
Im Internetmagazin
Česká pozice der Zeitung
Lidové noviny ist nach dem
Anschlag auf Charlie Hebdo eine Diskussion unter tschechischen Intellektuellen entbrannt. Der bekannte Prager Priester und Philosoph
Tomáš Halík hatte sich zu der Aussage "Ich bin
nicht Charlie" bekannt und dies unter anderem
so begründet: "Was mir Unbehagen bereitet, ist der Versuch, die unglücklichen Opfer aus der Redaktion der Satirezeitung zu Helden und Symbolen unserer Kultur zu stilisieren. (…) Als ich die "Karikaturen" in Charlie Hebdo gesehen habe, die stark an die herabwürdigende Darstellung von Juden in der antisemitischen Presse erinnern, habe ich sie nicht nur als Verletzung heiliger Symbole sowohl des Islam als auch des Christentums wahrgenommen, sondern auch als Verstoß gegen einen Grundwert unserer Kultur, nämlich
den Respekt gegenüber dem Nächsten - ein Wert, der nicht geringer ist als die Pressefreiheit."
Augenblicklich
erhielt Halík Gegenwind, unter anderem von dem Diplomaten und Autor
Michael Žantovský. Er wirft Halík Arroganz vor und fragt, wer berechtigt sei, die
Maßstäbe des Geschmacks festzulegen: "
Pussy Riot ist mir zuwider, die Karikaturen des islamischen Propheten, christlicher Heiliger und bärtiger Rabiner finde ich oft nicht besonders lustig und manchmal allzu spitz. Doch sie gehören zu "unserer" Kultur ebenso wie die dümmlichen Fernsehshows und die schlüpfrigen Abenteuer infantiler Promis, die heutzutage die Medien füllen. Nichts davon ist Grund dafür, jemanden aus "unserer" Kultur auszuschließen oder gar zu ermorden."
Petr Pithart, ehemaliger Unterzeichner der Charta 77,
springt wiederum Halík bei: "Ich verstehe Tomáš Halík so, dass er sich zu den immer seltener gehörten
inneren Stimmen des Skrupels, der Hemmungen und Tabus bekennt. (…) Dass solche Stimmen weniger werden, ist das wirklich ein Fortschritt? Bedeutet das größere Freiheit? (…) Ich glaube es nicht."
Der Schriftsteller
Pavel Kohout findet versöhnliche Worte: Halík "hat den Mord an den Pariser Zeichnern entschieden verurteilt und gleichzeitig keinen Hehl daraus gemacht, dass er
ihre Ästhetik nicht teilt, was doch seine Solidarität mit ihnen nur vergrößert!" Er erinnert ihn an den Dichter
Jaroslav Seifert, der in der Hochzeit der Husákschen "Normalisierung" persönlich für die Undergroundband
Plastic People of the Universe in die Bresche sprang, obwohl ihr Schaffen ihm völlig fremd war. "Es ist inkonsequent, wenn nicht heuchlerisch, die absolute Meinungsfreiheit dadurch zu verteidigen, dass man sie einem anderen verweigert, nur weil er nicht unisono, sondern im Kontrapunkt singt. Ich denke, in dieser Hinsicht bin ich sowohl Charlie als auch Seifert und Halík."