufzeichnungen der späteren Politikerin erscheinen nun erstmals vollständig in der von Anna Haag selbst vorbereiteten Zusammenstellung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2021

Rezensent Stephan Speicher empfiehlt das Kriegstagebuch der Anna Haag. Haag scheint ihm eine erstaunliche Frau, die 1941 ohne Nationalstolz auskommt, bei den Deutschen "Gehirnschwund" vermutet, ihnen eine lehrreiche Niederlage wünscht und ein offenes Ohr hat für Erzählungen über Massenerschießungen. So spannend das Tagebuch ist, so schwach ist die Kommentierung, bedauert Speicher. Dabei hätte er gern mehr über Haag und ihre Familie erfahren und woher die Autorin ihre Informationen hatte. Auch über die Aussagekraft der Quellen lässt die Herausgeberin ihn im Dunkeln.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2021

Rezensent Knud von Harbou freut sich, dass diese Aufzeichnung nach einer zögerlichen Publikationsgeschichte endlich ungekürzt erschienen sind, und bedauert außerordentlich, dass eine so klarsichtige, kluge Frau wie die Autorin bis heute so unbekannt ist. Immerhin war sie es, schreibt er, die das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ins Grundgesetz brachte. Den besonderen Wert dieser Tagebuchaufzeichnungen sieht Harbou - anders als etwa bei den bewusst im konkreten Alltag verharrenden von Klemperer - in ihren "Abstrahierungen". Mehrmals zitiert er verallgemeinernde Aussagen, die sich an konkrete Beobachtungen anschließen und lobt insgesamt den politisch geschulten Blick der Pazifistin, Feministin und Sozialdemokratin. Deutlich werde der Druck, unter dem Anna Haag stand, denn mehrfach schreibt sie, wie ihr die Gestapo immer näher rückte. Erstaunt ist Harbou nur, dass "weder Stalingrad noch der 20. Juli" von ihr erwähnt werden, zumal sie unerschrocken über den Holocaust notiert, was sie erfährt. Insgesamt erklärt der beeindruckte Kritiker, dieses Buch müsse "Pflichtlektüre" in deutschen Familien werden und bedauert ein wenig das zu kleine Buchformat, denn die damals von Anna Haag beigelegten Zeitungsausschnitte sind hier abgedruckt, aber offenbar kaum lesbar. 

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