Vom Nachttisch geräumt

Literatur als Wunscherfüllung

Von Arno Widmann
10.09.2018. Der Journalist als Robin Hood: So sieht ihn Michael Opoczynski in seinem Krimi "Schmerzensgeld".
Als wir in der Schule "Die Leiden des jungen Werthers" durchnahmen, kam eine sehr hübsche Klassenkameradin, die mich bis dahin niemals angeschaut hatte, zu mir und erzählte mir, wie großartig sie den Roman fand. Er habe sie erregt und ergriffen. Sie sei ins Schwitzen gekommen und sie habe geweint. "Ich habe mich so verstanden gefühlt", sagte sie. Worum es dabei genau ging, war ihr so unklar wie mir. Sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, ob sie einmal so lieben oder so geliebt werden wollte wie bei Goethe geliebt wurde. Aber in ihr waren Wünsche geweckt worden, von deren Existenz sie ohne den Werther womöglich niemals etwas erfahren hätte. Das war der Grund, warum im Laufe der Geschichte jungen Mädchen immer wieder die Romanlektüre verboten wurde.

Die Literaturgeschichte begleitet von Anfang an die Diskussion über die Schädlichkeit dieser erfundenen Geschichten für die Gemüter der Menschen. Auch auf der anderen Seite des Spektrums der Literatur gibt es diese Art von Wunscherfüllung: der Held. Er ist ursprünglich und darum bis heute immer wieder ein "Schlagihntot", einer, dem niemand etwas anhaben kann, einer, der durch tausend Gefahren geht, mit jedem Widerstand fertig wird: ein Sieger.

Als damals die Klassenkameradin zu mir kam, machte ich mich lustig über sie. Literatur habe nichts mit ihren Gefühlen zu tun. Der Werther sei ein großartiger Roman, nicht, weil er ihr Gemüt so erfolgreich bespringe, sondern weil - ich karikierte das sicher auch ein wenig - immer genau die richtigen Adjektive bei genau den richtigen Substantiven ständen. Das mache den Effekt. Nicht die Fertigkeit des Autors zur Introspektion. Das war eine dumme Antwort, ein missverstandener Flaubert, ein Gymnasiastenhochmut. In Wahrheit hatte diese Klassenkameradin viel mehr verstanden von der beängstigenden Übergriffigkeit der Literatur als ich. Odysseus, Achill, Paris, Helena usw., ach, auch Gilgamesch schon und Sinuhe, alles Wunscherfüllungen. Immer schon überlebensgroß und immer schon in Frage gestellt. Ärztehefte, Liebesromane, Försterfilme und einschlägige Serien tun dasselbe. Jeder Kundenkreis, jedes Marktsegment wird bedient, die Nachfrage immer genauer ausgetunet.

Anlass für diese Bemerkungen ist ein Erstling. Es ist der Roman "Schmerzensgeld". Autor ist der 69-jährige Michael Sylvester Opoczynski. Er war mehr als zwanzig Jahre lang Leiter und Gesicht der ZDF-Sendung WISO. Da versuchte er uns das Wirtschaftsleben zu erklären und uns Tipps zu geben, mit denen wir uns besser durch die Dschungel der Städte schlagen sollten. Ein immer väterlicher wirkender Schutzmann, der darauf achtete, wo Leute Schaden nahmen, wo sie ausgenommen wurden. Er prangerte das an, verlor dabei aber niemals die gute Laune. Selbst dann noch, als tiefe Falten sein so lange jugendliches Gesicht durchfurchten.

Jetzt also ist er in Rente und hat seinen ersten Roman geschrieben: einen Krimi. Er handelt von einer "Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen". Das ist ein kleiner Club hochmotivierter bestens ausgebildeter Menschen, die Missstände nicht anprangern, sondern beheben. Nicht durch infrastrukturelle Maßnahmen, sondern durch die Bestrafung der Übeltäter. Die kleinen Gangster, die - vor allem - ältere Mitbürger behelligen, werden mit ihren eigenen Mitteln geschlagen und wenn sie das nicht verstehen, dann werden sie auch einfach nur - geschlagen. Die Hauptaktion des Buches ist allerdings die raffiniert ausgeklügelte Maßnahme, mit der gegen die Vorstände einer privatisierten Staatsbank vorgegangen wird, die jahrelang ihre Kunden über den Tisch gezogen hatten. Natürlich spielt auch ein freier Journalist eine Rolle, der Fernsehanstalten mit seinen Filmen beliefert, Polizeibeamte und immer wieder Berlin. Es ist ein wenig so wie in einem Fernsehkrimi, wenn sie darauf warten, dass Ihre Straßenecke vorkommt oder doch wenigstens das eine oder andere Café, das Sie aufsuchen.

Wo bleibt die Wunscherfüllung? Die Mitglieder der "Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen" machen keine Filme, die schreiben nicht drüber. Die ziehen die Verbrecher aus dem Verkehr. Nicht durch Mord und Totschlag, sondern mit List und Tücke. Kein zorniger Achill, sondern ein klug abwägender Odysseus. Und wenn der über 70-jährige Chef in der U-Bahn dumm angegangen wird von einem Jugendlichen, dann kann er den mit ein paar Handkantenschlägen sekundenschnell ausschalten und geht weiter seiner Wege. Wege der Gerechtigkeit.

Michael Opoczynski: Schmerzensgeld, Benevento Verlag, (eine Marke der Red Bull Media House GmbH), Salzburg, München 2018, 288 Seiten, 20 Euro.