Auch die Architekturwelt wird von der Epstein-Affäre erschüttert. Thomas J. Pritzker sollte in ein paar Wochen den von seinem Vater gestifteten Pritzker-Preis dem diesjährigen, noch unbekannten Preisträger überreichen. Ob dies tatsächlich passieren wird, ist angesichts von Vergewaltigungsvorwürfen momentan völlig offen. Erst einmal hat Pritzker im Zuge der Enthüllung seiner Verbindungen zu Epstein sein Amt als Vorstandsvorsitzender der Hyatt Hotels Corporation niedergelegt. Gerhard Matzig kommentiert in der SZ: "Verliehen wird der Pritzker-Preis im 'Glauben an den absoluten Wert des Einzelnen und der Menschheit' (Pritzker). Die Auszeichnung würdigt die gesellschaftliche Verantwortung der Architektur im Dienst eines zivilisatorischen Ideals. Dieses Ideal deckt sich nicht mit der Darstellung von Virginia Giuffre aus dem Jahr 2016, wonach sie zum Tatzeitpunkt als minderjähriges Mädchen von Epstein zum Sex mit dem 'Besitzer einer großen Hotelkette' genötigt worden sei. Gegenüber einer Anwältin im Rahmen einer Zivilklage (gegen Ghislaine Maxwell) gab sie unter Eid später an, um wen es sich gehandelt haben soll: Tom Pritzker." Der die Tat freilich leugnet.
Weitere Artikel: Paul Jandl besucht für die NZZ in Wien die Villa Beer, "ein Juwel der Architekturmoderne", das nun wieder zugänglich gemacht wird (siehe auch hier). Markus Woeller bespricht für die Welt die Ausstellung "Verloren & Geborgen" in der Bauakademie, Berlin, die sich digitalen Rekonstruktionen aberissener Gebäude widmet.
Auch Rico Bandle schüttelt in der NZZ den Kopf über das Finale zum Preis des Deutschen Architekturmuseums (unser Resümee). Ästhetisch ist was anderes, meint er: "Die Vorliebe für eine unterkühlte Bauweise und die Verachtung für alles Dekorative und Bunte werden den heutigen Architekten schon im Studium eingetrichtert. Eine Untersuchung von 2011 legt dar, wie sich die Beurteilung von verschiedenen Gebäuden bei Studenten im Laufe des Studiums ändert. Zu Beginn entspricht deren Urteil noch mehr oder weniger dem Durchschnitt der Bevölkerung: Eintönige, schachtelartige Gebäude werden negativ bewertet, verspielte Entwürfe positiv. Am Ende ist es umgekehrt. Am deutlichsten zeigt sich die Diskrepanz beim Sichtbeton. Architekten beschreiben die unbehandelten grauen Wände als 'authentisch', sie loben das 'Skulpturale' und die 'schöne Patina' bei der Alterung. Laien sehen dies komplett anders: Sie empfinden Sichtbeton als 'kalt', 'monoton', die Alterung führt aus ihrer Sicht zu 'hässlichen Mustern'."
Boris Pofalla staunt in der Welt über das neue niederländische Fotomuseum in Rotterdam - und über die Geschwindigkeit der Errichtung, die in Deutschland wohl nicht möglich wäre.
Wenn in Köln mal was Schönes steht, kommt die Bahn und will es abreißen. So sieht es jedenfalls Peter Kropmanns in der FAZ mit Blick auf vier denkmalgeschützte Eisenbahnbrücken aus dem 19. Jahrhundert, die zwar schmuddelig, aber wunderschön sind: "Die nach wie vor witterungsresistenten Kacheln" einer dieser Brücken "sorgten, als sie noch weiß waren, für Helligkeit. Doch was Ruß, Taubendreck und schlechte Ausleuchtung zum Schlechten bewirken, sind Äußerlichkeiten, die in den Griff zu kriegen sind. Maßgeblich ist, dass die Brücken kleine Perlen der Architektur sind und beim Passieren eine unverwechselbare Raumwirkung entfalten. Ihre auf sorgfältiger Gestaltung beruhende Ästhetik erlaubt es, sich zu orientieren, mit Umgebung und Wegen zu identifizieren und unterwegs einen im Alltag besonderen Moment zu erleben." Also, fordert Kropmanns: nicht abreißen, wie die Bahn es derzeit plant, sondern säubern und renovieren - die letzten Jahrzehnte gammelten die Brücken schlicht vor sich hin.
Kino International - Foto: Matthias Süßen unter cc-Lizenz
Gunda Bartels spaziert für den Tagesspiegel durch das runderneuerte Kino International, eines der schönsten Berliner Lichtspielhäuser, dessen Sanierung zwei Monate früher abgeschlossen wurde als geplant: "einer der seltenen Berliner Fälle von Planübererfüllung". Was hat sich getan? Im Foyer auf den ersten Blick nicht allzu viel: "Sieht ja alles aus wie vorher. Wobei, ganz so golden hat die aus beschichtetem Blech bestehende Golddecke, von der zahlreiche Lämpchen strahlen, vor der Aufarbeitung nicht geleuchtet." Ähnlich schaut es im ersten Stock aus: "Die Eichenparkettquadrate auf dem Boden, die Holzlamellen an den Wänden, die vor lauter Patina stumpf geworden waren - alles schimmert wie frisch eingeölt. Der Fußboden ist tatsächlich neu, sieht aber aus wie ehedem." Insgesamt ist Bartels zufrieden: "Der Plan, den zurückhaltend-glamourösen Charakter des Hauses zu bewahren, der ist auf jeden Fall gelungen."
Endlich lässt sich dieses Meisterstück der zweiten Wiener Moderne für alle erleben, jubelt Ulf Meyer für Monopol, denn Josef Franks Villa Beer ist aufwendig restauriert worden und ab dem 8. März für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Eleganz des Gebäudes überzeugt auch hundert Jahre später: "Ohne dogmatische Strenge hat Frank einen fließenden Raum über versetzte Ebenen gestaltet - mit Konzertflügel auf einer Empore als sozialem und musikalischem Zentrum des Hauses. Die offene Raumfolge führt entlang eines japanischen Teeraums mit Bullaugenfenster zu den Schlaf-Räumen und Bädern der Bauherrenfamilie. Edle Materialien treffen in der Villa auf nüchtern beige, doppelgeschossige Wände, die nur durch die dekorativen, gemusterten Stoffe, die Frank selbst entworfen hat, einen farbigen Akzent bekommen. Sie werden bis heute von der Firma Svenskt Tenn gefertigt."
Auch Andreas Kilb, ebenfalls FAS, verschlägt es den Atem: In der Berliner James-Simon-Galerie sind in der Ausstellung "Gebaute Gemeinschaften" nun die erst vor gut dreißig Jahren entdeckten Funde von Göbekli Tepe zu sehen - die ältesten bislang gefundenen steinernen Gemeinschaftsbauten der Menschheit: "Die 'Sonderbauten', wie die Wissenschaftler sie vorsichtig nennen, dienten offensichtlich keinen Wohnzwecken. Ihre fensterlosen Räume waren mit Reliefs und Skulpturen geschmückt, einige der T-Stelen sind mit angedeuteten menschlichen Armen und Gesichtern versehen. An den Wänden standen Steinbänke, auf denen sich Zuschauer einer Zeremonie niederlassen konnten, und auf einem Ritzrelief, das im zentralen Raum der Ausstellung gezeigt wird, sind tanzende Körper zu erkennen." Für die FAZ bespricht Uwe Ebbinghaus die Ausstellung.
Ab April tritt Brigitte Franzen die Nachfolge von Annemarie Jaeggi als Direktorin des Bauhaus-Archivs an. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Nicola Kuhn erklärt sie, dass sie sich künftig besonders der Rezeption des Bauhauses in der DDR zuwenden will und wie sie es mit den Angriffen durch die AfD hält: "Ich fand die schlichte Wiederholung von Argumenten, die wortgenau von den Nationalsozialisten benutzt wurden, um das Bauhaus aus Dessau zu vertreiben, banal und zugleich entlarvend. Diese Argumente sollen an einer weichen Stelle einhaken, dem Kulturbereich als Ganzen. Nur steckt keine Banalität dahinter, sondern eine faschistoide Partei, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, unsere Idee vom Leben angreift. ... Meine klare Antwort darauf lautet, dass man sich nicht einschüchtern lässt."
In der FAZ ärgert sich Matthias Alexander über die Auswahl der zwanzig Kandidaten für den Preis des Deutschen Architekturmuseums. Alexander findet hier "wenig Überzeugendes", dafür ein klares Muster: "Sie sollten ein Wohngebäude planen, dessen Bauherren Wert auf Gemeinschaftsflächen und flexible Grundrisse legen und einen Materialmix aus Sichtbeton und Holz zu schätzen wissen. Neuerdings ist auch Blech wieder sehr angesagt, sei es in Form von Wellen oder Trapezen. Wer dann noch in der Lage ist, alte Bausubstanz in das Projekt zu integrieren, darf sich einer Nominierung ziemlich sicher sein. Wer aber ein Bürogebäude, ein Einfamilienhaus, eine Fabrik oder gar einen Bau für militärische Zwecke entwirft, sollte sich keine Hoffnungen machen. All diese Gebäudetypen tauchen in diesem Jahr auf der Shortlist nicht auf, und auch in den vorangegangenen Jahren waren sie unterrepräsentiert."
Neue Wege in der Asylpolitik: auch dazu kann die Architektur etwas beitragen, lernt SZler Thomas Kirchner bei einem Besuch im niederländischen Oisterwijk. Entworfen vom renommierten Architekturbüro OMA entsteht dort eine neue Unterkunft für Asylbewerber. Der Bau ist als praktischer Widerspruch gegen die im Land kursierende harsche Anti-Migrations-Parolen geplant - und lässt die Asylbewerber näher an den Rest der Gesellschaft heranrücken: "Das Asylzentrum liegt in einem Waldgebiet, etwas abseits von Oisterwijk. Es wird nun bei laufendem Betrieb umgebaut und erhält neue Wohnbereiche, eine Schule, Sporthalle, ein Mehrzweckgebäude sowie Büros und Magazine, während der alte Bestand abgerissen wird. Alle Einrichtungen und Plätze sollen auch den Stadtbewohnern zur Verfügung stehen, etwa zum gemeinsamen Kochen. Ziel ist, die Integration zu befördern. Bisher waren die Migranten unter sich, umgeben von einem Zaun, der ebenfalls weg soll."
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