Sandra Hoffmann

Den Himmel zu Füßen

Roman
Cover: Den Himmel zu Füßen
C. H. Beck Verlag, München 2004
ISBN 9783406523212
Gebunden, 160 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Enni wächst naturnah auf, zwischen Buddha im Meditationsraum und Christus an der Wand, dem alternativen Vater, der tüchtigen Mutter und einer frömmelnden Großmutter, die mit im Hause wohnt. Alle nur möglichen Tiere bevölkern den großen Garten, werden benannt und versorgt, die Welt könnte in Ordnung sein, aber sie ist es für Enni ganz und gar nicht. Der Roman einer Kindheit, den Sandra Hoffmann mit ihrem zweiten Buch vorlegt, erzählt von Zwang und dem Unheimlichen inmitten einer liebevoll entworfenen Alltagsszenerie zwischen Schule, Ballettunterricht und Kinderfreundschaften, in die sich bald die Riten einer erwachenden Sexualität mischen. Doch dieses Erwachen ist für Enni ein böses. Sie beginnt zu hungern.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.05.2005

Der Rezensent Martin Lüdke ist im großen und ganzen recht angetan von diesem Buch, dass sich dem Thema Magersucht auf ungewöhnliche, nämlich "poetische" Weise nähert. Auf jedem Fall ist er der Meinung, dass die Geschichte, die ihn vor allem durch die "der Bildkraft ihrer Sprache" überzeugt, nicht in den Jugendbuch-Ecke landen sollte. Zu kritisieren hat Lüdke lediglich, dass die Autorin Sandra Hoffnung im letzten Drittel ihres Romanes ein bisschen das "Gespür für die Gewichtung ihrer Geschichte" verliert und sich zu sehr in die Magersucht-Thematik fallen lässt. Trotzdem ist das Buch seinere Meinung nach zwar "nicht das wichtigste Buch der letzten Saison, aber sicher eines der schönsten".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.12.2004

An Sandra Hoffmanns schriftstellerischem Potenzial zweifelt Rezensentin Sibylle Birrer nicht. Der neue Roman, in dem die Autorin das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens schildert und der in die Geschichte einer Magersucht mündet, hat sie dennoch nicht überzeugt. Zwar greife die Autorin damit eine "literarisch kaum behandelte Erkrankung an der Gegenwart" auf, doch sie liefere "im Subtext" ihre persönlichen Begründungen für die "Irrationalität" des magersüchtigen Verhaltens mit, ohne diese jedoch "schlüssig" zu erklären. Auch das Ende ist für den Geschmack der Kritikerin etwas zu "diffus" und treibt sie zu der Annahme, dass Hoffmanns Mut zur "radikalen Imagination" parallel zur "Körperhaftigkeit" ihrer Protagonistin "schwindet". Ein Buch, das "zuweilen kunstvoll poetisch" daherkommt, die eigentlichen Fähigkeiten der Autorin jedoch nicht annähernd ausdrückt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2004

Nein, überzeugt ist Gisa Funck nicht von diesem Romandebüt, in dem Sandra Hoffmann die Geschichte eines magersüchtigen Mädchens erzählt. Zwar gesteht die Rezensentin der Autorin zu, durchaus eindringlich zu schildern, wie sich eine fixe Idee zum Wahn steigert, aber im Grunde ist ihr das Buch zu konstruiert. Die Heldin Enni erfüllt für Funcks Geschmack zu genau das typische Krankheitsschema, um überzeugend zu sein. Enni ist Tochter aus bürgerlichem Hause, hoch begabt, ehrgeizig, doch irgendwann friert sie ständig, mag nicht berührt werden, zählt zwanghaft Kalorien und wiegt plötzlich nur noch 36 Kilo, findet ihre Oberschenkel aber immer noch zu dick. Wie es dazu kommen konnte, erzählt die Autorin, wie Funck stöhnt, mit einer "arg sinnschweren Psychosymbolik", die sich vor allem auf die übermächtige Großmutter konzentriert, die der Rezensentin als "Idealverkörperung des deutschen Vergangenheitskomplexes" erscheint. Ihre eigene Vergangenheit gibt diese nämlich nicht preis, dafür klaut sie der Enkelin die "Bravo"-Hefte, schnüffelt im Tagebuch, betet und straft. Dazu kommt noch ein wegen seiner Hautkrankheit sehr behüteter kleiner Bruder, der die ganze Aufmerksamkeit der Eltern fordert. Funcks Fazit: "Zu gut gemeint."
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.10.2004

Sandra Hoffmann erzählt in dem Roman "Den Himmel zu Füßen" die Geschichte der Psychose eines jungen Mädchens, die sich in Magersucht und Zwangsgedanken manifestiert. Schuld an der seelischen Zerrissenheit ist ihre aus dem Gleichgewicht geratene Familie - der Vater Buddhist, der im Keller meditiert, der Bruder hautkrank und das Sorgenkind der Mutter, die Oma erzkatholisch. Diesen faktischen Gehalt kann man der Kritik von Gustav Mechlenburg entnehmen. Interessant findet der Rezensent, dass der Krankheitsverlauf des jungen Mädchens nicht absehbar ist, kleine Ticks werden ganz unauffällig zu größeren Macken und schließlich zu Schulgefühlen, Kontrollwahn. Jedenfalls erfahren wir noch, dass "Den Himmel zu Füßen" nicht mit lebenspraktischen Anleitungen aufwartet, sondern mit einem skeptischen Unterton, und das, so die Ansicht Mechlenburgs, qualifiziert diese jugendliche Problemgeschichte dann vielleicht doch zur Erwachsenenliteratur.