Post aus Ramallah

Möge Gott deine Art vermehren

7. und 8. Brief. Von Uta Ruge
26.04.2006. Im Grenzland zur Westbank wachsen vor allem Mauern, Zäune und Erdwälle. Und das Gefühl der eigenen Ohnmacht.
7. Brief

Heute ist Jerusalem dran, dort das erste Interview mit einer der Frauen von Machsom-Watch. Wir fahren einen Weg, den zu erklären oder zu beschreiben wieder fast unmöglich ist. Eine der schlechtesten Straßen der Welt, Schlaglöcher, in denen eine ganze Schafherde auf Nimmerwiedersehen verschwinden könnte; die Häuser auf der rechten Seite gehören irgendwann schon zum Stadtbereich von Jerusalem, wurden annektiert, links und durch eine niedrige Steinmauer von der anderen Seite der Straße getrennt, liegt besetztes Gebiet, ein Flüchtlingslager: niedrige, eng aneinander gebaute Häuser von einer Mauer umgeben, Telegrafenmasten, ein Gewirr von Elektroleitungen, Antennen, Satellitenschüsseln. Kinderreiche Familien. Ich begreife, dass ein Flüchtlingslager hier inzwischen vor allem Armenviertel heißt. Mehrheitlich landlose Bauern in zweiter und dritter Generation, Rekrutierungsfeld für alle möglichen politischen und religiösen Verführer.

Etwas weiter wieder der übliche Anblick: Erdarbeiten, Zäune, abgeplattete Hügel. In der Ferne jüdische Siedlungen, was heißt: moderne Kleinstädte vom Reißbrett. Wie alt sind sie? Hier? Man begann mit dem Bau schon 1968.

Die berüchtigte Mauer von Ferne. In mehreren Bauabschnitten wächst seit Jahren die graue Zementwand, einige Meter höher als die Berliner Mauer. Dann der fast ebenso berüchtigte, wenn auch weniger berühmte Checkpoint von Qalandiah, - der aber plötzlich umfahrbar ist, weshalb ich mal wieder nichts verstehe. Was soll ein Kontrollpunkt, den man umfahren kann? Aber auch das ist neu, das Umfahren, und vermutlich nur ein Zwischenstadium, bis irgendetwas Neues passiert, zwei Mauerabschnitte sich irgendwo in der Nähe treffen, dort vielleicht ein neuer Kontrollpunkt errichtet wird.

Auf der anderen Seite mehrere gelbe Kleintransporter, Sammeltaxis, die von den Fußgängern der anderen Seite, der Westbank, benutzt werden. Öffentlichen Transport gibt es nicht mehr nach Jerusalem. Die Sammeltaxis sind die einzige Möglichkeit für die, die kein Auto haben.

Immer wieder dasselbe Bild: Bauarbeiten, Mauern, Zäune, durch Erdwälle blockierte Straßen, eine eingequetsche Bevölkerung, die nicht mehr zur nächsten Moschee oder Kirche oder Schule kommt, ohne durch Kontrollstellen geschleust zu werden oder über Erdwälle klettern zu müssen. Einmal sehen wir kurz vor dem eigentlichen Stadtbereich Ostjerusalems eine solche Gruppe, unter ihnen zwei Beduininnen, die ich im ersten Moment für Nonnen halte: schwarze, lange Kleider, schwarze Tücher um den Kopf, die hinten lang herunter hängen. Sehr braune Gesichter. Sie sitzen auf der aufgeschütteten, nackten Erde, eine spricht in ein altes Walkie-Talkie. Ihre Minen sind abweisend.

In schneller Fahrt geht es bald durch Mea Shearim, gerade sieht man noch einige langbärtige Männer mit breitrandigen oder hohen Pelzmützen und im schwarzen Rock, dann schon am Eingang zur mittelalterlichen Mauer der Altstadt vorbei, am King David Hotel, dem imperialen Verwaltungssitz der Briten aus der Mandatszeit, seinerzeit Ziel eines blutigen Anschlags durch den jüdischen Untergrund.

Mir ist, ehrlich gesagt, nach ein wenig Sightseeing zu Mute: würde gerne etwas wiedererkennen, wieder besuchen, zum Beispiel das Haus von Anna Ticho, ihre Zeichnungen wieder sehen, Bücher kaufen und Karten schreiben. Etwas anderes sehen. Wegsehen.

Wir sind etwas früh dran und gehen in ein Cafe namens Hillel, das vor ein paar Jahren Schauplatz eines terroristischen Anschlags war. Ein Sicherheitsmann kontrolliert unsere Taschen. Dann das Interview mit Roni Hammermann von Machsom-Watch. Sie wurde in Israel geboren, ihre Eltern emigrierten rechtzeitig; 1945 ging man zurück nach Wien: vor allem der Vater - er war Kommunist - wollte beim Aufbau eines neuen Österreich helfen. Roni studierte noch in Wien zu Ende, ging 1969 wieder zurück nach Israel.

Ihr schien es damals das Land, in dem es für sie richtig war zu leben. Als sie von einer Palästinenserin hörte, die an einem der Kontrollpunkte ihr Kind bekam, weil man den Ambulanzwagen nicht durchließ, fragte sie sich, was hier eigentlich los ist, und gründete mit anderen Frauen zusammen die Organisation Machsom-Watch. Ihre Aufgabe: hinsehen, notieren, dokumentieren, manchmal auch eingreifen, Soldaten zur Ordnung rufen, bei Vorgesetzten vorstellig werden, manchmal auch Prozesse anstrengen beziehungsweise als Zeuginnen auftreten. Zur Zeit arbeiten 350 Israelinnen mit. Täglich fahren sie zu den Kontrollpunkten, tägliche Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht. Denn an der eigentlichen Sache können sie nichts ändern.

Was ist die eigentliche Sache? Zuerst haben sie die offizielle Version geglaubt, dass es nämlich um die Sicherheit Israels ginge, um Prävention gegen Selbstmordattentäter. "Nach vier Jahren können wir sagen, darum geht es nicht. Alle Soldatinnen und Soldaten, die an den Kontrollstellen Dienst tun, wissen genau, dass jede Kontrollstelle auf die eine oder andere Weise umgangen werden kann. Nein, es geht um die Kontrolle, Beherrschung, Einengung der palästinensischen Bevölkerung, um die Zerstörung des sozialen Gewebes ihrer Gesellschaft."

Die meisten Kontrollstellen sind innerhalb der Westbank, nicht etwa Grenzübergänge. Geschützt werden Siedlungen, die kolonisierenden Kleinstädte, die bis heute und auch während der so genannten Friedensgespräche in Oslo mit großer Energie weiter ausgebaut wurden: es geht um ihre Straßen, die sie miteinander und mit Israel verbinden, um ihr sich immer weiter ausbreitendes Land.

Was man tun könne, um zu helfen, ist sie im Ausland, in Deutschland und Österreich, oft gefragt worden. Jeder soll im eigenen Land, im eigenen Stadtviertel, die Augen aufmachen, gegen Unrecht protestieren, sich einmischen. Wir tun, was hier zu tun ist.

Auf dem Rückweg ein weiter Umweg über die Dörfer. Das erste mal sehe ich die Landschaft im Einklang mit Orten und Straßen. Oliven- und Zitronenhaine. Reichliches Kurven durch die Hügel. Aber zu viel Armut, zu wenig Moderne. Zu wenig Entwicklungsmöglichkeit. Alte und neue Häuser, manchmal wirken sie gleich verfallen, sind schäbig und arm. Daneben auffallend neu und groß: die Moscheen.


8. Brief

Auf den Dächern von Ramallah herrscht ein ziemliches Gedränge. Am auffallendsten sind die großen schwarzen Wassertanks für Heißwasser, in der Regel für jede Wohnung einen. Auf den meist fünf oder sechs Stockwerke hohen Häusern der Stadt stehen also zehn oder zwölf solcher Tanks, mal mehr, mal weniger, mal alle gleich groß, mal in den verschiedensten Größen. Die neueren Häuser besitzen außerdem Sonnenkollektoren und zu beidem gesellen sich sowohl altmodische Fernsehantennen als auch die unschönen "Schüsseln".

Aber heute morgen ist das Nachbarhaus gar nicht zu sehen, geschweige denn das weiter entfernte Minarett. Dichter Nebel hüllt die Stadt ein. Im Laufe des Morgens kommt zuerst die Sonne durch, dann ziehen tief dunkle Wolken auf und es beginnt zu regnen.

Ramallah bekommt heute vielleicht den letzten Regen des Jahres, sagt Nazmi Ju'beh. Wir sitzen in seinem Arbeitszimmer in einer kleinen Villa vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Geflieste Fußböden. Fenster, Türen und Wände modernisierter ottomanischer Stil, insgesamt alles eine abgespeckte Version der türkisch-islamischen Ornamentik. Der Bau kantig, ohne großartige Bögen, Erker, Säulen und Balkone, wie sie an neueren Privathäusern wieder auftauchen. Naturstein, der auch im Inneren meist noch durchscheint.

Auf die Frage, wo in Deutschland er studiert habe, denn wir sprechen Deutsch miteinander, lacht er und sagt: in Schwaben, Tübingen.

Riwaq, ein Institut für die Pflege des architektonischen Erbes in Palästina, wurde 1991 von ihm mitbegründet, und er ist bis heute einer seiner Direktoren. Die Organisation hat eine Bestandsaufnahme des architektonischen Erbes gemacht, eine Datenbank angelegt mit Zigtausenden von Gebäuden, Ruinen, architektonischen Strukturen, beispielsweise auch Wasserleitungssystemen.

"Egal ob etwas aus der kanaanitischen, der römischen, mamelukischen oder türkischen Zeit stammt: alle, die hier gewesen oder hindurch gekommen sind wie die Kreuzfahrer und Pilger, haben etwas hinterlassen, haben gewohnt, Handel getrieben, sich vermischt. Alles das ist das architektonische Erbe Palästinas. Ich sage extra nicht, dass es palästinensische Architektur ist. Es geht nicht um nationale Archäologie. Und es geht auch nicht um Restaurierung um jeden Preis. Es sollen keine Denkmäler oder Museen entstehen, sondern es soll etwas erhalten und benutzt werden. Mit dem langsamen Rückgang der agrarischen Lebensweise sterben auch die alten Dorfzentren. Keiner hat Geld, die alten Häuser zu reparieren."

Als erstes schickt man ein, zwei Leute in die Dörfer - und viele bewerben sich bei Riwaq um ein Projekt -, die eine Zeit lang dort sind und die Leute befragen. Kinder, Frauen, Bauern. So erfährt man, was wirklich nötig ist.

"Wir restaurieren und bauen dann ein altes Gebäude im Dorfkern dann so um, dass es eine Funktion für die dort lebenden Menschen hat. Am Ende stellt sich meistens heraus, dass vor allem die Frauen die neuen Dorfzentren benutzen und betreiben. Es gibt dann eine Kindertagesstätte, Frauenwerkstätten, aber auch Versammlungräume für den Bauernverband oder für Festlichkeiten. Und auch der Umbau selbst soll lokalen Firmen zugute kommen, ihnen Arbeit geben und die Arbeiter qualifizieren."

Sind es immer Dorfzentren? Nein. Die Musikschule für Kinder aus Flüchtlingslagern in Ramallah ist ein anderes Beispiel. Aber in den Dörfern müssen soziale Prozesse in Gang gesetzt werden Richtung Zivilgesellschaft. Man darf das Gefühl der Gemeinschaft nicht den Moscheen überlassen.

Das Geld für Rewaq kommt vor allem aus Schweden, genauer von der Entwicklungsorganisation SIDA, aber inzwischen können auch lokale Sponsoren gefunden werden. Natürlich ist wegen der Politik der Abriegelung und Blockaden, der Kontrollstellen und der "Apartheidstraßen" die Arbeit schwieriger geworden. Aber bei meinem Interview mit Nazmi Ju'beh spielt die Klage über diesen Zustand die kleinste Rolle. "Wir haben schon so viel geredet und geklagt. Wichtig ist, etwas zu tun."

Er selbst lebt in Jerusalem und fährt täglich zur Arbeit nach Ramallah. Früher ein Weg von zwanzig Minuten von Tür zu Tür. Heute dauert es auch mal zwei Stunden. "Wir machen weiter, es ist unsere Investition in die Zukunft", sagt Nazmi Ju'beh noch, und ich denke an den arabischen Dank- und Segensspruch: Möge Gott deine Art vermehren.

Am nächsten Tag fahre ich noch einmal "die schlechteste Straße der Welt" entlang. Heute kommt sie mir gar nicht mehr so schlecht vor. Man gewöhnt sich also. Vorbei an vielen Möbelgeschäften, Supermärkten, Fitnesscentern. An größeren Kreuzungen viele bewaffnete junge Männer, palästinensische Polizei und Armee, vor allem an Regierungsgebäuden, die wenig auffallen im Gewirr. Einmal ein kleiner Junge, der mit einem Holzgewehr auf haltende Autofahrer anlegt. Denke daran, wie Amira mir neulich erzählte, sie erinnere sich an so vielen Straßenecken an die Pamzer 2002, an die Ausgangssperren, die Angst, die Verwüstungen.

Am Checkpoint Qalandiah, durch den also auch Nazmi Ju'beh täglich zweimal fährt, treffe ich Roni noch einmal. Sie wartet auf der anderen Seite. Ich quetsche mich mit den anderen Wartenden durch die automatisch betriebenen Drehkreuze, die mehr als zwei Meter hoch reichen. Alle drücken, Mütter mit schreienden Babies auf dem Arm dabei, die keiner vorlässt. Keine Höflichkeit oder auch nur Rücksichtnahme aufeinander. Ich bin schockiert.

Die israelische Soldatin hinter Panzerglas sieht aus wie eine Schülerin. Eine Jerusalemer Studentin (mit Kopftuch), mit mir im Gewühl, übersetzt mir die aus der Lautsprecheranlage kommenden Anweisungen. Nachdem man durch das erste Drehkreuz gesiebt ist, landet man in einem kleinen Raum mit einer Durchleuchtungsanlage für alle Taschen, wie im Flughafen befördert ein Förderband sie durch die Anlage, während man Pass oder Erlaubnisschein gegen das Glas hält zur Kontrolle, dann nimmt man hinten seine Taschen wieder auf und geht durch das nächste Drehkreuz auf der anderen Seite hinaus. Das ganze hat dreißig Minuten gedauert.

Auf der anderen Seite steht Roni mit ihrem Machsom-Watch-Anstecker und erklärt mir gleich, dass sich wieder etwas geändert hat, seit sie vor einer Woche da war.

Hier, und sie zeigt auf die Busse hinter dem Gitter neben uns, warten jetzt die Kleinbusse und Taxen, in die nach der Kontrolle alle Passagiere wieder einsteigen. Allerdings scheint es, dass es ein gemütlicher Tag ist, denn in den Privatwagen dürfen die Mitfahrer heute sitzen bleiben. Es ist jeden Tag anders, und das ist fast schon das Entscheidende, die Verunsicherung, das man nie weiß, wie es heute am Kontrollpunkt ist.

Wie ist das mit dem Umfahren, das wir vor ein paar Tagen erlebten? Das ist nur für den Zugang zu anderen Teilen der Westbank, aber immerhin eine Erleichterung. Aber wir sind so nach Jerusalem gefahren! Einen Moment lang ist sie erstaunt. Aber dann kommt die Erklärung. Schon, aber es ist ein Riesenumweg. Man kommt nicht etwa direkt nach Ostjerusalem, wo die meisten Plästinenser leben, die in Ramallah arbeiten oder studieren.

Sie geht mit mir hinüber aufs besetzte Gebiet, was ihr nicht erlaubt ist, aber nicht kontrolliert wird. Erst bei der Rückkehr wird sie kontrolliert werden, und sie will sehen, was man macht mit ihr. Es stellt sich heraus, man macht gar nichts, lässt sie kommentarlos passieren.

Ich ging mit ihr, und dieses Mal stellten sich die Leute vor dem Drehkreuz an. Wann geschieht das eine, was das andere? Liegt es an Einzelnen, die sich so oder anders verhalten, die anderen beeinflussen?

Auf der anderen, also "meiner" Seite hatten wir einen Moment gestanden und auf einem Mäuerchen gesessen, umwirbelt vom Staub der Baustelle, die dieser Checkpoint auch ist. Roni hatte einzelne Autofahrer befragt nach Wohnorten, Routen, Erlaubnisscheinen etc., um herauszukriegen, was der Stand der Dinge ist. Gibt es keine offiziellen Ankündigungen, wenn sich etwas ändert? Nein, gar nichts gibt es. Es werden an einem Punkt wie hier vielleicht mal Informationsblätter einfach auf den Boden gelegt, die Hälfte fliegt weg, wer eines kriegt, kriegt eines. Dann muss es sich herumsprechen.

Ein kleiner Junge war auf uns zugekommen. Er hatte zwei in Plastik eingeschweißte Fläschchen bei sich. Nicht zu erkennen, was es ist. Er wollte sie für zehn Schekel verkaufen, etwa ein Euro achzig. Ich gab ihm Geld, ohne das Ding zu nehmen, er weigerte drängte es mir auf, ein Autoparfüm, man hängt es an den Rückspiegel, vermutlich ein elend süßes Zeug. Und ich habe gar kein Auto. Sein Gesicht voller Verachtung, als ich es nicht nehmen will und ihm das Geld so geben.

Der Junge kommt vermutlich aus dem Flüchtlingslager nebenan, sagte Roni. Viele machen es, wir kennen sie oft schon. Die Eltern schicken sie raus zum Verdienen. Sie zeigte auf eine rote, auf eine Wand gemalte Blume.
Die waren am Anfang überall an den Eingängen, daneben der Spruch: The Hope For Us All. Als wir ihn das erste mal gesehen haben, sagten wir einem der Soldaten, das könne in diesem Zusammenhang an einen anderen Spruch erinnern, der über dem Eingang zu Auschwitz stand. Er hat uns verklagt und behauptet, wir hätten ihn Nazi genannt. Es gab ein großes Theater. Dann hat auch noch eine andere Gruppe, also nicht Machsom-Watch, mit einer Schablone über diesen Spruch wirklich "Arbeit macht frei" gesprüht, in der berühmten Schriftwelle. Aber das ist nicht unser Stil.

Sie hat auf die Mauerteile gezeigt, die auch hier aufeinander zuwachsen, auf die Kontrollhäuschen für die Autoschlangen und gesagt: Auch die Berliner Mauer ist gefallen.

Unsere Assoziationen Teil dieser surrealen, gespenstischen Szenerie. Zwei Störche in der Luft. Meine ersten in diesem Jahr.