Vladimir Zarev

Verfall

Roman
Cover: Verfall
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2007
ISBN 9783462037692
Gebunden, 511 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Unterschiedlicher können Entwicklungen nicht sein: Während der Schriftsteller Martin die abstrusesten Jobs annimmt, um seine Familie über Wasser zu halten, kommt Bojan durch Zigarettenschmuggel zu Geld - der Beginn einer Karriere, in der kriminelle Machenschaften, Korruption und Erpressung Bojan zu unvorstellbarem Reichtum verhelfen. Doch der moralische Verfall ist spürbar, Werte werden über Bord geworfen, denn es zählen nur noch Macht und Geld. Martin unterdessen, zu sozialistischen Zeiten ein geachteter Autor, der die Freiheit als das höchste Gut ansah, kommt mit der Realität nicht zurecht. Er steht auf der Verliererseite, und als seine finanzielle Situation immer schwieriger wird und er seine Sorgen im Alkohol ertränkt, ist das Unglück nicht mehr aufzuhalten.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.08.2007

Ganz glücklich ist Sandra Hoffmann mit diesem Roman nicht geworden, auch wenn sie ihn über weite Strecken mit großer Belustigung, aber auch Anteilnahme gelesen hat. Es ist der Roman zur bulgarischen Wende, den Vladimir Zarev hier vorgelegt hat, und er spielt mit sämtlichen Klischees des Landes sehr virtuos: Es geht um die zwei Männer, Geschäftsmann der eine, scheiternder Schriftsteller der andere, und jegliche Handlung wird von der Korruption, dem Schnaps und den Frauen bestimmt, schreibt die Rezensentin, im Verfall begriffen sind Moral und Liebe ebenso wie der Geldwert. Hoffmann sieht in diesem Roman die "Misere des Landes mit der entsprechenden Erzälhlust" angegangen, manche Episoden, meint sie, sind "richtig groß". Doch wesentlich besser hätte ihr das Ganze gefallen, wenn er gehörig gestrafft worden wäre, und das eine oder andere Klischee nicht immer wieder zu Tode geritten worden wäre.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.05.2007

Vladimir Zarev lässt einen Verlierer und einen gaunerhaften Aufsteiger im postkommunistischen Bulgarien um ihre Existenz ringen und zeichnet ein grelles Panorama der Nachwendezeit, wobei er der notorischen bulgarischen Unterhaltungsliteratur in Sachen 'sex and crime' in nichts nachsteht, meint Jörg Plath amüsiert. Während Zarev sich nämlich ungehemmt den Versatzstücken der Trivialliteratur hingebe, distanziere er sich gleichzeitig davon, indem er sie seiner Hauptfigur, dem glücklosen Schriftsteller Sestrimski zuschreibt, der einen Roman über einen gerissenen Gewinnler der historischen Gegebenheiten verfasst. Der Autor konnte seinen achten Roman 2003 nur mit Mühe bei einem kleinen Verlag veröffentlichen und landete dann den größten Literaturerfolg seit  Ende des Kommunismus, weiß der Rezensent. Wenn er auch findet, dass sich das Buch mitunter etwas zieht und Zarev unter den burlesken Ereignissen der chaotischen Entwicklungen manchmal der Faden seiner Geschichte entgleitet, so will ihm dennoch scheinen, als hätte der Autor mit seinem Roman ein treffendes Bild vom Bulgarien nach der Wende gezeichnet.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.05.2007

Dem Rezensenten Maik Söhler gefällt Vladimir Zarevs "Verfall", in dem der Autor die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 20 Jahre in Bulgarien reflektiert, den Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus. Zwar gibt es ein paar Elemente - etwa die Spielchen mit biblischen Namen - die der Rezensent nervig findet. Doch gleichzeitig empfiehlt Söhler, über diese problematischen Stellen hinweg zu lesen. Sonst würde man schließlich eine "schöne, vom Moralisieren wie von Häme weit entfernte, in einer unaufgeregt-präzisen Sprache formulierte Geschichte" verpassen. Anders als der Titel des Buches suggeriert, schreibe Zarev nicht von einer kulturpessimistischen Warte aus, die impliziere, dass früher alles besser war, sondern eher mit einem durch und durch pessimistischen Aufblick: "In Zarevs kapitalistischem Bulgarien sind Korruption und Käuflichkeit so verbreitet, wie es Bürokratie und Militär im sozialistischen waren."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2007

Für die bulgarische Version des großen Wenderomans, den es in Deutschland bisher nicht gibt, hält der Rezensent Martin Halter dieses Werk des Schriftstellers Vladimir Zarev. Entworfen wird in einer literarischen Doppelbiografie das Porträt einer Umbruchszeit, in der miese Figuren und Ganoven groß rauskommen, während ein einstiger Schriftstellerstar keine Chance mehr hat. Der durchaus mit autobiografischen Zügen versehene Schriftsteller trägt den Namen Martin Sestrimski und alles, was ihm nach dem Zusammenbruch des Kommunismus bleibt, sind der Suff, der Ekel vor dem eigenen Leben und die kostenlosen Schnittchen im Goethe-Institut. Das Gegenbild gibt Bojan Tilevs ab, einst Milizionär der Staatssicherheit, jetzt Glücksritter und sittenloser Geschäftsmann mit dem Drang zu Ehrbarkeit und Ordnung. Es gibt durchaus Aspekte dieses Romans, mit denen der Rezensent nicht glücklich wird - "ärgerliche Männerfantasien" zum Beispiel -, an seiner grundsätzlichen Wertschätzung für diese "hinreißende Comedie humaine der bulgarischen Wendegesellschaft" ändert das aber nichts.
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