Über neunzig Jahre alt ist Rosa Masur, als sie für ein "Jubiläumsbuch", das anlässlich der 750-Jahr-Feier der deutschen Stadt Gigricht erscheint, aus ihrem Leben erzählen soll. Erst wenige Monate zuvor ist sie mit Sohn Kostik und Schwiegertochter Frieda aus Russland ausgewandert; da kommt das Honorar für die Mitarbeit an dem Buch gerade recht. Und Rosa erinnert sich: an den jüdischen Flüchtling Gebels, der 1941 für einen Verwandten von Reichspropagandaminister Goebbels gehalten wird, an den fehlenden Buchstaben in einer Hausübung, der ihren Sohn ins Gefängnis bringt und an Stalin, mit dem sie eine ganz besondere Geschichte verbindet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2001
Die Lebensgeschichte der 92-jährigen Jüdin aus Weißrussland, die in irgendeiner (fiktiven) ostdeutschen Mittelstadt ihren Schlusspunkt mit ihrer Aufzeichnung für eine Stadtjubiläumschronik findet, ist eine, die das 20. Jahrhundert mit seinen Katastrophen und menschlichen Schicksalen schrieb. Martin Ebel las die Geschichte "als ein Leben, das es gegeben haben könnte und, seit es dieses Buch gibt, auch gegeben hat". Der fiktive Anlass zur Aufzeichnung der Geschichte der Rosa definiert die Erzählperspektive, die dem Autor erlaubt, "in einem schlichten, unaufwendigen Stil" zu schreiben, der auch in dem dramatischen Episoden den "gelassenen Ton der Chronik" nicht aufgibt, so Ebel. Egal, was die Protagonistin erlebt, der Antisemitismus bildet nach Ebel das "Kontinuum ... neunzig Jahre erlebter Geschichte". Einen "Knüller" halte die Geschichte Rosas (und Vertlibs) im Auftritt des Leibhaftigen (Stalin) parat, meint Ebel - so ganz überzeugt hat er ihn allerdings nicht. Die Schwächen in der Personengestaltung, zuvor nur verspürt, treten an dieser Stelle dem Rezensenten doch zu stark hervor und offenbaren "einen bedenklichen Tiefpunkt". Trotzdem empfiehlt der Rezensent den Roman dem geneigten Leser, vor allem auch nachdem die Chronik für das Stadtjubiläum abgesagt werden muss.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2001
Den Vergleich mit Joseph Roth oder Isaak Singer, findet Rezensent Alexander Kissler, muss dieser 1966 in Leningrad geborene Autor nicht zu scheuen. Sein zweites Buch sei "durchweg spannend zu lesen" und darüber hinaus ein "ein klug konzipiertes, fantasievoll ausgeführtes Destillat" des europäischen 20. Jahrhunderts. Das Buch hat nach Auskunft des Rezensenten wohl Vertlibs eigene Familiengeschichte zum Thema. Im Mittelpunkt steht Rejsele, die später Rosa heißt, und bei Ausbruch des 1. Weltkrieges sechs Jahre alt ist. Naturgemäß ist ihre Geschichte nicht nur eine Lebens- sondern auch eine Überlebensgeschichte. Vertlib lässt sie, wie uns der Rezensent wissen lässt, in einem weißrussischen Dorf beginnen und fast neunzig Jahre später im süddeutschen Gigricht enden. Dazwischen hat mancher ebenso schlichte wie meisterliche Satz den Rezensenten tief bewegt. Und auch, dass sich in diesem Buch Angst und Glück einander "augenblicksweise" abwechseln, "ohne sich zu berühren".
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