Johann Wolfgang von Goethe war nicht nur als Dichter und Schriftsteller ein Kristallisationspunkt seiner Zeit. Sein umfangreiches literarisches Werk bezeugt eine eingehende Beschäftigung mit Naturforschung und sein Leben ist von einem ununterbrochenen, intensiven Erleben der Natur in allen Erscheinungen tief geprägt und geformt. Souverän erschließt Stefan Bollmann in dieser Biografie dieses lange Zeit vernachlässigte Naturverständnis und vermittelt uns ein überraschend neues Goethebild. Auf einer spannenden Entdeckungsreise durch Goethes Landschaften, seine Texte und Gedanken begleiten wir ihn in Italien, in der Schweiz, beobachten ihn bei seinen Forschungen in Thüringen und im Harz. Wir nehmen teil an seinen geologischen, anatomischen, botanischen und optischen Untersuchungen, werden Zeuge seiner Freundschaft mit Alexander von Humboldt - und verstehen unsere eigene tiefe Sehnsucht nach der Natur neu. Goethe kann uns lehren, unsere Stellung in der Natur neu zu verorten.
Marc Reichwein trifft in Stefan Bollmanns Goethe-Buch vor allem auf pfiffige Zitate. Dass die Philologie den Band geflissentlich übersehen wird, ahnt Reichwein schon. Für ihn aber taugt das Buch trotz fehlender Kurzschließung von geognostischem und literarischem Goethe allemal zur lehrreichen Unterhaltung. Goethe als Naturflüsterer und Sklave naturkundlicher Leidenschaften? Aber gern, findet Reichwein, auch wenn der Autor mit seiner These, Goethe habe in Italien statt Kunst und Ruinen vor allem Blumenkübel und Taschenkrebse besichtigt, schon recht steil ansetzt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.04.2021
Rezensent Thomas Steinfeld lernt Goethe als Naturforscher kennen mit dem Buch von Stefan Bollmann. Verdienstvoll findet er Bollmanns kompakte chronologische Erfassung von Goethes naturwissenschaftlichem Riesenwerk, angefangen bei dessen Studien über den Elefantenschädel bis zur Abhandlung über die Puffbohne, das sich ihm beim Lesen lebendig erschließt. Dass der Verlag von einer Biografie spricht, findet Steinfeld allerdings irreführend, kommen Goethes Dichtungen im Buch doch höchstens am Rande vor. Bollmanns Versuch einer Aktualisierung Goethes als Erfinder der Gaia-Theorie scheint Steinfeld außerdem überflüssig.
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