Theodor W. Adorno

Briefe an die Eltern

1939 - 1951
Cover: Briefe an die Eltern
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518583760
Gebunden, 576 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Als Adorno seine Eltern im Juni 1939 in Havanna wiedersah, waren sie erst wenige Wochen auf Kuba. Oscar und Maria Wiesengrund hatten sich in letzter Minute aus Nazideutschland retten können. Von Kuba zogen sie Ende 1939 zunächst nach Florida und dann nach New York, wo sie bis zum Ende ihres Lebens wohnten. Erst mit der Übersiedlung nach Kalifornien Ende 1941 berichten Adornos Briefe wieder und fast regelmäßig alle vierzehn Tage von der Arbeit und den Lebensumständen sowie den Freunden, Bekannten und Größen des damaligen Hollywood. Erzählungen von der gemeinsamen Arbeit mit Max Horkheimer, Thomas Mann und Hanns Eisler stehen neben Partyberichten, Clownereien mit Charlie Chaplin und unglücklichen Liebesaffären. Die Briefe bergen aber auch die ungestillte Sehnsucht nach Europa: So beginnt Adorno schon bei Kriegseintritt Amerikas, sich Gedanken über die Rückkehr zu machen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.09.2003

Wolf Lepenies kann den Briefen Theodor W. Adornos an seine Eltern bis auf wenige Passagen nicht viel abgewinnen und er fühlt sich bei der Lektüre wie ein "Voyeur", den die albernen Intimitäten zwischen Familienmitgliedern weder etwas angehen, noch interessieren. Denn wenn es zunächst noch ganz lustig ist, wie der Rezensent zur Kenntnis nimmt, dass sich die Familie untereinander mit den verschiedensten "Paarhufer"-Namen vom Nashorn bis zur Giraffe belegt, so fühlt er sich zunehmend davon "irritiert" und schließlich "gelangweilt". Lepenies kann nicht recht einsehen, wozu er sich durch seitenlangen "Verwandtenklatsch" hindurchquälen soll. Er findet, damit mehr "Adorno gelesen" zu haben, als ihm wohl tut. Wenn er die "Albernheiten unter Anverwandten" einfach nur doof findet, sind ihm die Äußerungen Adornos "unerträglich", in denen er die Musik eines Fritz Kreislers ein für allemal "liquidiert" und alle "Hans-Jürgen und Utes" am liebsten umgebracht sehen will. Wundern tut sich der Rezensent darüber, dass nur Adorno auf dem Titelblatt des Bandes als Autor angegeben ist, denn seine Frau Gretel hat sich an den Briefen rege beteiligt, wie Lepenies mitteilt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.09.2003

Vorsichtig ist Elisabeth von Thadden an die Briefe von Theodor Adorno an die Eltern herangegangen, nach der "merkwürdig anrührenden" Lektüre aber würdigt sie die Ausgabe als "die Neuerscheinung des Jubiläumsjahrs, die ein neues Bild zeichnet". Das liege einerseits natürlich an Adorno selbst und seinen "eindrücklichen" bis "traurig-absurden" Briefen; die Thadden übrigens von jeglichem Kitschverdacht freispricht. Für sie ist die Verwendung von Tiernamen für Bekannte mehr ein "Spiel mit Umbenennungen" als infantiles Gehabe. Die editorische Leistung von Christoph Lödde und Henri Lonitz vervollständigt den guten Eindruck der Rezensentin. Sie lobt die "minutiöse Kommentierung", die "im Privaten angemessen diskret", im biografischen Zusammenhang allerdings leider "zu knapp" ausfalle.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.08.2003

Will man wirklich auch die infantilsten Seiten einer bedeutenden Persönlichkeit erhellt sehen, fragt Thomas Macho, zumal wenn die privaten Ergüsse stilistisch unter dem Niveau des für die Veröffentlichung Bestimmten rangierten? Will man lieber nicht, lautet seine Antwort - doch Rezensenten wollen vielleicht nicht, aber müssen gelegentlich. Der Adorno'sche Briefwechsel mit seinen Eltern ist insofern eine Besonderheit, klärt uns Macho auf, als dass er einen weiten Zeitraum umfasst, überwiegend den Zeitraum von Adornos Emigration nach Amerika. Historisch am interessantesten seien daher auch die Briefe aus Los Angeles an seine in New York verbliebenen Eltern, die den künstlerisch-intellektuellen sowie menschlichen Austausch unter den Emigranten dokumentieren. Dazu zählen die Bekanntschaft mit Schönberg und Thomas Mann, die Zusammenarbeit mit Horkheimer und Eisler; nur Benjamin tauchte kaum auf in den Briefen, wundert sich Macho, wohingegen es sich Adorno nicht hätte verkneifen können, einen Dankesbrief von Thomas Mann für ein gelungenes Abendessen beizulegen. Ansonsten zeugten die Briefe von einer ungebrochenen Intimität, die sich zahlreicher tierischer Kosenamen bediene und vor allerlei Hassausbrüchen nicht zurückscheue, die dem Rezensenten in ihrer Heftigkeit und Gemeinheit teilweise die Sprache verschlagen haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2003

Während "brieflicher Sadismus" in der Regel, wie Rezensent Lorenz Jäger bemerkt, für den Leser "im höchsten Maß erheiternd wirkt", weil "die Entlastung von der inneren Zensur" sich hier oft "in befreitem Lachen" entladen könne, finde der Leser in den hier vorgelegten Briefen Adornos an seine Eltern Stellen, bei denen es ihm gar "nicht wohl wird". Der Rezensent hat hier Sätze gefunden, zu denen er meint: "Wem es hier nicht die Sprache verschlägt, der hat keine." Vor allem diesen, über den emigrierten Violinvirtuosen Fritz Kreisler: "Diese ganze Art des Musizierens gehört liquidiert, und man fragt sich manchmal, ob die deutsche Barbarei, die zu dieser Liquidation beiträgt, nicht hier wie in vielem anderen gegen den eigenen Willen einen sehr gerechten Urteilsspruch vollstreckt." Oder wenn er am 1. Mai 1945 meldet: "Alles ist eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot." Hier, kommentiert Jäger unter Berufung auf den Frankfurter Germanisten Hartmut Scheible, gehe es nicht um "infantilen Sadismus", sondern um "geschichtsphilosophische Gewissheiten des Marxisten Adorno", die sich mitunter mit seinen "antipathischen Affekten" vermischten. Auch ansonsten, berichtet Jäger weiter, blitzt die Prosa, die man von Adorno gewöhnt sei, in diesen Briefen nur gelegentlich auf.