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Tagtigall

Zwischen Schweigen und Schreiben

Die Lyrikkolumne im Perlentaucher. Von Marie Luise Knott
26.02.2014. Es gibt eine Theorie, die besagt: Wir leben nicht sehr viel. Die meiste Zeit erinnern oder hoffen wir. Der Dichter Andreas Altmann verwendet in "Die lichten lieder der bäume liegen im gras und scheinen nur so" als Erzählzeit die Gegenwart und setzt seine Erinnerungen der Gegenwart des Gedichtes aus.

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Die Titel der Gedichtbände von Andreas Altmann locken unmittelbar in sein Wortreich. "Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so", heißt der jüngste. Darin ist vor allem von Flüssen, Seen, Meeren, von Schnee und anderen Wasserarten die Rede, und davon, was sie in der Welt und in uns anrichten, ja: angerichtet haben. Begegnungen, Wunden, Lieben, Erinnerungen: "Im langen regen häuten die berge ihr fell", heißt es einmal, oder "holzschädel hat das eis ausgegraben", oder: "tief steht der Weizen im Wasser, beugt sich dem Boden"; oder auch: "auf dem rhein strömen die flüsse in den augen durch fremde orte der kindheit."

Jedes Wort in Altmanns Gedichten ist einfach und verständlich, und dennoch treiben die Worte immer heraus aus dem Konkreten, dem sie entstammen. Sie kommen in andere Gebiete abhanden. Wie leicht ihm das alles scheinbar fällt! Die Bilder, von hoher Intensität, schweben. Willkürlich. Willkommen. Und doch bündelt jedes Gedicht in großer Strenge eine einzige Geschichte. Kirschblüten und Buschwindrösschen sind in diesem Band trotz des lichten Titels eine Seltenheit.

"ich habe lange geschwiegen und nur die worte
in kleinen grüppchen an der hand geführt und sie
manchmal an fremden orten ausgesetzt. ich weiss nicht,
ob sie eine sprache gefunden haben, in der sie sich
in die augen sehen konnten. Ich habe es mir immer
gewünscht. dann müsste ich nicht alleine sterben."

In dem mit "farben und geräusch" betitelten Gedicht, aus dem diese Zeilen stammen, entwirft Altmann ganz nebenbei seine Poetik. Fünfzig ist er letztes Jahr geworden. Und die meisten der Gedichte in diesem Band blicken zurück, führen Worte bei der Hand, gruppieren sie und setzen sie im Gedicht neu aus. In der Hoffnung, dass sie dort, am neuen Ort angesiedelt, eine Zusammengehörigkeit und Zugehörigkeit entwickeln. Auch Worte und Bilder aus früheren Gedichten und Gedichtbänden werden neu angesiedelt zwischen Schweigen und Schreiben: Der Schnee zum Beispiel, der - wie das Gedicht - die Fähigkeit hat, das Vergangene oder Gegenwärtige zu konservieren:

"In ein paar tagen soll es langanhaltenden schnee geben
und vieles wird unter ihm schwinden. erst dann
kann ich sehen, wie schwarz die krähen eigentlich sind.
und welche farbe die worte tragen, wenn sie ausgehen."

Altmann legt in seinem jüngsten Band deutliche Spuren - zum 2. Weltkrieg, zum Leben im Einparteienstaat, zur innerstaatlichen Grenze. Aber auch zu Ausflügen ins Gebirge oder zu Osterspaziergängen: "am nahen bahndamm gehen die schatten der jungen birken zitternd über die gleise", heißt es darin etwa. Erlebnisse, Geschichten, Bilder, in Sprache erhalten, werden durch die Altmannsche Niederschrift in keiner Bedeutung und Logik fixiert. Alles kann bei sich sein und mitreißen, denn "jedes gedicht treibt flussaufwärts".

Es gibt eine Theorie, die besagt: Wir leben nicht sehr viel. Die meiste Zeit erinnern oder hoffen wir. Altmann verwendet als Erzählzeit die Gegenwart und setzt seine Erinnerungen der Gegenwart des Gedichtes aus. Wo die Geschichten brennen und glühen, wo Kraniche tanzen, wo Donner sich in Kinderaugen spiegelt, wo Männer auf Terrassen singen und Eichhörnchen aus hellen Fenstern springen. All das können wir in den "lichten liedern" des Dichters sehen und hören.

Marie Luise Knott

Andreas Altmann, Die lichten lieder der bäume liegen im gras und scheinen nur so. Gedichte, Poetenladen Leipzig, 2014

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