Der EurovisionSongContest "gehört zu den wenigen Formaten, in denen Europa sich Jahr für Jahr als kulturelle Gemeinschaft erfahrbar macht - jenseits institutioneller Politik, nationaler Interessen und tagesaktueller Konflikte", schreibt Roland Weißmann, Generaldirektor des ORF, der in diesem Jahr den Wettbewerb ausrichtet, in der FAZ. Angesichts akuter politischer Überfrachtungen der Veranstaltung (auch hier gehts vor allem um Israel, auch wenn Weißmann das mit keinem Wort erwähnt) und auch im Vorfeld des österreichischen ESC warnt er: "Der ESC ist kein Tribunal und kein Ersatz für Diplomatie. Wer von ihm erwartet, politische Konflikte zu lösen oder moralische Abrechnungen vorzunehmen, überfordert die Kultur. ... Der ESC 2026 wird die Vielfalt und die Unterschiede Europas sichtbar machen - nicht verdecken. Gerade darin liegt seine Kraft: zu zeigen, dass kulturelle Begegnung möglich bleibt und bleiben muss, auch wenn Meinungen, Haltungen und politische Bewertungen auseinandergehen. Dass Europa unter solchen Bedingungen einen gemeinsamen kulturellen Raum offenhalten kann, ist kein Automatismus, sondern Ausdruck demokratischerReife."
Weitere Artikel: Tobias Bachmann spricht in der taz mit dem Rap-Duo Hinterlandgang, das sich in Mecklenburg-Vorpommern der subkulturellen rechtsextremenHegemonie in den Dörfern und Städten entgegen stellt. Joachim Hentschel und Sara Peschke schreiben in der SZ zum angekündigten Comeback von Rush.
Besprochen werden das neue Album der Gorillaz (Tsp) und das neue Album von BrunoMars, auf dem laut SZ-Kritiker Jakob Biazza "feinsteBegattungs-Grooves" zu hören sind, ja mithin "Musik für Softpornos mit Instagram-Beleuchtung".
Berlin macht auch in Zukunft weiterhin dicht: Pergamonmuseum, Deutsches Historisches Museum, ab 2030 auch die Berliner Staatsbibliothek - alles nach Sanierungsstau für viele Jahre mit oft ungewissem Ausgang geschlossen. Auch die BerlinerPhilharmonie gesellt sich "spätestens 2032" dieser Sinfonie der verriegelten Türen hinzu, berichtet Hartmut Welscher auf VAN. Eine Grundsanierung ist seit vielen Jahren fällig. Pläne für ein dringend benötigtes Ausweichquartier befinden sich derzeit allerdings noch im Status von Machbarkeitsstudien und Spekulationen. "Die 'Bedarfsabfrage' könnte einige schwer moderierbare Interessenkonflikte offenlegen. Zum natürlichen Selbstverständnis der Berliner Philharmoniker gehört, in einem der architektonisch schönsten und akustisch besten Konzertsäle der Welt zuhause zu sein (den zudem auch alle Konzertgänger lieben)." Dies "kollidiert womöglich mit der klammenHaushaltslage in Berlin, in der es Stand heute schon schwierig ist, bereits begonnene Sanierungen zu Ende zu bringen. ... Ab 2027 sollen zudem die Berlinische Galerie und das Bröhan Museum saniert werden. Woher soll da noch eine - mindestens - hohe dreistellige Millionensumme für Philharmonie-Sanierung und Ersatzquartier kommen?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Olga Kronsteiner ist im Standard verärgert über MichaelWolffsohnsStudie über Karajan, mit der der Historiker dem Dirigenten ihrer Meinung nach "im übertragenen Sinne das Blut von den Händen" wäscht: "Mit konträren Forschungsergebnissen geht Wolffsohn hart an der Grenze zur Diffamierung ins Gericht."
Weiteres: Jakob Biazza erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit den Gorillaz. Ronald Pohl erinnert im Standard an den Boom des Jazzrock vor fünfzig Jahren. Besprochen werden JudithKesslers Biografie über den Liedtexter Bruno Balz (Welt), Pillberts Debütalbum "Memoria" ("eine musikalische Oase", schwärmt Stefan Michalzik in der FR), ein Konzert von SolGabetta in Zürich (NZZ), der Abend "Beschwörungsgessänge nördlicher Klanglandschaften" in Frankfurt (FR) und LolaYoungs neues Album "I'm only f**cking myself" (taz).
Die Komponistin ElianeRadigue ist im Alter von 94 Jahren gestorben. In ihrer Drone-Musik "passiert ja gar nichts", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. "All die Dinge, die man mit Tonkunst gern in Verbindung bringt, etwa große Gefühle, Ergriffenheit, Überwältigung, sucht man bei ihr vergebens. ... Sie begann in den Siebzigern mit Synthesizern zu arbeiten, konzentrierte sich auf einzelne Töne, deren Obertonstruktur sie ganz allmählich variierte. Statt eines massiven Brummens entstand so ein wehendes Schwingen völlig frei von Ballast. Die bekennende Buddhistin bot damit in Werken wie 'Adnos' (1974) eine Form der Versenkung ohne Zwang, schuf zugleich mit sparsamsten Mitteln Räume von transparenter Tiefe."
"Dass ihre Stücke überhaupt enden, ist selten der Logik geschuldet, mit der sie komponiert wurden", schreibt Thomas Wochnik im Tagesspiegel. "'Biogenesis' etwa enthält die Herzschläge von drei Generationen von Frauen - die mögliche Fortsetzung wäre selbsterklärend. Ähnlich ist es bei den als Feedback-Works katalogisierten Stücken, die die Unendlichkeit nicht gekünstelt darstellen müssen. Sie sind vielmehr selbst das Resultat von kleinen Unendlichkeiten in den Rückkopplungen zwischen Synthesizerschaltkreisen, Mikrofonen und Lautsprechern."
Weiteres: Jens Uthoff schreibt in der taz einen Nachruf auf NikolaiKomyagin, dessen Postpunk-Band Shortparis in seiner russischen Heimat verboten war. Besprochen werden ein Konzert der WienerPhilharmoniker unter AndrisNelsons in Frankfurt (FR), ein Liederabend mit PatrickGrahl in Frankfurt (FR), das neue Album der Gorillaz (Standard), Jane Pollards und Iain Forsyths vorerst nur in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Broken English" über MarianneFaithfull (NZZ), Alligatormans Debütalbum "Swamp Style" (Standard) und das neue Album "A Hum of Maybe" von Apparat, das "knappe 15 Minuten für die Unendlichkeit braucht", so tazler Thaddeus Hermann.
In den vier Jahren seit Putins Einmarsch in die Ukraine hat sich auch die Rolle der Kulturberichterstattung geändert, resümiert Axel Brüggemann auf BackstageClassical: Das Schöne und Gute zu besingen, reicht nicht mehr - auch das Wahre muss zu seinem Recht kommen. Zu "Beginn der russischen Großoffensive ließ sich beobachten, dass die kulturpolitische Verantwortung an vielen Institutionen erst noch wachsen musste. Recherchen wurden anfänglich massiv und mit ganz unterschiedlichen Mitteln bekämpft. Die Redaktion von BackstageClassical bekam Anrufe von Schweizer Troubleshooting-Managern, die uns am Telefon massiv unter Druck gesetzt haben, und immer wieder wurde auch juristisch gegen unsere Recherchen vorgegangen." Zu Beginn "wurde uns vorgeworfen, dass ein moralischer Kompass in Zeiten des Krieges 'billig' sei. Doch dem war nicht so: Viele Recherchen waren zunächst nicht opportun und mussten mit großem finanziellen und zeitlichem Aufwand verteidigt werden." Sie "waren wichtig, um auch die Verstrickung westlicher Kulturmanager mit russischen Geldern und Institutionen offenzulegen."
Weiteres: ClaudiaBrückenblickt im FR-Gespräch mit Max Dax zurück auf die Geschichte ihrer Band Propaganda und die Musikszene, die sich im Düsseldorf der Achtziger rund um den RatingerHof gruppiert hatte. Max Nyffeler spricht für die FAZ mit dem nahezu erblindeten Komponisten YorkHöller, der morgen in Berlin mit dem Deutschen Musikautorenpreis ausgezeichnet wird. Klassische Musiker können ihre kostbarenInstrumente zumindest bei der Lufthansa künftig im Handgepäck mit sich führen, meldet Helmut Mauró in der SZ.
Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter eine neue EP von U2 (Standard), und Jan Bangs gemeinsam mit dem EnsembleModern umgesetztes Album "With These Hands" (FR).
Maik Bierwirth gestattet in der Jungle World einen Einblick in Chicagos Indieszene, wo Bands wie Horsegirl, Lifeguard und SharpPins zuletzt reüssierten. Besprochen werden ein von ZubinMehta dirigiertes Konzert des West-EasternDivanOrchestra in Wien (Standard), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR), PattiSmiths Memoiren (ND), eine neue EP von U2 (NZZ) und das neue Album "No Lube So Rude" von Peaches, die darauf mit dem Stück "Hanging Titties" laut Standard-Kritiker Christian Schachinger "mit oder ohne Gleitgel das kapitalistische System ziemlich hart mit ihrer umgeschnallten Gummiwurst fickt".
Sehr ergriffen erzählt Viktoria Großmann in der SZ von ihrem Besuch im ArvoPärtCenter, das in einem estnischen Kiefernwald gelegen ist und wo "die ganze Lautstärke der Gegenwart" zum Verschwinden gebracht wird. Adrian Schräder stellt in der NZZ die Schweizer Weltmusikgruppe DaCruz vor. Andrian Kreye schreibt in der SZ zum Tod des Jazzposaunisten WillieColón. Christian Schachinger porträtiert im Standard den exzentrischen Musiker SamBattle, der unter dem Namen Look Mum No Computer mit einem ganzen Fuhrpark selbstgebastelter Instrument auftritt und Großbritannien beim kommenden ESC vertreten soll. Auf seiner Orgel lässt er einen ganzen Chor von Plüschtieren erklingen:
Besprochen werden ein von AndrisNelsons' dirigiertes Konzert der WienerPhilharmoniker mit LangLang (Standard).
Joachim Hentschel porträtiert in der SZPeaches, die nach zehn Jahren wieder ein Album aufgenommen hat. Mit ihren sexpositiven Body Politics setzte sie schon immer auf grelle Schauwerte, "dabei geht es auf dem neuen Album nicht mal um Konfrontation. Im Gegenteil. Peaches singt vom Flutschen, GlibbernundGlitschen, also von Kulturtechniken, bei denen man zwar zuerst an Sex denkt. Die sich aber noch auf viele andere Formen des gesellschaftlichen Austauschs anwenden lassen. ... Die Hanns-Joachim-Friedrichs-hafte Redewendung vom sozialen Schmiermittel bekommt so endlich noch ihr popkulturelles Denkmal, wohlverdient. Und wer schon länger kein Peaches-Album mehr gehört hat, weil er (oder sie) denkt, dort höchstens ein paar stumpfe Beats, Bratgitarren und rhythmisch skandierte Schweinereien zu finden, sollte es mal wieder probieren. Auf 'No Lube So Rude' kommen eine Menge Melodien dazu, ein ganzer, splitternackter Eurovision Song Contest an abenteuerlichen Sounds sowie ein wunderbares Liebeslied." Hier das Titelstück:
Weiteres: Martina Meister porträtiert für die WamS den Hiphop-Pianisten SofianePamart. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Musiker Stoppok zum 70. Geburtstag. Besprochen werden ein neues Album von JanaHorn (FR) sowie Konzerte von The Last Dinner Party (Standard) und HerbertGrönemeyer (Standard).
Jürgen Kaube hat für die FAZ eine Handreichung des Bayerischen Rundfunks gelesen, die erzählt, wie sich der Sender die Hörer von BR-Klassik vorstellt, nämlich als eine "Stefanie", 52 und Grafikdesignerin, die BR-Klassik nebenbei dudeln lässt, um damit "Mood-Management" zu betreiben: "Für Orlando di Lasso, den späten Beethoven, Brahms' 'Vier ernste Gesänge' und Schönbergs 'Überlebenden aus Warschau' könnten unter dem Aspekt des Stimmungsmanagements von Stefanie und ihres Bedarfs an 'positiven Emotionen' schwere Zeiten anbrechen." Die Handreichnung des Senders wendet sich an die freien Kritiker: "Den Begriff der Kritik löscht es aus dem Berufsbild. Es behandelt sie als Animateure."
Dazu passt Axel Brüggemanns Kommentar in backstageclassical.com zum süßlichen Kitsch von "Hochglanz"-Klassik-Shows im ZDF. Hier herrschen für ihn "Einfallslosigkeit und die Hörigkeit eines kriselnden Senders gegenüber einer noch kriselnderen Phonoindustrie... Statt endlich umzudenken, baut der verantwortliche Redakteur, Tobias Feilen, diesen Quatsch noch weiter aus und versenkt seine Gelder in irgendwelche Neuschwanstein-Konzerte, die nach dem gleichen Phono-Industrie-Bankrott-Mechanismus funktionieren: Vermeintlich große Stars im abgehalfterten Märchenambiente."
Weiteres: Lili Braun stellt in der taz das österreichische Indie-Trio Lovehead vor. Besprochen werden ein Konzert von MachineGunKelly in Wien (Standard), ein Auftritt der isländisch-chinesischen Popsängerin Laufey in Zürich (NZZ), ein Jazzabend mit ShakeStew in Wien (Standard), eine neue EP von U2, mit der die Band unter anderem auf die Erschießung von RenéeGood reagiert, (SZ) und Jill ScottsAlbum "To Whom This May Concern" (taz).
Hier ihr Auftritt vor kurzem bei der tollen "Tiny Desk Concert"-Reihe des NPR:
Wolfgang Sandner (FAZ) und Michael Stallknecht (SZ) gratulieren GyörgyKurtág zum hundertsten Geburtstag. Ulf Lippitz plaudert für den Tagesspiegel mit Peaches. Joachim Hentschel porträtiert in der SZMumford & Sons. Daniel Haas blickt sich für die NZZ in der Welt des "Fotzenrap" um. Besprochen werden Morrisseys Auftritt in Frankfurt (FR) und ein Konzert der Death-Metal-Band Sylosis (FR).
Sebastian Franke erinnert in der Jungle World an den Komponisten MortonFeldman. Inspiriert vom Abstrakten Expressionismus und dessen Autonomie der Farbe, "erarbeitete er sich eine Ästhetik der Autonomie des Klangs, mit der er sich deutlich vom Systemdenken der europäischen Kunstmusiktradition absetzte. ... Dieses neue musikalische Denken führte zu etwas, das man als Verräumlichung der Musik beschrieben kann, die das Zeitempfinden irritiert und sich dezidiert dagegen sträubt, gezielt auf einen Höhepunkt zuzusteuern. ... Auch den Aspekt der Dauer betreffend erkundete Feldman das Extreme. So gilt sein 'String Quartet II' (1983) mit seinen etwa fünf Stunden als das längste in der Geschichte der Gattung. Es begegnen einem hier die für Feldman typischen Patterns, also minimale Variationen von Klangfiguren, die sich auf behutsame Weise miteinander verweben, und ein leiser Vortrag, der fast einfordert, mit vorgebeugtem Ohr gehört zu werden. Wie hingehaucht wirken die Klänge, sie scheinen zu schweben und entraten somit der Nachdrücklichkeit der Erdenschwere."
Außerdem: Ueli Bernays spricht für die NZZ mit HeleneFischer. Jakob Biazza schreibt für die SZ einen Nachruf auf den Songwriter BillySteinberg.
Besprochen werden Mobys Album "Future Quiet" mit Musik "zwischen Wohlfühlklassik, Ambient und Hotelbargeklimper", stöhnt Christian Schachinger im Standard, ein Konzert von MarthaArgerich in Wien (Standard, Presse) und ein Konzert von AdamGreen in Frankfurt (FR).