Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2026 - Musik

"Fulminant" ist das bereits 2019 entstandene, aber erst jetzt veröffentlichte gemeinsame Album der deutschen Elektro-Frickler Mouse on Mars mit dem 2021 verstorbenen Dub-Meister Lee "Scratch" Perry, schwämt Lars Fleischmann in der taz. "Hyperaktiv fliegen Soundeffektkometen, Synthiewolken und stotterndes Gefleusch durch die Songkulisse. ... Perry selbst bleibt da nur das textliche Mäandern. Zwischen Rastafari-Anbetung und Dada-Cut-up beschreibt es eine metaphorische Weltreise: New York, London, Babylon, Berlin. Perry singt die eigenen Harmonien hoch, croont, rappt und hosiannat virtuos. ... Typisch für das Duo Mouse On Mouse unterlaufen die Stücke Erwartungen, der Sound morpht mit viel elektronischer Magie zu vielgesichtigen Hybriden, die sich vom großen Tisch der Musikgeschichte zwischen hawaiianischer Folklore und Techno bedienen." Dazu passend bespricht Julian Weber in der taz einen Band mit Fotos aus Perrys legendärem Black-Ark-Studio. Mehr zum Album bereits hier.



Vítězslava Kaprálovás rare "Suita rustica", nun von den Berliner Philharmonikern unter Jakub Hrůša gespielt, ist "eine Entdeckung", schreibt Ulrich Amling im Tagesspiegel. Die Komponistin war 1940 im Alter von gerade einmal 25 Jahren auf der Flucht vor den Nazis gestorben. "Ihr Fünfzehnminüter rettet Witz und Gefühlstiefe durch die Düsternis. Die Komponistin versöhnt die Moderne, mit der sie als Strawinsky-Verehrerin und Martinů-Schülerin bestens vertraut war, mit einer spukhaften Lust an Feenstaub. Hrůša rückt das in ein silbriges, fein durchhörbares Klangbild."

Weiteres: Michael Stallknecht (NZZ) und Jürgen König (in einer "Langen Nacht" von Dlf Kultur) erinnern an den vor zweihundert Jahren verstorbenen Komponisten Carl Maria von Weber. Yelizaveta Landenberger ärgert sich in ihrer taz-Kolumne über den in Versprechungen wie "Ferienkommunismus" allzu leichtfertigen Umgang des Berliner Umlandfestivals Fusion mit dem symbolischen Erbe der Sowjetunion. Besprochen werden der Livestream von Madonnas Konzert am New Yorker Times Square (Tsp), Paul McCartneys "The Boys Of Dungeon Lane" (FR) und das Album "Future Present Past" von Irreversible Entanglements (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2026 - Musik

Gerald Felber erinnert in der FAZ an den Komponisten Carl Maria von Weber, der vor zweihundert Jahren gestorben ist. Besprochen werden neue Veröffentlichungen von und über Prince (taz), eine Rachmaninow-CD des Pianisten Boris Giltburg (NZZ), ein Album der schweizerischen Sängerin Elina Duni (NZZ), ein Frankfurter Liederabend mit Dagmar Manzel (FR) und Zoh Ambas Album "Eyes Full" ("mit dengelnder Stimme über schrammeligen Gitarrenakkorden singt Zoh Amba von verlorenen Jahren und Quacksalberei", schreibt Stephanie Grimm in der taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2026 - Musik

Sehr dankbar nimmt VAN-Kritiker Albrecht Selge das Angebot des auf den Nachwuchs der Musikhochschulen spezialisierten Berliner Festivals Crescendo in Anspruch, selten gespielte Stücke live zu erleben - darunter "Farben der Frühe", eine  Arbeit von Mathias Spahlinger aus dem Jahr 2005 für sieben Klaviere. Dabei erklingen "zwar weniger als die 11.000 Saiten von Georg Friedrich Haas, aber hier vergehen einem Hören und Sehen ohnehin ganz anders als im haasschen Mikrotonrausch. Denn bei Spahlinger sind die sieben Flügel klassisch gestimmt und werden praeter propter traditionell gespielt, getastet und geschlagen. Das vierzigminütige Klangergebnis ist gleichwohl extrem" und lässt einen "von einer rauschhaften Erfahrung erfasst werden, bald erschlagener Weise, bald selig davongetragen. Hier Klangballungen, dort 'gleiche Töne', die ganz verschieden seitwärts durch den Fächerflügel schwirren; ein immergleiches, immer verschiedenes Des ist es, das im zentralen dritten Satz nicht etwa monoton einlullt, sondern im Gegenteil in radikaler Konzentration Ohrwelten öffnet."

Weitere Artikel: Hartmut Welscher spricht für VAN mit dem Geiger Augustin Hadelich, der nach ersten Jahren als "Wunderkind" im deutschen Klassikbetrieb in die USA migrieren musste, um Karriere zu machen, nur um jetzt auch von europäischen Konzerthäusern als Talent entdeckt zu werden. Olga Prykhodko stöbert für VAN in den Archiven nach Arbeiten von Maksym Berezowsky, die erst um 2000 herum dort wiederentdeckt wurden. Merle Krafeld spricht für VAN mit der Dirigentin Romely Pfund, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Martin Rempe blickt für VAN zurück auf zwanzig Jahre Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, das sich hier online nutzen lässt und von dem Rempe sich wünscht, dass es künftig mit einem KI-Chatbot insbesondere für interessierte Laien noch nutzbarer gemacht werde. In der NZZ gratuliert Christian Wildhagen Cecilia Bartoli zum sechzigsten Geburtstag. Besprochen wird eine Netflix-Doku über Kylie Minogue (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2026 - Musik

In der SZ schwärmt Johanna Adorján von der jungen Popmusikerin Sofia Isella, die ihr vornehmlich weibliches Publikum dazu animiert, hässlich zu sein, und in ihren Songs "von enttäuschten Erwartungen" singt, "was die geistige Tiefe von vielen Männern angeht". Auf der Bühne entwickelt sie eine schlagende Präsenz: "Kommt gleich mal Wasser aus einer Plastikflasche verschleudernd auf die Bühne. Post auf Knien mit der Geige, als spiele sie Rockgitarre. Lässt ihre Haare nach vorn und hinten fliegen wie in Ultrazeitlupe. Lutscht einen Lolli so, dass es aussieht, als hinge ihr eine Zigarette im Mundwinkel. Trägt zwischendurch Cowboyhut. Zieht einmal ihr schlammfarbiges Riesen-T-Shirt aus und offenbart darunter ein korsett-artiges Unterhemd. Hält den Mikrofonständer quer über die Schultern wie einst James Dean sein Gewehr im Film 'Giganten'. Streckt immer wieder ihre langen Arme in Richtung Publikum, rauft sich expressiv die Haare, greift sich mit beiden Händen um ihr Gesicht."



Weiteres: Helmut Mauró porträtiert in der SZ den jungen Pianisten Alexander Malofeev. Besprochen wird Momoko Gills Debütalbum (FR).
Stichwörter: Isella, Sofia

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2026 - Musik

Jan Brachmann berichtet in der FAZ von den Musikfestspielen in Bergen. Niels Bossert porträtiert in der NZZ die Schweizer Popsängerin To AthenaGood Music präsentiert einen Blumenstrauß an neuen Musikvideos.

Besprochen werden neue Musikveröffentlichungen, darunter Guido Spannocchis Jazzalbum "Kammermusik" ("Spannocchi hat seine Musik farbenschillernd eingekleidet, vereint Kontrabass, Cello, Vibrafon und Saxofon zu hübschen Arrangements", schreibt Christian Schachinger im Standard). Ein kleiner Einblick:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2026 - Musik

Soll, ja darf man überhaupt Teodor Currentzis applaudieren? Beim Konzert von Currentzis' Utopia Orchestra in Zürich stellte sich niemand im Saal diese Frage, notiert Christian Wildhagen in der NZZ: Der griechisch-russische Dirigent, der seit 2022 für sein Schweigen zu Putins Krieg in der Ukraine schwer kritisiert wird, wurde vom Publikum frenetisch gefeiert. "Rein künstlerisch betrachtet, erscheint der Jubel nach der Aufführung des Violinkonzerts von Alban Berg mit der norwegischen Geigerin Vilde Frang aber auch berechtigt. Genau dies ist die Ambiguität, die man als kritischer Zeitgenosse bei Currentzis-Konzerten im Zweifel aushalten muss." Doch "in der nachfolgenden 1. Sinfonie von Gustav Mahler (...) zeigen sich allerdings auch die fragwürdigen Seiten des Dirigenten. Wieder wird hier jedes Detail mit flamboyanter Dringlichkeit gestaltet, die Intensität erinnert mehr als einmal an Leonard Bernstein. Doch wie etliche Interpreten während der Frühzeit der Mahler-Renaissance verzettelt sich Currentzis in diesen überreichen Partituren. ... Das Positive an dieser permanenten Übertreibung: Man bekommt eine Ahnung davon, was für ein ästhetischer Schock Mahlers Musik mit ihrem unbekümmerten Stilmix zwischen dem Erhabensten und dem Trivialen um 1900 gewesen sein muss." 

Im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann erklärt Florian Amort, Leiter der Händel-Festspiele in Halle, warum in diesem Jahr unter dem Schlagwort "Mannsbilder" Geschlechterrollen im Vordergrund des Festivals stehen: "Wir haben uns gefragt: Was bedeutet Männlichkeit in der Barockzeit? Das bedeutete damals, seine Gefühle zu kontrollieren und zu konditionieren, also seine Affekte nicht zu zeigen. Auf der anderen Seite aber gibt es die Welt der Oper, die von Affekten geradezu geladen ist. Ein mentaler Widerspruch. Die Männerbilder, die uns Händel präsentiert, sind sämtlich wandelbar. Männer werden verführt, sind rein, müssen sich aber beweisen, sind schlecht und müssen gut werden. Was die Handlung vorantreibt, ist immer wieder das gerade nicht regelkonforme Verhalten von Männern, ihre Un-Höflichkeit, die Missachtung von Moral und gesellschaftlichem Anstand."

Besprochen werden Metallicas Berliner Konzert ("So viel Energie, so viel Metall, so viel Schönheit", jubelt Gerrit Bartels im Tagesspiegel), ein Konzert der Mighty Oaks mit dem HR-Sinfonieorchester in Frankfurt (FR), ein Konzert des Rappers Flo Rida in Wien (Standard) und Christof Lauers Album "Odyssea Sonorum" (FR). Wir hören rein: 

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2026 - Musik

Unter viel öffentlichkeitswirksamem Tamtam bringen die Toten Hosen ihr angeblich letztes Studioalbum "Trink aus, wir müssen gehen" auf den Markt. Die Alben der Hosen bilden längst den Soundtrack der Bundesrepublik der letzten knapp 45 Jahre, schreibt Dennis Sand in der Welt. Und "auch dieses Album erzählt etwas über Deutschland. Es lebt noch immer vom Sound der großen Tage, von Erinnerungen, die zuverlässig wärmen, und Melodien, die längst zum Inventar der Republik gehören. Doch wie das Land selbst wirkt die Band inzwischen weniger auf der Suche nach dem Neuen als mit der Verwaltung des Bekannten beschäftigt. Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem. Nicht, dass dieses Album schlecht wäre. Nein, dass ausgerechnet eine Band, die einst von Aufbruch, Risiko und Kontrollverlust lebte, ihren Abschied mit einem Werk gestaltet, das vor allem nach Verlässlichkeit klingt. Die Toten Hosen verabschieden sich so, wie sie zuletzt waren, als ein fester Bestandteil des deutschen Kulturbetriebs. Souverän. Routiniert. Mit allen vertrauten Gesten."

Nikolai Ott kann der Platte in der FAZ mehr abgewinnen: "Viele Songs sind dem Rechtsruck der Gesellschaft gewidmet. Der Muff, gegen den die 'Opel-Gang' einst anschrieb, ist zurückgekehrt. In all dem wird klar, wie sehr sich die Toten Hosen mit der neuen Bundesrepublik arrangiert hatten. Der lange Marsch durch die musikalischen Institutionen hatte nicht nur viele Alben abgeworfen, sondern seinen Teil zur Liberalisierung der Bundesrepublik beigetragen. Jetzt werden nicht nur die Knie schwer, sondern einst erkämpfte Errungenschaften stehen wieder zur Disposition. Dass nicht nur für die Fans, sondern auch für die Band selbst ein melancholischer Schleier über allem schwebt, macht das neue Album deswegen so besonders."

Ärzte-Fans müssen übrigens eine Kröte schlucken: Das erste Lied auf dem Album wurde von Ärzte-Sänger Farin Urlaub getextet, komponiert und gesungen. 



Außerdem: Lena Kampf, Ralf Wiegand und Lea Weinmann berichten in der SZ von weiteren Frauen, mit denen Konstantin Wecker Affären gehabt haben soll, obwohl diese erst 17 Jahre alt waren. "Wie Magie erscheint", dass in Berlin tatsächlich und dann auch noch im Stadtzentrum neue Technoclubs - wie etwa das AMT in den Kellern unter den S-Bahnbögen beim Alexanderplatz - gegründet werden, schreibt Ruth Lang Fuentes in der taz. Joachim Göres liefert in der taz einen Überblick über die Jazzfestivals des Sommers. Robert Mießner stellt ebenfalls in der taz Festivals für "abenteuerliche Musik" vor.

Besprochen werden die Arte-Doku "Brian Jones und die Rolling Stones" (FD), das neue Album von Death Cab for Cutie (FAS) und Aldous Hardings Album "Train On The Island" (FR).

Stichwörter: Die Toten Hosen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.05.2026 - Musik

Shoko Kuroe findet es auf Backstage Classical zwar grundsätzlich löblich, dass die SWR-Reportage "Macht_Spiel: Missbraucht vom Maestro" Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt an Musikhochschulen aufdecken will, bemerkt aber kritisch an, dass der Film "selbst die zentralen Narrative der Klassikbranche reproduziert und fortführt". Dies nicht nur durch eine mitunter raunend-dunkle Bildsprache, sondern auch dadurch, dass ständig von "Genies" die Rede ist. "Ein Hochschulpräsident oder ein Lehrbeauftragter mag hervorragend, charismatisch und in seinem Umfeld mächtig sein. Warum werden sie aber automatisch zu Genies hochstilisiert, sobald sie übergriffig werden?" Auch "ist es befremdlich, dass die SWR-Investigativredaktion einen Film über den sexuellen Machtmissbrauch in der Klassik dreht, ohne die vergleichbaren Mechanismen der Einschüchterung und des Loyalitätsdrucks im eigenen Haus bezüglich des SWR Symphonieorchesters und des Chefdirigenten François-Xavier Roth auch nur zu erwähnen."

Die Feuilletons stürzen sich auf Paul McCartneys neues Album "The Boys of Dungeon Lane", auf dem der Ex-Beatle von seiner Kindheit und Jugend in Liverpool erzählt. Ein gediegenes Spätwerk für den Pantheon also? Leider nein, seufzt Jan Wiele in der FAZ. Das Material gäbe es wohl schon her, aber die Produktion von Andrew Watt mache einen Strich durch die Rechnung: "Die nämlich ist streckenweise eines jener Klangverbrechen, das man seit den frühen Achtzigerjahren Rockmusikern immer wieder angetan hat: indem man ihren Werken und Arrangements die Klarheit und die Kanten nahm, um dann allerlei Halleffekte, vor allem aber solche der Kompression darüberzulegen. ... McCartneys neue Songs klingen leider teils wie generische KI-Musik, auch wenn man das Handgemachte unter dem Produktionsschleier noch heraushören kann."

Auch Josef Wirnshofer fragt sich in der SZ, "ob der Sound wirklich so knitterfrei sein muss, wie er es streckenweise ist". Immerhin gelingt McCartney mit "Days We Left Behind" wahrscheinlich doch ein Klassiker, schreibt Christian Schachinger im Standard: "Damit die Ehrlichkeit auch gegenüber Legenden gewahrt wird: Diese Form kann McCartney mit Ausnahme eines Duetts mit Ringo Starr auf weiteren zwölf Songs nicht halten."



Kai Müller vom Tagesspiegel indessen hört lauter "kleine Pop-Wunder", und auch Georg Seeßlen ist auf Zeit Online total begeistert: "Es ist ein Beatles-Album, auch wenn es die Band natürlich schon lange nicht mehr gibt, die eine Hälfte der Mitglieder tot ist und die andere Hälfte über das Rentenalter hinaus. Paul McCartney hat ein Album geschaffen, das die Beatles bewahrt, sie in gewisser Weise sogar rekonstruiert, ihre (Vor-)Geschichte erzählt und zugleich doch Abschied nimmt. Auf eine höchst vitale und kein bisschen larmoyante Weise. Es gibt keinen anderen Musiker auf der Welt, der ein solches Kunststück hätte vollbringen können. 

Weitere Artikel: Ein Deal zwischen Universal Music und Spotify soll es Nutzern des Streamingdienstes künftig ermöglichen, gegen ein zusätzliches Entgelt via Künstlicher Intelligenz eigene Remixe von Stücken anfertigen zu können, meldet Kristoffer Cornils in der taz nicht ohne Skepsis. Harald Eggebrecht meldet in der SZ, dass die Macdonald-Viola von 1719 offenbar vor kurzem für den Rekordpreis von mehr als 23 Millionen Dollar von einem Verein für den Bratschisten Amihai Grosz, der bei den Berliner Philharmonikern spielt, angekauft worden sein soll.

Besprochen werden ein von Gregor Kessler herausgegebenes Buch über den Songtexter und Musiker Dan Treacy (taz), das neue Album der Berliner Indieband Kresse 3 (taz), die neue EP der Kölner Afropunkband Grenzkontrolle (taz), das neue Album von Hiss Golden Messenger (FR), ein Konzert des früheren Genesis-Gitarristen Steve Hackett in Frankfurt (FR), Metallicas Konzert in Zürich (NZZ) und das neue Soloalbum des Radiohead-Gitarristen Ed O'Brien ("eine wunderbare Platte", schwärmt Leon Frei in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2026 - Musik

In Berlin gab es zweimal Mahler zu hören, einmal mit den von Yannick Nézet-Séguin dirigierten Berliner Philharmonikern, einmal mit dem Konzerthausorchester, bei dem Joana Mallwitz am Pult stand. Bei Nézet-Séguin "sind wir doch ins Kosmische gewuppt, ob mit offenen oder geschlossenen Augen", schreibt Albrecht Selge auf VAN. Bei dem von Mallwitz verantworteten Abend war aber dann doch "durchweg eine spürbar höhere innere Spannung der Musik als in der bewundernden Philharmonie. Weil hier große Emotion statt Neigung zum Energieselbstzweck ist und weil Mallwitz weite Bögen herstellt, so dass Wendepunkte elektrisieren. Sorgfältige Orchesterstaffelung trägt ebenso dazu bei wie verantwortliches Wirtschaften mit Dezibel-Ausstoß. Hier gibt es erhebliche Bereiche des Unheimlichen, die Welt scheint ein Gestopftsein und Wirbeln, Überschwang entsteht ohne Lärmen. Das Finale, dieser sinistre Kehraus, ist von so unzuverlässiger Behaglichkeit, dass zuverlässige Unbehaglichkeit entsteht."

Das neue, gemeinsam mit Lee "Scratch" Perry entstandene Mouse-on-Mars-Album "Spatial, No Problem" wurde schon 2019 aufgenommen, erreicht aber jetzt erst die Öffentlichkeit. Standard-Kritiker Christian Schachinger ist von diesem buchstäblichen Joint Venture der Dub-Legende und der Berliner Elektro-Frickler absolut verzaubert: "Kraut ist nicht nur zum Essen, es ist auch zum Rauchen da. Das nennt man Synergie!" In den besten Stücken "rappelt es mit mächtig viel Bassgitarre, windschiefen Bläsersätzen, fächiger wie fitzelnder Hawaiigitarre, Perkussiongeklöppel, himmlischen Choreffekten, lustigen spacigen Sound-Gimmicks und natürlich diversen Hall- und Echoeffekten ordentlich in der Kiste. ... Eine Zirkusmusik ohne Raubtiere, dafür mit liebenswerten Kifferkönigen. Man höre nur die finale Himmelsfahrt 'State of Emergency'. Da marschiert die bayerische Trachtenmusik in den Blue Mountains von Jamaika ein."



Weitere Artikel: Joachim Hentschel (SZ) fühlt sich angesichts immer älterer und fragilerer Popstars auf den Bühnen zusehends "beklommen" und "würde allen Künstlerinnen und Künstlern gern empfehlen, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen". Wolfgang Schreiber ärgert sich in der SZ, dass der Berliner Senat die Mittel für das Projekt Musethica gestrichen hat, das in der Jugendstrafanstalt Plötzensee klassische Musik gespielt hat. Graziella Contratto spricht für VAN mit der Schriftstellerin und Historikerin Dana von Suffrin über die Musik ihrer Pubertät. Und Ekkehard Klemm erinnert auf VAN an Carl Maria von Weber, der vor zweihundert Jahren gestorben ist. Besprochen werden Paul McCartneys Album "The Boys of Dungeon Lane" (Welt) und ein Konzert der HR-Bigband zu Ehren von Miles Davis (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2026 - Musik

Die Feuilletons trauern um Jazzmeister Sonny Rollins, der im Alter von 95 Jahren gestorben ist. Mit ihm stirbt der letzte jener Großen, die den Jazz ab den Fünfzigern maßgeblich modernisiert haben. "In seiner Heimat Amerika war er so viel mehr als nur einer der größten Tenorsaxofonisten des Modern Jazz", würdigt ihn Andrian Kreye in der SZ. "Er war ein Suchender, für den sein Instrument und seine Musik oft nur ein Vehikel waren, um nach einer tieferen Wahrheit zu schürfen, sei sie politisch, spirituell oder ästhetisch. ... Sein Ton war rau und fordernd, ließ sich nicht auf die klare Ästhetik des Modern Jazz ein, in der die Kraftmeiereien der Swing-Ära keinen Platz mehr hatten." Er "befreit die Musik von allzu engen Fesseln", erzählt Tobi Müller auf ZeitOnline, doch anders als "Coltrane sprengt er nicht alle Grenzen. Rollins denkt selbst dann noch an die Harmonie im Hintergrund und das rhythmische Gerüst, wenn er beides bis kurz vor den Einsturz führt." Wie er und Don Cherry "den Rollins-Klassiker 'Oleo' über den Harmonien von George Gershwins 'I Got Rhythm' zerlegen: höchste Spannung, wobei Cherry die Akkordfolge früh verlässt, während Rollins sie noch lange abstrakt moduliert. Cherry: Revolution. Rollins: Reform. Beides geht gleichzeitig - ein Highlight der Jazzgeschichte, in dem sich scheinbar unversöhnliche Prinzipien ganz nahekommen."



Auch Wolfgang Sandner kommt in der FAZ auf das Verhältnis zwischen Coltrane und Rollins zu sprechen: "Wie Coltrane - schnell, virtuos, unaufhörlich intensiv - wollten alle, wie Rollins - überraschend, eckig, tänzerisch - konnte fast niemand spielen. Der kantige Rollins war eine unverwechselbare Stimme, ein Monolith des Bebop. ... Der selbstvergessene Coltrane trieb die Skalenbildung so weit, dass sich in seinen 'Sheets of Sound' die Restbestände funktionaler Harmonik buchstäblich in Luft auflösten. ... Bei Rollins werden dagegen die weitschweifigsten Soli aus kleinsten Fragmenten und Formeln, oft auch aus einem einzigen rhythmischen Kürzel zusammengesetzt", was "ebenso hochexpressiv wie eine jener monströsen Séancen von Coltrane" war. Von den beiden gibt es nur eine gemeinsame Aufnahme: 



Josef Engels erinnert in der Welt an ein spätes Konzert von 2008 in Berlin: "Ein blitzendes, schillerndes Neuronenfeuerwerk offenbarte sich da, das Gestalt in Rollins' kratzendem, knurrendem, kantigem Saxofonton annahm. Weitere Nachrufe schreiben Hans-Jürgen Linke (FR), Maxi Broecking (taz) und Ueli Bernays (NZZ).

Bei den 41. Tagen Alter Musik in Regensburg floh SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck vor den glühend heißen Temperaturen auf den Straßen in die kühlen Kirchen, wo ihm insbesondere beim Spiel der jüngeren Musiker schier die Augen übergingen vor Staunen: Diese "sind virtuos wie Callas und Horowitz, und alle pflegen die Zentraltugenden historischer Aufführungspraxis: Leichtigkeit, Witz, Eleganz, Rasanz, Tanzlust." Besonders hebt er Jermaine Sprosse und Bertrand Cuiller hervor. In der NMZ berichtet Juan Martin Koch.

Weitere Artikel: Elmar Krekeler spricht in der Welt mit Stefan Kelber von der Joseph-Schmidt-Musikschule in Berlin über die zusehends existenziell gefährdende Lage von Musikschulen. Manuel Brug resümiert in der Welt den Auftakt des Lucerne Festivals. Robert Mießner wirft für die taz einen Blick in die "im besten Sinne eklektische" Vinylsammlung des 2025 verstorbenen Stadtsoziologen Klaus Ronneberger, die vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni Berlin übernommen wurde.