Hedwig bringt's

Was die Zeitungen über Harry Potter schreiben

Von Ute Thon
08.07.2000. Der vierte Band von Harry Potter ist auf Englisch erschienen. Buchhandlungen von New York bis Anchorage haben sich seit Monaten generalstabsmäßig für die Stunde Null gerüstet. Die Kritiker haben Nachtschicht eingelegt.
New York, 10.7.2000 Die ausführlichste Nacherzählung liefert Robert McCrum im Guardian. "Dies ist Geschichtenerzählen von hohen Graden", erzählt er und skizziert dann den Anfang des Buchs. "Der Roman beginnt mit einem schrecklichen Traum Harrys, in dem sein alter Erzfeind Lord Voldemort erscheint. Harry weiß, dass er diesen Traum ernst nehmen muss, weil ihm die Narbe auf seiner Stirn schrecklich weh tut. Darum nimmt er Kontakt mit seinem mysteriösen Paten Sirius Black auf."

Die Times von heute zitiert Kinder, die das Buch bereits gelesen haben: "Meine Lieblingsszene", erzählt James Goodson (12), "ist die, wo Moody, der neue furchterregende Lehrer für Verteidigung gegen dunkle Künste, eine Spinne durch Zauberei tötet. Das ist anders als alles andere bisher - bisher wurde noch nicht wirklich getötet."

Jane Maslin annonciert in ihrer ausführlichen Kritik in der heutigen New York Times schlicht, dass Harry Potter "für künftige Generationen ein Klassiker sein wird".




Harry Potter in Deutschland, in England/USA, in Italien, in Frankreich, in Island.

Beim MP3lit.com kann man bereits ein Kapitel aus dem neuen Harry-Potter-Buch von Jim Dale gelesen hören: die Aufnahme der Erstklässler in Hogwarts. Weitere Links zu Harry Potter

New York, 9.7.00 Die erste Kritik kam von Associated Press am Samstagnachmittag. Deepti Hajela hatte das Buch über Nacht lesen und gleich schreiben müssen: "Leser werden erzählen, dass dies von der ersten Seite an eine andere, dunklere Geschichte von Harry Potter ist. Vielleicht sollte man über die 'Harry Potter ist ein Kinderbuch'-Theorie noch einmal neu nachdenken. Wer es einem acht- oder neunjähriges Kind vor dem Schlafengehen gibt, garantiert ihm nicht unbedingt ungestörten Schlaf."

Auch Malcolm Jones von Newsweek hat den vierten Band schon gelesen: "Das höchste Kompliment, das ich 'Harry Potter und dem Feuerkelch' machen kann, ist, dass ich von Anfang bis Ende aufbleiben wollte, die ganze Nacht lang, so lange bis ich es zu Ende gelesen hatte. Rowling ist mit jedem Buch besser geworden, und dieses Mal greifen die Geschnisse so ineinander, dass die Geschichte gar nicht geschrieben scheint, sondern sich wie von selbst entfaltet."

Roland White verrät in der Sunday Times schon einiges von dem, was im vierten Band geschieht: "Es gibt Hooliganismus bei der Quidditsch-Weltmeisterschaft. Harry findet, dass ein Zauberer mit Ohrring und Pferdeschwanz cool aussieht, und Hermine beginnt, sich für die Rechte ausgebeuteter Elfen zu interessieren. Harry fängt auch an, Mädchen nachzuschauen... Es gibt auch einen Kuss, wie gerüchteweise bereits verlautete, aber nur auf den Nacken. Und auch einen Tod, wie die Gerüchte ebenfalls schon erzählten, aber es würde wohl die Spannung ruinieren, wenn man sagen würde, dass hier stark übertrieben wurde.

Der Independent on Sunday hat ein neunjähriges Mädchen, Isabel O'Hagan, über das Buch schreiben lassen: "Ich habe bis jetzt acht Kapitel gelesen, aber heute Nachmittag musste ich aufhören, weil meine Freundin eine Party gibt. Es ist genauso gut wie die anderen Bücher. Das einzige ist, dass es sehr lange dauert, bis die Geschichte in Hogwarts landet, wegen der Quidditsch-Meisterschaft."

Fetter als Moby Dick: Der neue Harry Potter

New York, 8.7.00 Heute ist der magische Tag. Tausende von Boten werden heute in den USA unterwegs sein, um ein Buch zuzustellen. Journalisten schieben Nachtdienst, um es zu lesen. Buchhandlungen von New York bis Anchorage haben sich seit Monaten generalstabsmäßig für die Stunde Null gerüstet. Tausende von US-Familien haben den Tag rot im Kalender markiert. Urlaubspläne wurden koordiniert, Reisetermine verschoben. Für die letzten Unwissenden kreisten am Wochenende Flugzeuge mit riesigen Bannern im Schlepptau über die Strände von Long Island, Hilton Head und Los Angeles, auf denen stand in riesigen Lettern "'Harry Potter and the Goblet of Fire'. Read it Now!"

"Harry Potter and the Goblet of Fire - Harry Potter und der Feuerkelch" - so heißt das vierte Buch der schottischen Kinderbuchautorin Joanne K. Rowling, das seit zwei Stunden auf dem englischsprachigen Markt ist (in Deutschland erscheint es im Oktober) - und schon vor Erscheinen alle Verlagsrekorde gebrochen hat. Die Startauflage für die USA allein liegt bei 3,8 Millionen Exemplaren - die höchste Erstauflage in der Buchhandelsgeschichte. Bei Amazon.com führt das Buch mit rund 300.000 Vorbestellungen bereits jetzt die Liste der meistverkauften Bücher.

"Das größte Massenphänomen aus England seit den Beatles" schreibt die New York Times, die der Pottermanie einen Artikel auf Seite Eins und etliche Kommentare widmete. Das Time-Magazin machte Harry Potter zur Titelgeschichte, CNN berichtete über Proteste besorgter Eltern, denen die britischen Kindergeschichten zu morbid erscheinen. Und die Los Angeles Times, die auf ihrer Internetadresse gestern mit 16 Artikeln zu Harry Potter aufwartete, lobte die Hollywood-gerechte Marketingstrategie.

Alle vorangegangenen Harry-Potter-Bände, "Harry Potter und der Stein der Weisen", "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" und "Harry Potter und der Gefangene von Azkaban", landeten innerhalb kürzester Zeit auf den Bestseller-Listen diesseits und jenseits des Atlantiks, und zwar unter Belletristik und nicht als Jugendbuch, und wurden bereits in 35 Sprachen übersetzt. In New York führten kürzlich sogar alle drei Titel gleichzeitig die Hardcover- und Paperbacklisten, ein Fakt, der Buchhändler und Literaturredakteure so irritierte, dass die Times jetzt eine extra Hitliste für bestverkaufte Kinderbücher einrichten wird, um die verkaufsfördernde Belletristik-Rangliste von der Potter-Verstopfung zu befreien.

In England berichten heute u.a. der Daily Express und der Guardian über den Ansturm.
Noch nie wurde ein Buchtitel, geschweige denn ein Kinderbuch, mit soviel Publicity-Wirbel und minutiösem Timing ins kollektive Bewusstsein gestanzt. Der 8. Juli, genau eine Woche nach Beginn der Schulferien in den USA, stand als Erscheinungsdatum schon seit Monaten fest und wurde in vielen Buchhandlungen wie der Countdown zur Mondlandung zelebriert.

Die US-Megastores, obwohl an Megasales a la Stephen King oder John Grisham gewöhnt, rechnen mit Riesenumsätzen. Auch viele kleinere, unabhängige Buchläden haben ihre Geschäfte bis nach Mitternacht geöffnet. Seit heute nacht, eine Minute nach 12, steht das Buch zum Verkauf - und Tausende in der Warteschlange. In Fort Thomas, Kentucky, begrüssen die Angestellten des Blue Marble Bookshops ihre Kunden in Hexenkostümen, die Barnes & Noble-Filiale in der 86. Strasse auf New Yorks Upper East Side plant eine nächtliche Kinderparty mit Süßigkeiten für die aufgedrehten Kiddies und Kaffee für die Erwachsenen.

Verkaufszahlen und Leserumfragen belegen, dass Rowlings zauberhafte Abenteuergeschichten nicht nur unter Jugendlichen eine beliebte Lektüre ist. Im Newsweek-Interview von dieser Woche sagt die schottische Autorin, eine alleinerziehende Mutter, die laut Klappentext das erste Potter-Buch als Sozialhilfeempfängerin auf Papierfetzen in einem Edinburgher Cafe verfasste, dass sie beim Schreiben nie bewusst ein Kinderpublikum im Auge gehabt hätte.

Ihr Stil ist schlicht, aber nicht schluderig, mit liebevollen Charakterzeichnungen und gewürzt mit einer guten Prise britischen Humors. Kritiker vergleichen ihre phantastischen Erzählungen mit Tolkiens "Herr der Ringe" und Lewis Carrols "Alice im Wunderland", zwei anderen Jugendbuchklassikern, die das Crossover in den Erwachsenenmarkt geschafft haben. Andere sehen in der Geschichte des jungen Zauberlehrlings, der die Mächte des Guten beherrschen und die dunklen Kräfte besiegen muss, Parallelen zu "Star Wars" und Luke Skywalker. Selbst die New York Review of Books brachte eine lange Rezension der Potter-Bücher von Alison Lurie.

Die überwältigende Vermarktungsmaschine turnt denn auch manche Kritiker ab, die sich ansonsten über die Tatsache, dass US-Kids im Zeitalter von Playstation und Pokemon wieder die simplen Freuden eines gedruckten Buches entdecken, freuen würden. In South Carolina, Georgia und Minnesota protestierten Eltern und Schulräte gegen die Verwendung der Potter-Stories im Unterricht. Die aufgebrachten Erzieher sorgen sich angesichts des medialen Overkills von düsteren Hexengeschichten um das Seelenheil ihrer Schutzbefohlenen.

Times-Kolumnistin Gail Collins stört sich dagegen vor allem an der Länge des neuen Potter-Schmökers, mit 752 Seiten immerhin umfangreicher als "Moby Dick" oder "Die Brüder Karamazow" und doppelt so lang wie die vorangegangenen Harry-Potter-Bücher. Sie vermutet, dass ihr Lektor, jetzt wo Rowling eine berühmter Star ist, sich nicht mehr traut zu kürzen. "Die ersten drei Harry-Romane lehrten Kinder die Freude am Lesen", schreibt Collins. "Das neue mag ihnen eine wichtige Erwachsenentugend beibringen, nämlich das Herumschleppen fetter, trendiger Literaturbände, damit sie behaupten können, 'ich habe gerade damit angefangen', wann immer das Thema aufkommt."

Ute Thon, New York 8.7.00, 2.00 Uhr