Deutschland befindet sich in einem aufgewühlten seelischen Zustand. Vielen Menschen geht es zwar gut und sie erleben ihr Land als Insel des Wohlstands in einer Welt krisenhafter Umbrüche. Dennoch rumort es: Unzufriedenheit, blanke Wut und Hass artikulieren sich nicht nur in den sozialen Netzwerken. Der soziale Zusammenhalt schwindet, radikale Parteien sind auf dem Vormarsch. Immer mehr Bürger haben das Gefühl, dass die Zukunft nur schlimmer werden kann.
Aber was hat die Menschen so aufgebracht? Stephan Grünewald erstellt anhand tausender psychologischer Tiefeninterviews des Rheingold-Instituts ein aufrüttelndes Psychogramm der Nation. Er untersucht den zunehmenden Argwohn vieler Menschen, von der Politik und den Eliten verraten zu werden und zu wenig Wertschätzung zu erfahren. Er beleuchtet anschaulich die Quellen der Wut, Ohnmacht und Erschöpfung in einem Alltag, der zunehmend durch Perfektionsansprüche und einen digitalen Machbarkeitswahn geprägt ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.06.2019
Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Dieselkrise - seit Jahren kommt Deutschland nicht aus dem Krisenmodus heraus, wird die Gesellschaft von Abstiegsangst und Zukunftssorgen umgetrieben und in gegnerische Lager gespalten, die sich verständnislos und bisweilen feindselig gegenüberstehen. Zeitdiagnostische Sachbücher haben da Konjunktur, und Christoph Dorner hat sich einen Stapel davon vorgenommen, darunter den Bestseller "Wie tickt Deutschland?" des Kölner Psychologen Stephan Grünewald. Seine Methode der auch zu Psychotherapien oder Marktforschung eingesetzten Tiefeninterviews soll unbewusste Einstellungen und Vorurteile zu Tage fördern und produziert tatsächlich auch plausible Ergebnisse, etwa zu der Angst, zu den Globalisierungs- oder Digitalisierungsverliern zu gehören, stellt der Rezensent fest. Doch bei näherer Betrachtung fehlen Dorner für einige von Grünewalds Thesen die nachvollziehbaren wissenschaftlichen Quellen und Belege. Da zieht sich der Autor auf "eine Art deutsche Gefühlsmasse" zurück, die ohne sozialen Kontext zum Stereotyp verkommt, bedauert der Rezensent, der das Buch daher letztlich "etwas unbefriedigend" findet.
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