Die Entscheidung
Deutschland 1929 bis 1934

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783737101257
Gebunden, 640 Seiten, 34,00
EUR
Klappentext
Als im Oktober 1929 Gustav Stresemann, der erfolgreiche Außenminister, starb, fragten sich die Zeitgenossen, wie es nun mit der Republik weitergeht. Gerade formierte sich eine faschistische Koalition, die 1933 dann an die Macht kam; Bauern warfen Bomben, die öffentlichen Haushalte litten unter wachsenden Defiziten, bald schien das parlamentarische System gelähmt. Demokratische Republik oder faschistischer Staat - so lautete ab dem Sommer 1930 die Alternative. Was folgte - der Aufstieg radikaler Kräfte, die Pulverisierung der bürgerlichen Milieus, der Aufruhr der Mittelschichten, die Selbstüberschätzung der Konservativen und Nationalisten, die sich einbildeten, Hitler zähmen zu können, Verelendung und Bürgerkriegsfurcht -, mündete in die verbrecherischste Diktatur des 20. Jahrhunderts. Jens Bisky erzählt, wie die Weimarer Republik in einem Wirbel aus Not und Erbitterung zerstört wurde. Es kommen Politiker und Journalisten der Zeit zu Wort, erschöpfte Sozialdemokraten, ratlose Liberale, nationalistische Desperados, Literaten, Juristen, Offiziere. Wie nahmen sie die Situation wahr? Welche Möglichkeiten hatten sie?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2024
Rezensent Patrick Bahners scheint erfrischend und dabei sinnvoll zu finden, wie Jens Bisky sich in seinem Buch dem Untergang der Weimarer Republik nähert. Es geht dabei viel um die nachträglich als fatal eingeordnete Entscheidung des Rücktritts des sozialdemokratischen Kanzlers Hermann Müller am 27. März 1930, nachdem in der Regierung Uneinigkeit über eine Haushaltsfrage herrschte. Dem Kritiker gefällt, wie Bisky sich entgegen der andernorts dominanten harten Verurteilung der SPD positioniert, die die Entscheidung des Rücktritts als im Grunde unverhältnismäßig abgetan habe, und wie er sich stattdessen sehr um eine faire Detailbetrachtung von Hermann Müller und seines Arbeitsministers Rudolf Wissell bemühe, ohne dabei verklärend zu werden. Auch für den ebenfalls scharf kritisierten "sturen Gewerkschaftsdoktrinarismus" von Otto Braun habe es laut Bisky gute Gründe gegeben, wie Bahners wiedergibt. Dieses "Bemühen um Fairness" durch eine genaue Betrachtung der jeweiligen Entscheidungshintergründe und eine "realistische" Einschätzung der Sachlage halte den Autor aber nicht davon ab, kritisch danach zu fragen, wie vorbereitet die SPD bei aller Nachvollziehbarkeit auf die Folgen ihrer Entscheidungen war - für den Kritiker scheint diese Balance den großen Wert von Biskys Betrachtung auszumachen.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 02.11.2024
Rezensent Richard Kämmerlings ahnt, was eine "wehrhafte Demokratie" eigentlich bedeutet, wenn die Gewalt um sich greift, wie in Jens Biskys Studie über die letzten Jahre der Weimarer Republik in der Zeit zwischen dem Tod Stresemanns und dem Hindenburgs. Wie vielschichtig die Gemengelage war, wie komplex die Kausalketten, die zum Ende von Weimar führten, kann der Autor dem Rezensenten in seiner Tour d'horizon vermitteln. Brillant findet Kämmerlings u. a. die Schilderung der Kulturkämpfe, etwa um Piscator. Und anschaulich erscheint ihm die Darstellung der Polarisierungen durch Gewalt, wie beim "Blutmai" im Berliner Wedding.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.10.2024
Die hier rezensierende emeritierte Historikerin Ute Daniel findet im Grunde sehr löblich und sinnvoll, was Jens Bisky in seinem Buch über das Ende der Weimarer Republik anstrebt: Nämlich zu zeigen, dass es nicht zwangsläufig auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten hinauslief, sondern Hitler vielmehr auch als eine Art "Nettoresultat" vieler getroffener Entscheidungen begriffen werden könnte, wie Daniel formuliert. Das gelinge dem Autor überwiegend gut, dank der gewählten Form der panoramaartigen Nebeneinanderstellung vieler einzelner Entscheidungsträger und "Schlüsselmomente" - ohne in die Falle der monokausalen Erklärungen zu tappen, lobt Daniel. Dann wieder hat sie doch den Eindruck, dass Biskys Auswahl eine zirkelschlussartige Erklärung "Hitlers durch Hitler" zumindest auch zulassen könnte - aber irgendeine Auswahl müsse man eben treffen, und für sie scheint doch das Facettenreichtum der Darstellung zu überwiegen, in der auch ganz andere mögliche Ausgänge dieses historischen Kapitels erahnbar werden. Ein sowohl in thematischer wie in formaler Hinsicht fulminantes Buch voller spannender Quellen, dass den Untergang der Weimarer Republik mit viel "Wumms" zu veranschaulichen vermag, lobt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2024
Eigentlich dachte Kritiker Andreas Kilb, über die Weimarer Republik sei mittlerweile alles gesagt, doch das neue Buch von Jens Bisky belehrt ihn eines Besseren: Bisky nimmt sich die Jahre von 1929 bis 1934 vor und kann so auch "kultur- und sozialgeschichtliche Betrachtungen" in der Breite zeigen und Autoren von Hans Fallada bis Ernst Jünger zitieren. Paul von Hindenburg, liest Kilb, ist bei Bisky der "schwarze Ritter", dessen politische Strategien den Weg in die Diktatur entscheidend mitbestimmt haben, dafür zitiert er auch selten zu Wort kommende Zeitgenossen wie Walter Dirks. So zeigt der Autor dem Rezensenten in seiner überzeugenden Darstellung, dass Parallelen zwischen Weimar und heute durchaus nicht von der Hand zu weisen sind, auch wenn Bisky sich dafür ausspricht, Vergleiche mit Bedacht anzustellen.