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Post aus Ramallah

Durch den Vordereingang

1. und 2. Brief. Von Uta Ruge
15.04.2006. Petrusfisch aus dem Kinereth, Raketen aus Gaza : Auf dem Weg nach Ramallah.
1. Brief

Sicherheitsfragen in Schönefeld: wohin, woher, mit wem, was, seit wann, wie lange...
Wüsste ich alles selbst gern genauer. Zuerst ein paar Tage in Tel Aviv im Hotel, treffe Freunde aus London, dann nach Ramallah.
- Westbank?
- Ja.
- Zur jüdischen Siedlung Ramle?
- Nein, Ramallah.
- Wen ich dort besuche?
- Meine Freundin Amira.
- Sie ist jüdisch?
- Ja.
- Wie lange kennen Sie sie, und woher, und was machen Sie dort, was ist Ihr Beruf?
- Feldenkraislehrerin und...
- Feldenwas?
- Versuch, ein Lächeln hervorzurufen: Kennt nicht jeder Israeli Moshe Feldenkrais, der Ben Gurion den Kopfstand beibrachte?
Kein Lächeln, stattdessen ein noch strengeres Gesicht. Ich mache es kurz: prima Lernmethode, funktioniert über Bewegung, kinästhetische Nachreifung... Aber die Feldenkraismethode scheint nicht wirklich zu interessieren.
- Sie lebt in Ramallah?
- Ja. Vorher hat sie in Gaza gelebt, darüber auch ein Buch geschrieben, vielleicht kennen Sie es: Gaza, Tage und Nächte in einem besetzten Land, von Amira Hass.
- In Gaza lebt sie? Ach, in einer jüdischen Siedlung.
- Nein, nein.
- Sie lebt unter Arabern?
- Nein, sie lebt dort gar nicht mehr, sie schreibt für Haaretz aus Ramallah.
Er sieht sehr unglücklich aus: Hat sie keine Angst?
- Nein, sage ich, langsam ungeduldig werdend, sie ist nicht bewaffnet.
Noch einmal der Reihe nach: Anfang der Achtziger Arbeit in einem Verlag, der ein heimlich in Bergen-Belsen geschriebenes Tagebuch publizierte; die Autorin Hanna Levy-Hass, ehemals Lehrerin in Sarajewo, in Tel Aviv besucht, ihre Tochter Amira kennengelernt, die damals in Jerusalem Geschichte studierte und inzwischen Journalistin ist.

Unzufriedenes Herumfingern an Papier, Umblättern von Listen, Blick zu einem zweiten Sicherheitsmann, der, wie etwa zehn weitere dieser offiziell gekleideten Männer, an einem der hohen, rollenden Teewägelchen steht, beziehungsweise gerade nicht dort steht und nur wachsam ist. Angespannte Körper.
- Please wait a minute.
Er nimmt meinen Pass und geht zu einem Kollegen. Nach einigen Minuten steuern sie gemeinsam, mit nervösen Blicken, einen dritten an und rufen einen vierten hinzu. Meine eigentliche Sorge betrifft das Gewicht meines Gepäcks. Und überhaupt würde ich jetzt lieber schon anderen dabei zuschauen, wie sie überflüssige Dinge kaufen, und einen Kaffee trinken. Die Sicherheitsmänner schauen pokerfacemäßig zu mir herüber, mein Sicherheitsmann Nummer Eins erzählt, allgemeines Kopfnicken.
Er kommt wieder.
- Also, Hanna-Levy-Hass schreibt aus Gaza für Haaretz...
Wir fangen von vorne an, auf den Rand der Liste werden Namen und Daten gekritzelt, er schüttelt mehrmals den Kopf, geht wieder zu den anderen, schließlich lässt man mich zur nächsten Etappe weiterziehen. Handgepäck öffnen, Koffer durchleuchten. Laptop und Tonband in eine Spezialmaschine. Schließlich am Ende das Fräulein mit dem Routinelächeln. Im Flugzeug ein kleines Mädchen neben mir, dass das Essen nicht mag und findet, dass der Service schlecht ist, weil die Kinder kein Spielzeug bekommen.
Das erste überraschende Bild auf dem Weg in die Stadt: eine Gruppe von Reitern, die neben der Autobahn auf ihren Pferden sitzend telefonieren.
In Tel Aviv sagt meine Freundin, dass ohne Begleitung nach Nahost reisende blonde Frauen als verdächtig gelten.


2. Brief

Der Vordereingang von Tel Aviv ist die Dizengoff-Straße mit ihren Cafes, der Nähe zum Strand, den Läden, die 24 Stunden geöffnet sind.
Erinnerungen an den ersten Besuch vor 24 Jahren. Vergleiche. Wiederbegrüßt die Hibiskushecke mit ihren roten Blüten, die räudigen Katzen, die um Mülltonnen schleichen, die alten Häuser im Bauhausstil, Wasserspeicher auf den Dächern, kreischende Mauersegler, die mich auch an den Berliner Sommer erinnern, über ihnen. Gefremdelt mit neuen Hochhäusern, Fahrradfahrern, Hunden.

Gleich am ersten Abend als Gäste zum Shabbat geladen - bei einem Major der israelischen Armee. Die Großeltern stammen aus dem Irak, sein deutscher Freund konvertiert gerade zum Judentum. Die Sorge, der Deutsche würde versuchen, to out-jew the Jews, wie eine englische Freundin es einmal so schön ausdrückte, war unbegründet. Eher mein Problem: die Spiegelung in anderen Deutschen hier, unser Anteil an der "Wiedergutwerdung der Deutschen", wie der Publizist Eike Geisel es einmal nannte.

Miriam aus Lemberg zündet die Shabbatkerzen an. Wir essen Hühnerbeinchen und zählen die Geburtsländer derer, die um den Tisch sitzen: Südafrika, Polen, Deutschland, Chile, Israel. Zum Sorbet erzählen wir aktuelle Witze: "Treffen sich ein Bär, ein Löwe und ein Huhn. Sagt der Bär: Wenn ich brülle, zittert der Wald: sagt der Löwe: Wenn ich brülle, zittert die Savanne. Aber wenn ich huste, sagt das Huhn, zittert die ganze Welt." Das war mein Beitrag. Die anderen Witze waren etwas besser.

Miriams Eltern und Schwestern wurden in Auschwitz ermordet, sie selbst überlebte mit den Eltern ihres späteren Mannes. Die Schwiegereltern zogen 1948 nach Haifa, die Jungen sollten nach dem Studium nachkommen, aber sie kamen nie, lebten sich in Deutschland ein, genauer im Frankfurter Raum, amerikanischer Sektor, arbeiteten dann viele Jahre im Ausland. Rot- und Weißwein, Gespräche in kleinen Gruppen.

Eine deutsche Theologin, die nach einem Stipendium hier hängen blieb, erzählt von der Schwierigkeit, christlich-theologische Texte ins Hebräische zu übersetzen. Es gäbe für bestimmte christliche Begriffe und Konzepte einfach keine Entsprechung im Hebräischen. "Selbst vom Neuen Testament gibt es bis heute keine gescheite Ubersetzung." Sie hat vor, die Gefängnisbriefe Bonhöffers in Israel herauszubringen.

Am nächsten Tag Ausstellungsbesuch im Tel Aviv Museum, Michal Rovners "Fields" werden gezeigt. Es sind Videoprojektionen auf kleinen und großen Flächen zu sehen, auf Papier und Stein. Kleine Menschenfigürchen gehen oder springen in gewissen Ordnungen und Unordnungen auf Linienpapier, was noch ganz hübsch ist, in einem alten Brunnenstein, aus dem all zu sehr der Tiefsinn quillt, auf Steintafeln, die in braune Erde gebettet und mit dräuender Sakralmusik begossen sind. Sprache auf Tafeln schreibt dienstbar Bedeutung zu: Zeit- und Raumaufhebung, Gegenläufigkeit, Konfrontation, Reflexion... Eine Bekannte meiner Freundin sagt: Artefakte mit Blick auf den New Yorker Kunstmarkt.

Es ist heiß heute, das erste Mal, sagt meine Freundin, seit sie hier seien. Sie sind schon vor zwei Wochen gekommen, waren ein paar Tage in En Gedi und fliegen am nächsten Tag schon zurück. Es war nur ein kurzes, nicht zufälliges, aber wegen allerlei Um- und Zuständen nicht für länger organisierbares Überlappen unserer Reisen.

Der letze gemeinsame Abend in Jaffa mit Blick auf das Meer. Petrusfisch aus dem Kinereth, dem See Genezareth. Ich erwähne die Hunde in Tel Aviv, die mir neu sind. Ja, sagt Miriam, früher wurden Hunde auf Juden gehetzt. Deshalb hatten sie lange keine beziehungsweise Angst vor ihnen. Jetzt hat jeder in Tel Aviv einen Hund, besonders die jungen Leute. Auch eine Art Emanzipation.

Abschied von den Freunden am nächsten Morgen. Ich bekomme ihr Handy unter der Bedingung, es bald in London wieder abzugeben. In Israel ohne Handy sein geht gar nicht, sagt mir jeder.

Als sie weg sind, telefoniere ich mit Amira. Von Gaza aus hat es Raketen gegeben, anschließend Beschuss, deshalb wird sie, während ich in Ramallah bin, nach Gaza fahren müssen. Es gefällt ihr überhaupt nicht.

- Kann ich da mitkommen?
- Mal sehen, sie sind sehr geizig mit Einreisebewilligungen.
- Wer ist sie?
- Na, die Israelis. "Sie" sind immer die Bösen, sagt sie, und lacht.
- Nachdem du den palästinensischen Kids der halben Westbank erfolgreich beigebracht hast, dass die israelischen Soldaten nicht "die Juden" sind...
- Ja, ja, sagt sie, und lacht nicht mehr. Komm her und schau dir die Kontrollstellen an. Und kontaktiere endlich die Machsomwatch-Frauen. Es ist Pessach. Da ist es nicht so einfach, sich zu treffen.

Wir streiten am Telefon noch ein wenig miteinander. Ich bin noch aus Berlin erkältet und erschöpft hier angekommen und will nicht gesagt kriegen, was ich tun soll.

Abends unter Palmen, umfahren von Autos. Geplatzte Mülltüten schütten sich auf den Asphalt, der Geruch zieht Katzen an, die ungerührt vom raschen Verkehr ein paar Zentimeter neben sich lässig in ihnen stöbern.

Archiv: Post aus Ramallah

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