Essenzen

Dieses üppige florale Herz

Die Duftkolumne. Von Claus Brunner
21.04.2020. Das Paris der Siebziger hatte einen ganz eigenen Duft. Rose und Patschuli gehörten unbedingt dazu. Olivier Pescheux' neues Parfum "Eau Capitale" versucht sogar den Duft des inzwischen verbotenen Eichenmooses zu retten. Nur ein wenig sittsamer als in den Siebzigern. Der Auftakt unserer neuen Parfum-Kolumne "Essenzen":
Foto: Claus Brunner
Aktuell scheint es bei den sogenannten Nischenparfums ein Bedürfnis nach Nabelschau zu geben: "French Affair", "Le Chant de Camargue", "Brittany Breeze", "L'Air des Alpes Suisses" oder "Eau Capitale". Duftende Huldigungen an bestimmte, begrenzte Territorien, und von diesen inspiriert, während im Mainstream weiterhin den ultimativen, in allen Winkeln dieser Welt gleichermaßen funktionierenden Formeln nachgejagt wird - mit zumeist recht konturlosen Resultaten. Der kleinste gemeinsame Nenner als natürlicher Feind der Charakteristik.

Um sich von dieser olfaktorischen Ödnis abzusetzen, wird im Duftbereich nun also die Region gefeiert, ein bestimmter Ort, oder auch ein ganzes Land. Häufig begleitet von einem wehmütigen Blick zurück, als in Grasse noch der Jasmin blühte, sich in der Provence die Lavendelfelder erstreckten, und in Paris berühmte Duftlegenden kreiert wurden. 

Ein Jahrzehnt gerät dabei besonders gerne in den Fokus, die Siebziger. Jene vom Aufbruch der 68er Revolte und der Aids-Zäsur gerahmte Dekade, in der das kreative Potenzial aller Kultur-Bereiche regelrecht entfesselt schien. Diptyque, ein kleiner 1961 gegründeter Pariser Parfumhersteller, hat nun mit "Eau Capitale" eine solche Duft-Ode an das Paris der Siebziger, und nebenbei sein erstes Chypre herausgebracht.

Moment, Chypre? Hat nicht vor wenigen Jahren dieser Duftgattung mit ihren so  typischen bitter-moosigen, tintenartigen, dabei warmen Facetten das letzte Stündlein geschlagen, als einer seiner Hauptakteure, enttarnt als allergener Schurke, mit roter Karte vom Platz flog?

Doch, hat es.

Eichen- beziehungsweise Baummoos ist nicht mehr. In der EU verboten. Ein neues gibt es zwar, allergenfrei, aber als Fixativ nicht mehr zu gebrauchen und auch die vielen synthetischen Ersatzstoffe überzeugten bisher nur halbwegs. Daher versuchen Parfümeure wie Olivier Pescheux, die "Nase" hinter "Eau Capitale", nun andere, Eichenmoos-freie Wege zu gehen, um das beliebte Genre, modifiziert zwar, aber immerhin, am Leben zu erhalten.

Patschuli, von jeher Co-Buddy in Sachen Chypre und mit ähnlichem Duftspektrum, besetzt nun die Leerstelle des fehlenden Mooses gleich mit. Durch fraktionierte Destillation werden dem Rohstoff jene modrig-erdigen Nuancen entnommen, die einst die berüchtigten Hippie-Patschulis auszeichneten. Übrig bleibt ein dunkles, feucht-holziges Aroma, das zwar nicht identisch duftet, den inkriminierten Moosen aber recht nahe kommt.

Eine gleich nach dem Aufsprühen mächtig erblühende, samtige Rose ist der zweite Hauptakteur des Duftes, akzentuiert von etwas bitterschaliger Bergamotte und der fruchtig-frischen Schärfe des rosa Pfeffers. Bis in die Tiefen des warmen Fonds und in den langen Ausklang hinein reicht der Widerhall dieses üppigen floralen Herzens.

Rose und Patschuli. Vor knapp fünfzig Jahren tatsächlich eine sehr beliebte Kombination, für die bis heute zum Beispiel "Aromatics Elixir" und dessen männliches Pendant "Aramis 900" stehen. Umfangreicher orchestrierte Werke zwar, aber in ihrer Grundstruktur recht ähnlich.

Auch an einen neueren, allseits heftig beklatschten Duft erinnert mich "Eau Capitale", an Frédéric Malles "Portrait of a Lady". Dessen Opulenz erreicht der Diptyque-Duft zwar nicht, bleibt dafür aber heller, schlanker und heiterer.

Obwohl als Huldigung an die bunte und patschulisatte Flower-Power-Zeit in der Kapitale Paris gedacht, bedient er sich doch einer modernen Duftsprache, die sich durch Transparenz, Minimalismus und sparsame Verwendung animalischer Beimischungen auszeichnet. War man früher nicht gar so zimperlich was raumfüllende Präsenz und Verwendung tierischer Sekrete betraf, ist man es heute durchaus.

Nein, "Eau Capitale" führt uns nicht in eine vordeodorierte Zeit zurück, wagt keinen Flirt mit körperlichen Ausdünstungen, welcher Art auch immer, sondern bleibt ganz im Hier und Jetzt, will heißen: sittsam. Das mag vielleicht weniger aufregend sein, macht den Duft aber auch tragbarer.

Getreu einem Diptyque-Grundsatz ist er für alle Geschlechter geeignet. Lust auf eine satte, dichte Rose sollte man allerdings mitbringen.

Die habe ich, sehr sogar!

Claus Brunner