Vom Nachttisch geräumt

Die Augen eines erdnahen Gottes

Von Arno Widmann
04.12.2016. Die Kamera schwebt oben, der Kopf des Fotografen bleibt unten: "Überirdisch" zeigt die Welt aus der Sicht von Drohnenkameras.
Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Menschen ihre Träume realisieren. Keine neue Erkenntnis, aber wer einen Blick auf Dubai wirft, den durchfährt sie so schockhaft, als erführe er es erstmals in diesem Augenblick. Alisdair Miller hat diesen Albtraum festgehalten mit einer Drohnenkamera, mit einer DJI Spreading Wings S800. Die diesige Luft schafft ein Licht, in dem die Wolkenkratzer aussehen wie in den gezeichneten Utopien der 50er Jahre. Ganz und gar irreal und doch bedrängend nahe, unheimlich gegenwärtig. DJI steht hier nicht für Deutsches Jugendinstitut, sondern für das vor zehn Jahren gegründete chinesische Unternehmen, das sich auf Fotodrohnen spezialisiert hat. Wer am vergangenen Black Friday auf die Webseite der Firma ging, dem wurde der "Phantom 3 Standard" für 499 Euro angeboten.

Ich habe keine Ahnung, wem ich damit eine Freude machen könnte, aber ich habe vor mir einen gewaltigen Anfixer liegen. Es ist der bei teNeues erschienene Bildband "Überirdisch - Die Schönheit der Welt in Drohnenfotografie". Ein Werbeprospekt der Firme DJI, in dem großartige Aufnahmen zu sehen sind und ein paar Handvoll Fotografen erklären, wie toll es ist, mit Drohnen zu fotografieren. Es gibt eine Reihe von Aufnahmen der Klosteranlagen auf den Felsen des nordgriechischen Metéora. Die Klöster waren, als die Türken das Land eroberten, Fluchtburgen, in die Mönche und christliche Bevölkerung vor dem einen oder dem anderen Pogrom flohen. Kaum zugänglich, einfach zu verteidigen. Heute sind es Tourismusattraktionen, die, wie ich selbst feststellen konnte, schwer zu fotografieren sind. Die Drohne hat die richtige Perspektive, die Vogelperspektive, auf die einsamen Felsen.


Die DJI Spreading Wings S800. Breite 800 mm, Höhe 320 mm. Bild: DJI

Es sind die Augen eines erdnahen Gottes. Mikroskope zeigen uns das Kleine, Teleskope das Große. Der Drohnenblick zeigt uns, dass wir nur ein wenig den Blickwinkel ändern müssen und schon sehen wir alles ganz anders. Das Entsetzen, das uns bei Millers Blick auf Dubai befällt, ist stärker - das war freilich schon schlimm genug -  als das, das wir spürten, als wir zwischen den Wolkenkratzern zu unserem Hotel fuhren. Vielleicht helfen solche Bilder, uns in Zukunft vor architektonischen Verbrechen wie diesen zu bewahren. Ich glaube nicht daran. Der Fotograf Trey Ratcliff antwortet auf die Frage "Was bedeutet Ihnen Drohnenfotografie?: "Sie ist ein großer Sprung für mich und gleichzeitig einer, mit dem ich gedanklich immer noch Mühe habe, um ehrlich zu sein. Ich glaube, das hängt mit der für mich auch heute noch unglaublichen Vorstellung zusammen, dass der Fotograf nicht mehr in der Nähe der Kamera selbst sein muss. In den letzten 150 Jahren war es nun mal so, dass der Kopf des Fotografen nah an der Kamera war…" Er sagt auch: "Ich liebe es einfach, Dinge von oben zu sehen."


Photo © Wang Han Bing, Ort: Yu Li Bezirk, Xinjiang, China, Aufgenommen mit: DJI Inspire 1 Pro, © 2016 DJI

Das ist, glaube ich, das Geheimnis, das aus der kleinen vor zehn Jahren gegründeten Firma von Frank Wang ein Unternehmen an 16 internationalen Standorten und mehr als 5000 Mitarbeitern gemacht hat. Es ist der Blick der Götter, den uns DJI beschert. Wenn wir bei schönem Wetter über die Alpen fliegen, haben wir auch dieses Gefühl. Und gleichzeitig wissen wir, dass er uns nicht zusteht. Wir fürchten ein ganz klein wenig, abzustürzen aus dieser hybriden Höhe wie einst Ikarus es, so die Legende, tat. Aber jetzt, mit den Drohnen, droht uns keine Gefahr. Von wegen Risikogesellschaft! Wir riskieren gar nichts mehr. Aber natürlich riskieren wir unsere wechselseitige Bespitzelung, unsere gut- oder bösnachbarliche Dauerbeobachtung aus allen erdenklichen Blickwinkeln. Kein Zaun schützt mehr vor den begehrlichen Blicken der anderen. Es ist wohl nur in den seltensten Fällen interesseloses Wohlgefallen an der Schönheit der Welt, wie dieses Buch anzunehmen uns nahelegt, das die Drohnen aufsteigen lässt. Es sind wohl mehr sehr interessierte Begierden, die nach Aufnahmen und Kartierung verlangen.

Den Band beschließen Aufnahmen einer Drohne beim Ausbruch eines Vulkans in Island. Sie waren bis vor kurzem unmöglich. Wir sehen mehr von der Welt. Wir sehen sie genauer. Ist das gut? Ja. Ist das schlecht. Ja. So sieht der Fortschritt aus.

Überirdisch - Die Schönheit der Welt in der Drohnenfotografie, DJI, teNeues, Kempen 2016, 208 Seiten, 147 Farb- und 10 s/w Fotografien, 59,90 Euro. (Bestellen)