Tagtigall

Jedes Wort ein Diversant

Die Lyrikkolumne im Perlentaucher. Von Marie Luise Knott
08.09.2014. In Marcel Beyers neuem Gedichtband "Graphit", in dem vielfach Fotos Auslöser gewesen sein dürften, hört man immer wieder einzelne Stimmen im Thomas Klingschen Sinne heraus. Das Rheinland natürlich: flück flück flück. Eine Hommage.

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"Ghostgames" heißt ein Video des Albaners Anri Sala, bei dem an einem Sandstrand nachts Lichtkegel von Taschenlampen über den Sand huschen und immer dann innehalten, wenn der Kegel auf eine Krabbe stößt. Während die Krabben versuchen dem Licht zu entkommen, verfolgt die Lampe die Fluchtbewegungen der lichtscheuen Wesen und versucht, sie zwischen die Beine der Mitspielerinnen zu lenken. In den besondersten Momenten blicken die Geisterkrabben, vom Lichtkegel gebannt, mit ihren Stielaugen direkt in die Kamera, und plötzlich sind die am Tage unsichtbaren Tiere unglaublich sichtbar.
 
Der Dichter Marcel Beyer, der am 14. September in Berlin den Oskar Pastior-Preis erhält, erstöbert Sprach-Fundstücke, leuchtet sie aus und treibt sie vor sich her. Worte, unscheinbar und widerständig wie Salas Krabbentiere, beleben sich dabei neu, Assoziationen und Überlegungen hängen sich aufs Herrlichste ans Einzelne an. In dem Essayband "Putins Briefkasten" hatte Marcel Beyer 2012 seinen Lesern Einblicke in sein Schreiben gegeben: In frühen Gedichten habe es nichts zu sehen gegeben, erzählt er, doch heute trenne sein Gehirn nicht mehr zwischen Schreiben und Wahrnehmen. Ferner tat er in "Putins Briefkasten" mehrere geistige Paralleluniversen auf und ließ dem Kustos der Ornithologischen Sammlung von Dresden und der Bienenforscherin mit dem klingenden Namen Lieselotte Gettert das Wort. Wie nebenbei lieferte er durch diese Begegnungen Hinweise aufs eigene Schreiben. Auch wenn Sprache menschengemacht ist, gibt es, so Beyer, über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg einen "außermenschlichen" Dialog - etwa zwischen Schmetterling und Smetana (was im Russischen eine Bezeichnung für Schmand ist). Beyer sucht und schafft Nachbarschaften, Verwandtschaften, etwa: was Insektenforscher mit dem Wabenbau der Sprache gemein haben oder wie sich Dinge und Menschen und Worte verändern, wenn sie Grenzen überschreiten. So wird "Jedes Wort ein Diversant."
(Bild: Marcel Beyer beim Erlanger Poetenfest 2012. Foto: manfred.sause@volloeko.de unter cc-Lizenz bei Wikipedia)

Von Thomas Kling stammt die Selbstaussage, ihn interessiere jede "Land- oder Stadtschaft als eine riesen summende Insektengesellschaft", aus der er in seinen Gedichten einzelne Stimmen "herauspräparieren" müsse. In Beyers neuem Gedichtband "Graphit" (erscheint im Oktober), in dem vielfach Fotos Auslöser gewesen sein dürften, hört man immer wieder solche einzelne Stimmen heraus. Das Rheinland natürlich. Konkrete Nachrichtenbilder stehen hinter den Gedichten "Graphit" und "Das Rheinland stirbt zuletzt", Fotos von der Neusser Kunstschnee-Halle sowie Fotos vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009. Rheinische Stimmen erscheinen. "Himmel, sieht es hier aus," lautet eine Zeile und "flück flück flück" eine andere - jenes Kölner Stoßgebet zum Heiligen Antonius, das nicht Auffindbare zurückzubringen ("Hillijer Tünnes, flück flück flück, zejschens schnell ding Meisterstück"). Und mit Verkürzungen wie "Ein Broich. Ein Busch. / Ein Rath" stehen auch die "Runkelrübenäckerweiten" um Orte wie Grevenbroich oder Benrath direkt vor uns.

So manches Relikt - auch im Klang - beharrt bei Beyer auf seiner Gegenwart, wird uns wie Salas Krabben aus dem Unsichtbaren auftauchend für Augenblicke völlig gegenwärtig. Im felsgrauen abschüssigen Kölner Archiv-Schuttfeld "zwischen den todgrau lackierten Blechwänden" lässt der Autor mit seinem ihm eigenen Humor Husky-Spürhunde herumsuchen. Als sie in einem der verschütteten Dokument-Fragmente auf den "Muskaplüts Hofton" des längst vergessenen Dichters stoßen, schlagen sie an, weil sie zwischen Blut und Plüt Klangnachbarschaft wittern.

In Beyers früheren Gedichtband "Erdkunde" waren unter anderem ausgestopfte Vögel ins Lampenlicht geraten:

Einmal habe ich Bälge
gesehen, aufgereiht in
Ihrer Kiste, Stieglitze,
Varietäten von überall aus

dem Osten. Manche sind rund
hundert Jahre alt, keinerlei
Farbverluste, der Kopf
der Schwanz, die Flügel, und

innen ist Watte. Erst seit
kurzem bewahrt man auch
ihre Knochen. Ich sah,
sie liegen gut in der Hand.


Eine Kette lapidarer Beobachtungen, die sich in der physischen Begegnung der letzten Zeile beleben ("Ich sah, sie liegen gut in der Hand."). Dass Marcel Beyer dieses Jahr den Oskar-Pastior-Preis erhält, erstaunt auf den ersten Blick. Pastiors Dichtung baut auf den Klang, der Sinn und Unsinn aus sich heraus generiert. Seine Verse verströmen Witz sowie ein Welturvertrauen der Silben, Worte, Zeilen, Verse, von etwas Unbekanntem getragen zu sein. Jedes Wort sei, so Ulf Stolterfoht, nur ein kleiner Ausschnitt eines riesigen, fortlaufenden Text- und Weltkontinuums. Tatsächlich verbindet Beyers und Pastiors Werk ein enormes Finderglück, das bei Beyer aus der Versenkung ins konkrete Einzelne entsteht.

***

Marcel Beyer, Erdkunde. Gedichte, Köln 2002.
Marcel Beyer, Putins Briefkasten. Acht Recherchen, Berlin 2012.
weitere Bücher von Marcel Beyer hier

Anfang Oktober erscheint im Suhrkamp Verlag Marcel Beyers neuer Gedichtband. Graphit.

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