9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2026 - Kulturpolitik

Im Wirtschaftsteil der FAS gibt Ralph Bollmann einen Überblick über die Sanierungen deutscher Bühnen und Opernhäuser, die häufig genug an den Kosten zu scheitern drohen - erst jüngst wurde die Sanierung der Stuttgarter Staatsoper wegen geschätzter Kosten von zwei Milliarden Euro in Frage gestellt. Bauen war zwar schon immer teuer, so Bollmann: Aber "Bauinvestitionen waren einmalige Ausgaben, also leicht zu verschmerzen im Vergleich zu den Summen, die der laufende Betrieb gerade in der Oper jedes Jahr aufs Neue verschlingt. Angesichts der Beträge, die heute im Raum stehen, geht das Kalkül allerdings nicht mehr auf. Ungefähr 3,2 Milliarden Euro im Jahr zahlt die öffentliche Hand dafür, dass Sänger und Schauspieler, Techniker und Orchestermusiker ihr Gehalt aufs Konto bekommen. Von den zwei Milliarden Euro, die für manche Theatersanierung veranschlagt sind, ließe sich zu einem guten Teil der Betrieb aller 136 öffentlichen Theater in Deutschland ein ganzes Jahr lang bezahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2026 - Kulturpolitik

Kulturpolitisch hat Donald Trump kein Glück. Nun ist das "John F. Kennedy Center for the Performing Arts" in Washington angeblich aus Sicherheitsgründen geschlossen worden. Eigentlich wollte er es in "Donald J. Trump Center" umbenennen lassen und hatte eigene Leute dort in der Führung installiert. Jetzt ist offenbar erstmal ganz tote Hose, berichtet Julian Weber in der taz: "Die Liste von Künstlern und Institutionen, die inzwischen ihre Unterstützung für das Kennedy-Kulturzentrum eingestellt haben und dort nicht mehr ausstellen, Gastspiele abhalten oder Werke zur Ur-Aufführung bringen, ist lang: Die National Opera Washington, der Komponist Philip Glass, die Sopranistin Renée Fleming, Country-Superstar Rhiannon Giddens, die Martha-Graham-Ballett-Compagnie..." Und dann sind auch noch "Ticketverkauf und Spenden für das Kennedy Center radikal eingebrochen sind, seit Trump und seine Leute dort das Zepter schwingen und wahllos gestiftete Kunstwerke entfernen lassen."

Ob das Haus wirklich geschlossen werden musste, ist allerdings fraglich, meint Susanna Petrin in der NZZ. Vielleicht hofft Trump, so doch noch seinen Willen durchzusetzen: "Es sieht immer schlechter aus für das Kennedy Center. Trump und seine Anwälte drohten jüngst mit dem Abriss: Ohne Sanierung werde das Gebäude weiter verfallen, bis es schließlich nicht mehr von ihm zu retten sein werde. Er verlange einzig etwas mehr Dankbarkeit für seine guten Dienste." In der SZ berichtet Peter Burghardt.

Eine Gruppe von drei Wissenschaftlern hat die Bundesregierung aufgerufen, ihre Eigentumsansprüche an hunderttausenden kostbaren alten Büchern und Handschriften - darunter Originalpartituren von Bach, Beethoven und Mozart - aufzugeben. Die Bücher waren im Zweiten Weltkrieg zum Schutz aus Berlin nach Schlesien ausgelagert worden und fielen dann bei Kriegsende den Polen quasi zufällig in die Hände, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. "Sie argumentieren, dass die Schätze - anders als die von den Sowjets in Deutschland geplünderten Kulturgüter - von den Polen nicht geraubt wurden, sondern dem Land 'ohne polnisches Zutun' durch die neu gezogenen Grenzen zufielen. Außerdem verpflichte der Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen 'uns Nachfahren zu fortwährender Verantwortung für eine Versöhnung'." Die Bücher waren "in Polen lange regelrecht versteckt" worden, "wohl aus Sorge, Deutschland könne Rückgabeforderungen erheben".
Stichwörter: Kennedy Center

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2026 - Kulturpolitik

Von einem bizarren Streit um das Kennedy Center in Washington berichtet Frauke Steffens in der FAZ: Das Kulturzentrum muss dringend renoviert werden, Donald Trump verweigert jedoch jede finanzielle Hilfe, solange sein Name nicht an dem Bau steht - was Bundesrichter Christopher Cooper jetzt bereits zwei Mal verboten hat: "Das Kennedy Center sei vom Kongress als Denkmal für den ermordeten Präsidenten John F. Kennedy geschaffen worden. 'Einfach gesagt: Die Beklagten dürfen ohne Zustimmung des Kongresses am Kennedy Center keine Denkmäler für Präsident Trump oder irgendjemanden oder irgendetwas anderes errichten', schrieb Cooper." Die finanzielle Krise des Kulturzentrums "ist auch eine Folge von Trumps Eingriffen. Seit der Präsident nach seinem Amtsantritt das Kuratorium umgebaut hatte und sich zum Vorsitzenden wählen ließ, haben zahlreiche Künstler und Produktionen Auftritte abgesagt, darunter die Macher des Musicals 'Hamilton'. Gleichzeitig gingen Spenden und Ticketverkäufe zurück. Für das laufende Geschäftsjahr wurden zuletzt Einnahmen von 124 Millionen Dollar prognostiziert; ursprünglich waren 220 Millionen veranschlagt."

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Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller hat gerade das Buch "Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume" veröffentlicht. Noch bevor Trump die Schließung des Kennedy Centers beschlossen hat, erklärt er auf den politischen Seiten der Zeit dessen Baupolitik, die ganz seinem Regierungsstil entspreche: "Man macht einfach mal irgendwas, auch wenn es illegal ist; man tut so, als gäbe es Institutionen wie den Kongress gar nicht. Fakten werden geschaffen - der bei vielen Amerikanern sehr beliebte East Wing, der dem Ballsaal weichen musste, war über Nacht nur noch Bauschutt. Und dann, so die Erwartung der Trumpisten, werden sich alle schon irgendwie arrangieren (dieser Logik folgten auch die Angriffe auf Universitäten und große Anwaltskanzleien). Was folgt, ist hochideologisch, aber häufig auch bloß schlampig: Das Spiegelbecken hat bis heute kein Wasser, weil das 'American Flag Blue' falsch aufgetragen wurde und immer wieder abplatzt. Konsequent angewandt wird hingegen eine Art 'Faschismus trifft Franchising'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2026 - Kulturpolitik

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir will die schon x-mal beratene und beschlossene Sanierung der Stuttgarter Oper neu überdenken. In der SZ stöhnt Gerd Matzig laut auf: Klar kann er das verstehen, bei inzwischen 2 bis 3 Milliarden geschätzten Baukosten. Andererseits: "In Stuttgart denkt man seit 27 Jahren über die Sanierung des weltweit größten Dreispartenhauses, vollendet 1912, nach. Nachzulesen ist das in den Gemeinderatsunterlagen mit dem 'Richtungsbeschluss' von 1999. Damals war die Frage Sanierung vs. Neubau einigermaßen obsolet. Die Sanierung wäre im Vergleich zu heute ein Schnäppchen gewesen. Eine reine Instandhaltungsmaßnahme wurde seinerzeit mit 18 Millionen Euro beziffert, umgerechnet, es waren noch D-Mark-Zeiten. ... Heute, und jetzt wird aus schwäbischer Vernunft (und wer an dieser Transformation eher nicht schuld ist, ist Özdemir) der Wahnsinn fiebriger Baukosten, hat die 1999 beschlossene Generalsanierung noch immer nicht begonnen. Seit bald 30 Jahren. Genau deshalb werden die Experten letztlich nur dies sagen können: Wenn wir noch länger warten, wird die Sanierung noch teurer. Das Perfide daran: Das gilt auch für einen möglichen Neubau. Denn am Bau ist Zeit Geld."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2026 - Kulturpolitik

Deutschland kann seine großen Projekte immer häufiger nicht mehr realisieren, und Stuttgart geht dabei mal wieder wacker voran, meldet die FAZ: "Die Chancen, dass es zur geplanten umfassenden Sanierung der Stuttgarter Oper kommt, schwinden zusehends. Nun hat sich der Vorsitzende der CDU-Fraktion im baden-württembergischen Landtag kritisch zu den Plänen geäußert, die nach überschlägigen Schätzungen bis zu zwei Milliarden Euro kosten könnten. Tobias Vogt sagte im Interview mit mehreren Regionalzeitungen, angesichts der schwer angeschlagenen kommunalen Haushalte und drohender Krankenhausschließungen müsse die Politik die Kosten berücksichtigen."

Ebenfalls die FAZ zitiert aus eine Resolution deutscher Geisteswissenschaftler, die die deutsche Regierung auffordert, auf Kulturgüter, die im Krieg ins heutige Polen ausgelagert wurden, zu verzichten, etwa eine Sammlung wertvollster Autografen, die heute in Krakau liegt: "Anders als im Falle deutschen Kulturguts habe Polen sich dieser Kulturgüter nicht als Raubgut bemächtigt, heißt es in der Begründung der Initiatoren. Der Vernichtungskrieg NS-Deutschlands verpflichte seine Nachfahren 'zu fortwährender Verantwortung für eine Versöhnung mit Polen'. Nach der deutschen Kapitulation trugen Polinnen und Polen zum Schutz dieser Bestände bei und sicherten sie mitunter vor dem Raub durch sowjetische Soldaten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hält dagegen an ihrem Eigentumsanspruch auf die Bestände fest."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2026 - Kulturpolitik

Museen, Theater und weitere Kulturorte sind in Deutschland kaum auf Katastrophenfälle wie Extremwetter oder Kriege vorbereitet, schreiben Birgit Rieger und Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Auf die Frage, wohin mit all den Kulturgütern in einem Katastrophenfall, gibt es keine beruhigende Antwort. "Matthias Wehry, der Präsident des Deutschen Nationalkomitees Blue Shield", die sich für den Schutz von materiellem und imateriellem Kulturgut einsetzen, "schrieb zu Beginn des Jahres in einer 'Situationsbeschreibung' für deutsche Museen: 'Im Kriegsfall wüsste man nicht, wohin mit dem Kulturgut.' Aus der Sicht von [Stiftung Preußischer Kulturbesitz]-Chef Dimter gibt es andere Prioritäten: 'Ich halte das Vorhalten von speziellen Evakuierungsräumen, die dann auch noch klimatechnisch geeignet sein müssten, derzeit für wenig realistisch bei den enger werdenden öffentlichen Haushalten. Drängender erscheint die Vorsorge für Stromausfälle', sagt er. Noch gilt Krieg als eher unwahrscheinlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2026 - Kulturpolitik

Wladimir Putin schließt die Goethe-Institute in Russland. Dagegen kann man nicht viel tun, aber man kann es zum Anlass nehmen, über eine europäischere Kulturpolitik nachzudenken, ermuntert in der SZ Nils Minkmar. Man muss deshalb nicht die nationalen Institute abschaffen, "aber Kulturprogramme, Filmreihen, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Bibliotheken und Residenzen könnten sehr wohl gemeinsam entwickelt und organisiert werden" und so die "umwerfende, strahlende und gänzlich unaggressive Symbolik einer gemeinsamen europäischen Präsenz" verkörpern, die die wichtige Botschaft vermitteltn, dass "Völker, die sich über Jahrhunderte hinweg mit erstaunlicher Ausdauer bekämpft haben, miteinander in Frieden leben können. Deutsche und Franzosen, Deutsche und Polen, Italiener und Österreicher waren einander Erbfeinde, über viele Jahrhunderte. Generationen wurden in Hass und mit Racheschwüren erzogen. ... Vielleicht wäre genau das die interessanteste Botschaft einer gemeinsamen europäischen Kulturpolitik. Ein europäisches Kulturhaus würde nicht behaupten, dass alle dasselbe sind. Im Gegenteil, und gerade darin läge der Sinn: verschiedene Sprachen, Geschichten und Traditionen unter einem Dach, ohne dass eine davon verschwinden muss. In vielen, zu vielen anderen Ecken der Welt könnte ein solches begehbares Friedens-und Kooperationsmodell unter Ex-Feinden zum Nachdenken anregen."

Russland war der "weichen" Außenpolitik, die Deutschland mit dem Goethe-Institut betreibt, immer besonders wichtig, erinnert Kerstin Holm in der FAZ: "Noch 2016, nach der Krim-Annexion, veranstaltete das Büro in Nowosibirsk ein internationales Festival. Das Moskauer Haus, lange regionaler Hauptsitz und größtes Goethe-Institut weltweit, beschäftigte zu Hochzeiten zweihundert Mitarbeiter. Das ist lange her. Seit Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine 2022 gibt es keine bilateralen Kulturprojekte mehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2026 - Kulturpolitik

In der NZZ begleitet Rico Bandle den Milliardär Ivan Glasenberg nach Seduva, eine litauische Stadt, in der das Lost Shtetl Museum steht. Dieses hat Glasenberg bauen lassen, nachdem er bei einem Besuch in Litauen gesehen hat, wie wenig an die Geschichte der Massenermordungen an ungefähr 160.000 litauische Juden während des Zweiten Weltkriegs erinnert wird (Glasenbergs Großeltern wanderten 1936 nach Südafrika aus). Das Museum setzt auf ein innovatives Ausstellungskonzept. "Zwei Drittel der Präsentation sind nicht dem Holocaust gewidmet, sondern dem Alltagsleben im Schtetl. Sämtliche Informationen werden anhand von wahren Lebensgeschichten vermittelt. Beruf, Freizeit, Bildung, ja sogar die Träume von Jugendlichen im Schtetl werden multimedial erlebbar gemacht. Die Besucher tauchen mit allen Sinnen in diese verlorene Welt ein. (...) 'Bei Schülern bis zwölf Jahren schauen wir uns den letzten Teil der Ausstellung mit den Erschiessungen gar nicht an', sagt [die litauische Historikerin] Jolanta Mickute, 'das ist zu brutal.' Es reiche völlig, dass sie erführen, wie das Leben hier vor dem Krieg ausgesehen habe. Das Herzstück, aber auch der umstrittenste Teil, ist ein aufwendig gedrehtes Doku-Drama, das stückweise im Verlauf der Ausstellung gezeigt wird." Gedreht wurde der Film von Regisseurin Roberta Grossman, große Teile des Shtetls nachgebaut und tausende Statisten engagiert.

Die Kultur war bisher überraschend wenig Thema im Berliner Wahlkampf, stellt Merle Krafeld bei VAN fest. Auch ein Treffen der Berliner SpitzenkandidatInnen macht nicht viel Hoffnung: "Angesprochen auf die Kürzungen im Kulturbereich fordert SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach zwar 'klare Planungssicherheit für die Kultureinrichtungen', findet es aber 'unseriös', vor der Wahl definitive Zusagen zu Etaterhöhungen zu machen. Man müsse sich 'nach der Wahl sehr genau anschauen, wie die Situation ist'. Ähnlich sieht es Cerstin Richter-Kotowski. Die Position der beiden regierenden Parteien fasst Moderatorin Ruth Ciesinger vom Tagesspiegel treffend zusammen: 'Die Zeiten sind schwierig und wir müssen schauen, was kommt.'  Konkrete Zahlen liefert Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp: 2,5 Prozent des Landesetats sollen kurzfristig für Kultur bereitgestellt werden (im Wahlprogramm ist mittelfristig von 3 Prozent die Rede). Einsparmöglichkeiten auf Landesebene sieht Eralp bei Posten wie der Olympiabewerbung (6 Millionen Euro) oder der Videoüberwachung (die zusätzlich 12 Millionen Euro kosten soll). Weitere Einnahmen könnte das Land über neue Steuern generieren: eine Erhöhung der City Tax und der Gebühren für Anwohnerparken (beides auch Plan der Grünen)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2026 - Kulturpolitik

Die AfD Sachsen-Anhalt erklärt in ihrem Wahlprogramm, der Provenienzforschung die komplette Förderung zu entziehen, im Zentrum des Angriffs steht das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste mit Hauptsitz in Magdeburg, berichtet Klaus Hillenbrand, der für die taz unter anderem mit Stiftungsleiterin Meike Hopp gesprochen hat: "'Das Ziel der AfD ist der Versuch, das Bild deutscher Kultur und deutscher Geschichte zu verklären und zu verzerren. Da passt der Holocaust nicht hinein, genauso wenig wie die Aufarbeitung kolonialer Gewalt', sagt die 44-Jährige. (…) Die AfD erklärt in ihrem Wahlprogramm, man werde unter Bezug 'auf die guten Seiten der deutschen Geschichte' eine 'unverkrampfte und auf gesunde Weise selbstbewusste deutsche Identität fördern'. Dazu passt, was das AfD-Wahlprogramm gleich unterhalb des Stopps von Provenienzforschung verlangt: die Einsetzung eines Landesbeauftragten für den Erhalt der Kriegerdenkmäler und deren Restaurierung. Nicht nur die zu den Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Sondern auch zu den deutschen Toten im Deutsch-Französischen Krieg 1871 und der Schlacht von Königgrätz 1866."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2026 - Kulturpolitik

Die SZ druckt Meron Mendels Rede zur 75-Jahres-Feier der Berliner Festspiele. Er erinnert an eine Episode, die in der offiziellen Chronik der Festspiele nicht vorkommt, die für ihn aber einen Schlüsselmoment ihrer Geschichte darstellt. Während die Festspiele das Thema der Judenvernichtung die ersten zwölf Jahre ihrer Existenz vermieden, wurde der Auftritt der Holocaust-Überlebenden Belina, die 1963 mit jiddischen Liedern auftrat, zu einem Überraschungserfolg. Das Publikum damals war also durchaus bereit, sich mit kritischen Themen auseinanderzusetzen: "Vom Influencer bis zum Kulturausschuss des Bundestages bedienen sich viele derselben Logik: Empörung. Skandalisierung. Und eine kaum zu übersehende Lust an der Zerstörung. Unser Miteinander droht in den Zustand einer 'Empörungsdemokratie' zu verfallen. Wir befinden uns längst inmitten eines erbitterten Kulturkampfs. Die schlechte Nachricht lautet: Wir sind dabei, ihn zu verlieren (…) Wir können es uns nicht mehr leisten, als bloße Zuschauer auf der Tribüne zu sitzen. Die gemütliche Zeit ist vorbei. Daraus erwächst für uns alle eine Verpflichtung, gegen Instrumentalisierungen der Kultur Position zu beziehen. Den Angriffen auf die Kunstfreiheit - von welcher Seite auch immer - entgegenzutreten. Sich bewusst der Empörungsfalle zu widersetzen. Den Mut und die Neugier nicht zu verlieren."