Magazinrundschau - Archiv

Ceska pozice

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Magazinrundschau vom 03.03.2015 - Ceska pozice

Bronislav Ostřanský macht eine Entdeckung: Das Buch des tschechischen Orientalistik-Professors Alois Musils (1868-1944) "Ze světa islámu" (Aus der Welt des Islam) sollte ursprünglich während des deutschen Protektorats erscheinen und ist nun nach 70 Jahren erstmals publiziert worden. "Den Orient zu erforschen war für ihn ein Weg, sich seiner selbst bewusst zu werden und der Provinzialität zu entfliehen. (…) Musil war nicht nur Orientalist, sondern auch Priester. Seine Erforschung und Bewertung des Islam lässt sich so auch im Zusammenhang mit den heutigen Bemühungen um den Dialog der Religionen sehen beziehungsweise mit den oft skeptischen Fragen, ob so ein Dialog überhaupt möglich sei. Musils Fazit mag überraschen: (…) Der Islam ist für ihn Teil derselben Zivilisationssphäre wie das Christentum. (…) "Wir sehen den Islam als orientalisches Bekenntnis, und doch ist er in Wirklichkeit der östliche Ausläufer der europäischen Bildung und Kultur". Musil erkennt mehr Gemeinsames und Verbindendes denn Unterschiede. Viele Jahrzehnte bevor Kulturanthropologen zu fragen begannen, wie viele "Islame" bzw. islamische Kulturen es gebe, untersuchte Alois Musil die verschiedenen Wege und Regionen des Islam - von den arabischen Wüsten bis hin zu den Gärten Persiens."

Magazinrundschau vom 27.01.2015 - Ceska pozice

Im Internetmagazin Česká pozice der Zeitung Lidové noviny ist nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo eine Diskussion unter tschechischen Intellektuellen entbrannt. Der bekannte Prager Priester und Philosoph Tomáš Halík hatte sich zu der Aussage "Ich bin nicht Charlie" bekannt und dies unter anderem so begründet: "Was mir Unbehagen bereitet, ist der Versuch, die unglücklichen Opfer aus der Redaktion der Satirezeitung zu Helden und Symbolen unserer Kultur zu stilisieren. (…) Als ich die "Karikaturen" in Charlie Hebdo gesehen habe, die stark an die herabwürdigende Darstellung von Juden in der antisemitischen Presse erinnern, habe ich sie nicht nur als Verletzung heiliger Symbole sowohl des Islam als auch des Christentums wahrgenommen, sondern auch als Verstoß gegen einen Grundwert unserer Kultur, nämlich den Respekt gegenüber dem Nächsten - ein Wert, der nicht geringer ist als die Pressefreiheit."

Augenblicklich erhielt Halík Gegenwind, unter anderem von dem Diplomaten und Autor Michael Žantovský. Er wirft Halík Arroganz vor und fragt, wer berechtigt sei, die Maßstäbe des Geschmacks festzulegen: "Pussy Riot ist mir zuwider, die Karikaturen des islamischen Propheten, christlicher Heiliger und bärtiger Rabiner finde ich oft nicht besonders lustig und manchmal allzu spitz. Doch sie gehören zu "unserer" Kultur ebenso wie die dümmlichen Fernsehshows und die schlüpfrigen Abenteuer infantiler Promis, die heutzutage die Medien füllen. Nichts davon ist Grund dafür, jemanden aus "unserer" Kultur auszuschließen oder gar zu ermorden."

Petr Pithart, ehemaliger Unterzeichner der Charta 77, springt wiederum Halík bei: "Ich verstehe Tomáš Halík so, dass er sich zu den immer seltener gehörten inneren Stimmen des Skrupels, der Hemmungen und Tabus bekennt. (…) Dass solche Stimmen weniger werden, ist das wirklich ein Fortschritt? Bedeutet das größere Freiheit? (…) Ich glaube es nicht."

Der Schriftsteller Pavel Kohout findet versöhnliche Worte: Halík "hat den Mord an den Pariser Zeichnern entschieden verurteilt und gleichzeitig keinen Hehl daraus gemacht, dass er ihre Ästhetik nicht teilt, was doch seine Solidarität mit ihnen nur vergrößert!" Er erinnert ihn an den Dichter Jaroslav Seifert, der in der Hochzeit der Husákschen "Normalisierung" persönlich für die Undergroundband Plastic People of the Universe in die Bresche sprang, obwohl ihr Schaffen ihm völlig fremd war. "Es ist inkonsequent, wenn nicht heuchlerisch, die absolute Meinungsfreiheit dadurch zu verteidigen, dass man sie einem anderen verweigert, nur weil er nicht unisono, sondern im Kontrapunkt singt. Ich denke, in dieser Hinsicht bin ich sowohl Charlie als auch Seifert und Halík."