Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Die schöne Russin, die an einem Frühlingsnachmittag des Nachkriegsjahres 1947 durchnässt und halb entblößt am Flussufer neben einem Toten sitzt, ist keine Mörderin. Aber was hat Olga, Bibliothekarin der Exilgemeinde von Villiers-La Forêt, mit dem abstoßenden alten Arzt zusammengeführt? War sie erpressbar? Welches Geheimnis verbirgt die ausdruckslose Maske ihres Gesichts? Andrei Makine erzählt die fesselnde Geschichte einer Frau, die nach einem ausschweifenden Leben im vorrevolutionären Russland, den Schrecken der Flucht, einer gescheiterten Ehe und zahllosen Affären im mondänen Pariser Exil Bilanz zieht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.07.2000
Mit einem Geständnis, wie es einem erfahrenen Kritiker gewiss selten zu entlocken ist, beginnt Harald Eggebrecht seine Besprechung: "Manchmal packt einen die Furcht, dem Zauber eines Buches vollkommen zu erliegen..." Und so ist es ihm offenbar mit diesem Roman des in Frankreich lebenden Russen gegangen. Es scheint, als habe ihm alles daran gefallen: das erste Bild schon vom Friedhofswärter, der das Laub fegt und von den Toten erzählt, dann der auf diese Weise bewerkstelligte Eintritt in die Erzählung vom Leben der verstorbenen (vielleicht sogar ermordeten) Olga Arbelina, einer russischen Emigrantin in Frankreich, und schließlich die Schilderungen ihrer inzestuösen Liebe zum halbwüchsigen, bluterkranken Sohn. Großzügig schüttet er Lob um Lob über Autor und Werk aus: Makine vermag es "jeden Satz poetisch aufzufüllen und szenisch zu gestalten", er verliert "nie den Kontakt zur Sinnlichkeit des Erzählens", der Roman ist aus "virtuos ineinander verschränkten Rückblenden und Perspektivenwechseln" entwickelt; und Sabine Müller und Holger Focke haben all das "überzeugend ins Deutsche gebracht". Eine Eloge!
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.05.2000
Wer sich von dem neuen Roman Makines "weniger Seele und mehr Esprit" erhofft hätte, werde auch diesmal enttäuscht, konstatiert Birgit Veit. Die knappe Handlung folge dem "ausgeleierten Strickmuster" psychologischer Romane des 19. Jahrhunderts. Die Rezensentin scheut sich nicht, ihn der Trivialliteratur zuzurechnen. Aber außerdem poche er auch noch auf einen "psychologischen Wahrheitsanspruch". Dennoch, so gibt Veit zu, verstehe sich der Autor darauf, den Leser zu fesseln. Die Regeln eines gelungenen Spannungsbogens und der nötigen retardierenden Textpassagen beherrsche er perfekt. Dieser Technik verdanke es der Autor, dass er "den Leser bei der Stange halten" könne, selbst wenn er mit seinem Roman mehr oder weniger versteckt Klischees bediene.
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