Klappentext

Todesfuge aus Alltag und Apokalypse. Das kollektive Tagebuch vom Einmarsch der deutschen Truppen in Russland. Als Hitler am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, entfesselte er einen Vernichtungskrieg von ungeahnter Grausamkeit. Walter Kempowski hat die Stimmen von russischen und deutschen Tätern, Opfern und Augenzeugen aus jenen Tagen zu einem tausendstimmigen Chor über das große Menschheitsverbrechen des Krieges verwoben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.10.2002

Stephan Reinhardt ist tief beeindruckt von diesem "kollektiven Tagebuch", in dem der Autor die verschiedensten Stimmen zu Hitlers Russlandfeldzug gesammelt hat. Der Rezensent sieht in diesem Buch plastisch die "unsägliche Mischung aus "Verblendung und Opferbereitschaft" dokumentiert, die auf deutscher Seite durch alle Sparten vom General bis zum einfachen Soldaten gegangen ist. Er lobt den Autor für sein "Porträt" von 43 Kriegstagen und findet, dass die Aufzeichnungen und Berichte von deutscher und russischer Seite "minuziös" die Kriegsgeschehnisse wiedergeben. Auch die Beteiligung der Wehrmacht an der Vernichtung der Juden werde durch die Texte belegt, so der Rezensent erschüttert. Was er allerdings an diesem Konvolut aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen vermisst, ist eine "gliedernde Einleitung" seitens des Autors, dessen kurzes Vorwort dem Rezensenten für ein "aufklärendes Verstehen" nicht ausreichend erscheint. Auch will Reinhardt nicht an die Unvermeidlichkeit von Geschichtskatastrophen glauben, die Kempowski in seinem Vorwort zu behaupten scheint. Wozu solche Mammutwerke, fragt er polemisch, wenn sie nicht dazu dienen, sich der "Wiederkehr des inhumanen Wahnsinns" zu widersetzen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.07.2002

Alex Rühle ist so beeindruckt, dass er sein Lob schon gar nicht mehr explizit zu machen braucht. Walter Kempowski sei ein "Bibliothekar der Erinnerung": Er habe für dieses Buch umfangreiches Material - "Hefte und Tagebücher, Briefe und Heeresberichte" - aus dem Jahr 1941 zusammengetragen und als mehrstimmiges Tagebuch, als "mikrohistorisches Kaleidoskop" komponiert. Wie einen Chor, so Rühle, stellt Kempowski die zu Wort kommenden Personen auf und erschafft dadurch ein neues "Objekt Wirklichkeit". Rühle erklärt, jeder Tag folge einem bestimmten Muster: Nach einem eröffnenden Bibelzitat folgt ein Beitrag von einem der "großen Geister in aller Welt", etwa Thomas Mann oder Bert Brecht. Am Ende des Tages meldet sich dann eine polnische Historikerin und verkündet nüchtern die Zahl der Toten und Deportierten. Darauf folgt der Text eines aktuellen Schlagers. Kempowski arbeite inzwischen am letzten Band des Echolots, meldet der Rezensent abschließend, und es klingt freudige Erwartung mit.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.05.2002

Anlässlich des Erscheinens von Walter Kempowskis aktuellem Band des Echolot-Projekts, in dem es um das Jahr des deutschen Angriffs auf Russland geht, setzt sich Ansgar Warner in der taz mit dem Autor auseinander. Nachdem dessen anfängliche literarische Versuche nicht von Erfolg gekrönt waren, hatte er sich äußerst erfolgreich über die Form des Protokolls zum dokumentarischen Roman hervorgearbeitet. Im Echolot-Projekt wendet er sich davon wieder ab und lässt viele verschiedene Perspektiven zu. Ein breites Spektrum von Formen der Erinnerungen bekannter und unbekannter Zeitzeugen sorge dabei für den "Eindruck eines mikrohistorischen Kaleidoskops". Ein unverkennbarer Reiz dieses Projektes liegt nach Ansicht des Rezensenten darin, dass dieser Umgang mit der Frage, "wie Menschen Geschichte erleben" zum einen dem Autor als Vergangenheitsbewältigung dient, da diese in erheblichen Maße vom Krieg bestimmt worden sei, und dass zum anderen eine Vielzahl der verschiedensten Menschen ihre eigenen Fragen und Antworten in diesen Texten wiederfinden können.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2002

Kurz und bewundernd beschreibt Martin Ebel zu Beginn seiner Rezension noch einmal Kempowskis gigantisches "Echolot"-Projekt, ein Patchwork aus unkommentierten Tagebuchausschnitten, das den Zweiten Weltkrieg aus unterschiedlichsten Perspektiven wieder lebendig werden lässt. Frühere Bände hatten bis zu 3.000 Seiten - dieser Band über den Beginn des Russlandfeldzugs 1941 und den ersten russischen Kriegswinter kommt mit 700 Seiten aus. Dass Tagebuchnotizen aller beteiligten Akteursgruppen - von Goebbels über Wehrmachtsgeneräle und -soldaten über Petersburger Bürger bis zu Juden des Warschauer Ghettos - vorkommen, sollte man dabei keineswegs als Gleichmacherei ansehen, betont Ebel. Nichts werde hier relativiert, das Leiden der einen nicht an dem der anderen gemessen: "Eine 'Normalisierung' deutscher Geschichte kann hier auch ein böswilliger Gutmensch schwerlich festmachen." Und wenn es einen Gleichmacher in diesem Buch gibt, so schreibt Ebel am Ende seiner Kritik, "dann ist es der Tod".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.03.2002

Mit diesem Band setzt Walter Kempowski seine groß angelegten Originaltext-Kompositionen zur deutschen Weltkriegsgeschichte fort, diesmal gibt das "Unternehmen Barbarossa" den zeitlichen und thematischen Rahmen. Rezensent Martin Mosebach bemüht sich in seiner Rezension um eine sorgfältige Analyse des Standortes, von dem aus Kempowski spricht bzw. sprechen lässt: Es ist, gewiss, nicht der des Historikers - auf Einordnung, Erläuterung, Sekundärtext jeder Art hat Kempowski verzichtet. Aber auch die Nähe zu Rainald Goetz' Versuchen, aus zusammengestellten Fremdtexten so etwas wie eine zweite Natur zum Sprechen zu bringen, ist, so Mosebach, eine scheinbare. Es geht Kempowski sehr wohl um die Komposition des Materials, Mosebach vergleicht das Ergebnis mit einem "mittelalterlichen Repräsentationssystem". Der Krieg selbst erscheint am Ende selbst als kaum etwas anderes als eine "Naturkatastrophe" - und das Echolot wird, in Mosebachs Worten, zur "gewaltigen, aus Wörtern gebildeten Kriegssinfonie".