Adom Getachew

Die Welt nach den Imperien

Aufstieg und Niedergang der postkolonialen Selbstbestimmung
Cover: Die Welt nach den Imperien
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022
ISBN 9783518587898
Gebunden, 448 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Die Dekolonisierung hat die internationale Ordnung im 20. Jahrhundert revolutioniert. Doch die Standardnarrative, die das Ende des Kolonialismus als unvermeidlichen Übergang von einer Welt der Imperien zu einer der Nationalstaaten darstellen, verdecken, wie radikal dieser Wandel war. Anhand des politischen Denkens antikolonialer Intellektueller und Staatsmänner wie Nnamdi Azikiwe, W. E. B. Du Bois, George Padmore, Kwame Nkrumah, Eric Williams, Michael Manley und Julius Nyerere zeigt Adom Getachew in ihrem Buch, wie enorm die Sprengkraft der dekolonialen Bewegung war, deren Ehrgeiz weit über die Neugestaltung einzelner Länder hinausging.Vehement stellten die von Rassismuserfahrungen geprägten Protagonisten des "Black Atlantic" die internationale Hierarchie in Frage - mit dem Ziel, eine egalitäre postimperiale Welt zu schaffen. Politische und wirtschaftliche Herrschaftsverhältnisse wollten sie überwinden, ihr Recht auf Selbstbestimmung innerhalb der neu gegründeten Vereinten Nationen sicherstellen, Föderationen in Afrika und der Karibik gründen und eine Neue Weltwirtschaftsordnung entwickeln. Gestützt auf zahlreiche Archivquellen, präsentiert Getachew die Geschichte der dekolonialen Bewegung inklusive ihres Scheiterns - und eröffnet eine Perspektive auf die Debatten über die heutige Weltordnung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2023

Rezensent Herfried Münkler liest Adom Getachews Buch gegen den Strich. So bietet der Band ihm Anregungen zu einem Nachdenken über die Geschichte der Dekolonialisierung und ihrer "vertanen Chancen". Dass die Verfasserin selbst über die Illusionen ihrer subsaharischen und karibischen "Helden" von Kwame Nkrumah bis Eric Williams nur am Rande nachdenkt und das Scheitern ihrer Entwürfe stattdessen vor allem imperialen Einflüssen anlastet, gefällt Münkler nicht. Eine intensivere Befassung mit den sozioökonomischen und politischen Komponenten postkolonialer Entwürfe bzw. deren Fehlen hätte der Arbeit gut gestanden, findet er.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 27.01.2023

Adom Getachew gelingt in "Die Welt nach den Imperien" zweierlei, erklärt Rezensentin Katharina Döbler: Erstens bringt sie uns fast vergessene Visionäre des antikolonialen Nationalismus wie Kwame Nkrmah oder Nnandi Azikiwe ins Gedächtnis. Und zweitens macht sie deutlich, was in den postkolonialen Diskursen bisher oft vernachlässigt wird: Dass die antikolonialen Bestrebungen nach Souveränität mit einer mutigen und umfassenden Vision von einer "Neuen Weltwirtschaftsordnung" einher gingen - einer Wirtschaftsordnung, lesen wir, in der die relative ökonomische Schwäche der ehemaligen Kolonien einen Ausgleich finden sollte durch die Gründung umfassender Föderalstaaten, mit denen man sich gegen Wirtschaftsmächte wie die USA und damit gegen "neokoloniale Abhängigkeiten" hätte durchsetzen bzw. wehren können. Dass diese Hoffnungen enttäuscht wurden, ist bekannt, wobei Getachew die globalen Zusammenhänge, die dieses Scheitern mit begründeten, nachvollziehbar macht. Die jeweiligen nationalen Konflikte dagegen, die eine Verbündung verhinderten, bleiben teilweise im Dunkeln, was die Rezensentin der Autorin jedoch nicht vorzuwerfen scheint.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.01.2023

Die äthiopisch-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Adom Getachew bringt die philosophische Dialektik zurück ins postkoloniale Denken, erklärt Rezensent Jakob Hayner. Mit Blick auf Hegels Prinzip der Dialektik und seine Rechtsphilosophie im Speziellen beschreibt Getachew in "Die Welt nach den Imperien" den Weg des Selbstbestimmungsprinzips der Nationen - wie es in die Welt kam, wie es negiert wurde, sich wandelte, und zum Recht wurde und wie es in Form der Dekolonisierung schließlich scheiterte, sich auflöste in Bürgerkriegen, Korruption, Ausbeutung, Verschuldung usw. Es ist ein Dilemma, das Getachew klug und nachvollziehbar beschreibt, so Hayner, doch kein unlösbares, wie es scheint. Getachews Prognose am Ende ihres Buches macht Hoffnung.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.12.2022

Nachdrücklich empfiehlt der hier rezensierende Afrikanist Andreas Eckert Adom Getachews, seiner Meinung nach "wegweisendes" Werk über die Vordenker des Anti-Kolonialismus. Die Politikwissenschaftlerin legt "eindringlich" dar, wie eine Gruppe von sechs Intellektuellen und Staatsmännern, darunter W.E.B. Dubois und Eric Williams, im Zuge vieler transnationaler Bewegungen nach 1945 ihre Idee eines antikolonialen Nationalismus verfolgten, so Eckert: Sie gingen gegen Sklaverei vor, forderten ökonomische Gerechtigkeit für die Opfer, vor allem aber definierten sie den Nationalstaat als System, das schwarzen Menschen die Möglichkeit gab, an der internationalen Staatenwelt teilzuhaben, resümiert der Kritiker.  Die Kritik, das Projekt sei zu wenig kosmopolitisch und zu nationalistisch, könne Getachew entkräften. Insbesondere aber verdankt Eckert ihrem Buch eine Korrektur der "eurozentrischen" Ansicht, der antikoloniale Nationalismus sei lediglich die "Reproduktion einer westlich-liberalen normativen Idee" gewesen. Dass sie beispielsweise auf die Rolle der Sowjetunion und Chinas nicht eingeht, kann der Rezensent deshalb verzeihen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 06.12.2022

Der Appell der äthiopisch-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Adom Getachew, die postkoloniale Nationenbildung als emanzipatorisches Projekt zu verstehen, das nur in einer fairen internationalen Welt gelingen kann, ist für Rezensent Michael Wolf eine wertvolle Lektüre. Getachew analysiere für diese These, worüber sich Intellektuelle und Politiker auf dem afrikanischen Kontinent und in der Karibik zwischen 1975 und heute Gedanken gemacht haben: Die europäischen Imperien zerfielen, neue Nationen entstanden, doch das reichte noch nicht. Denn durch den Kolonialismus waren Abhängigkeiten und Ungleichgewichte entstanden, die sich mit der Gründung einer Nation nicht einfach aus der Welt schaffen ließen, referiert Wolf. Größere Verbünde - im Idealfall die Vereinigten Staaten von Afrika - sollten zusammen mit Transferzahlungen der ehemaligen Kolonialherren helfen, ein Gleichgewicht zwischen den Nationen zu schaffen. Es kam dann anders, woran die oft schlechte Regierung in den neuen Staaten schuld war, aber auch der Neoliberalismus,erklärt Wolf, der diese Feststellung auch als Aufruf an die Verantwortlichkeit mächtiger Staaten für die Entwicklung des globalen Südens mitgenommen hat.